Compact-Magazin weitet Propaganda aus

Von Horst Freires
03.09.2021 -

Das als rechtsextremer Verdachtsfall unter Verfassungsschutz-Beobachtung stehende Compact-Magazin von Jürgen Elsässer erhöht vor der anstehenden Bundestagswahl noch einmal seine Propagandatätigkeit. Dazu hat man seinen wöchentlichen Video-„Journalismus“ um die Variante eines eigenen Nachrichten-Formats mit künftig täglicher Ausstrahlung erweitert und nach eigenen Angaben 250 Großplakate mit Botschaften gegen Die Grünen in den Umlauf gebracht.

Ausschnitt des Anti-Grünen-Plakats des Compact-Magazins, Foto: Screenshot

Im Auftrag des Compact-Magazin ist derzeit laut eigenen Angaben ein 7,5-Tonner-LKW gezielt unterwegs, um bei Veranstaltungen der Partei Die Grünen mit Desinformations-Parolen als Störenfried aufzutreten. Dafür nutzt man vor allem die Textzeile „Grün, grün, grün sind alle ihre Lügen!“ Vornehmlich im Raum Berlin und Brandenburg - Letzteres, weil dort Spitzenkandidatin Annalena Baerbock residiert – soll die Anti-Grünen-Kampagne umgesetzt werden, die nach Angaben des Magazins 70.000 Euro kostet. Als erste Station der optischen LKW-Provokation tauchte das Fahrzeug am Dienstag bei einer Baerbock-Kundgebung in Potsdam auf. Laut Jonathan Sachse, Investigativjournalist von „Correctiv“, ist für die Plakatierung die mediateam Werbeagentur GmbH verantwortlich, die zur Ströer-Gruppe gehört.

Neues Sendeformat

Elsässer, wegen seiner rechtspopulistisch-orientierten Ausrichtung als ehemals aus linkspolitischen Zusammenhängen kommender Publizist auch lange der sogenannten Querfront zugerechnet, ist mittlerweile voll in rechtsextremistische Kreise eingetaucht, was seine Verbindungen zu „Flügel“-Politikern der AfD angeht, allen voran Björn Höcke, aber auch seine Nähe zu Martin Sellner und dem gesamten Umfeld der Identitären Bewegung. Da passt ins Bild, dass Elsässer zu den Mitgründern des neurechten Bewegungsportals von „Ein Prozent“ gehört.

„Compact – Der Tag“ lautet der Titel eines laut Magazin ab 8. September künftig täglich auf einem eigenen Internet-Sendekanal angekündigten neuen Formats, das zum Monatsstart eine erste Pilotsendung ausstrahlte. Großspurig wirbt man damit, sich mit dem Sendeneuling „auf Augenhöhe mit dem etablierten Fernsehen“ zu bewegen oder, wie es der Mitarbeiter Martin Müller-Mertens ausdrückt, damit sei niemand mehr auf „Tagesschau“, „heute“ oder „rtl-aktuell“ angewiesen.

Bettelaufruf um Spenden

Moderiert wurde der Probelauf von Natalie Ziske, Schwester von Katrin Nolte, die wiederum als Compact-Gesicht bisheriger Video-Beiträge von Compact TV bereits bekannt ist und mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Nolte verheiratet ist. Als Reporterin im Einsatz: Sophia Fuchs. Der Teenager aus Schleswig-Holstein posierte im Oktober 2020 als Covergirl des Magazins, dass nach eigenen Angaben eine Auflage von 40.000 Exemplaren hat und sich stetig um Sonderveröffentlichungen bemüht. Nach eigenen Angaben hat Fuchs ein Schulpraktikum bei Elsässers Magazin gemacht.

Sie sei ein Fan von Mathilde Ludendorff, was dann wohl bedeutet, dass sie auch deren völkisch-antisemitische Doktrin teilt. Offenherzig lässt sie in einem im Vorjahr gemachten Talk mit dem zur Querdenker-Szene zählenden „Zorro Kenji“, bürgerlich Eric Protzner, zudem wissen, dass sie sich „im Widerstand“ befinde, Corona-Protestdemos in Stuttgart und Mannheim besucht hat, Volkstanz mag und „Merkel muss weg“-Demos in Hamburg besuchte, die vom dortigen Verfassungsschutz als eindeutig rechtsextrem gesteuert bewertet wurden.

Zur Finanzierung wird Elsässers Klientel erneut um Spenden angebettelt. Was der Compact-Chef in Bezug auf sein neues Nachrichtenangebot als „lockeren Infotainment-Stil“ ankündigt, hat mit journalistischem Handwerkszeug und Sorgfaltspflicht rein gar nichts zu tun. Schon die Themenauswahl der Pilotsendung und die Durchmischung von Bericht, Interview, Kommentierung, Unterhaltung und Eigenwerbung in rund 20 Minuten ist billigste Propagandaverbreitung mit dem Schein angeblicher Seriosität. 

Nachrichten von rechts in der Vergangenheit erfolglos

Die Idee, alternative rechtslastig bis rechtsextreme eigene Nachrichten im Internet auszustrahlen, ist nicht neu. Daran hatte sich bereits der frühere hessische NPD-Funktionär Marcel Wöll im Herbst 2006 versucht. Seine „Kritischen Nachrichten“ waren eine Art NPD-Wochenschau, doch fehlende Resonanz und wohl auch mangelnde finanzielle Ressourcen ließen das Projekt schnell einschlafen. Auch der verschwörungslastige Kopp-Verlag wollte 2010 mit den „Kopp-Nachrichten“ und der Sprecherin Eva Herman ein zusätzliches Medienformat etablieren, scheiterte aber ebenfalls.