Comics als rechte Propaganda

Von Kai Budler
27.11.2020 -

Erneut setzen Neonazis für ihre Propaganda auf Comics. Dafür gibt es jetzt einen eigenen Verlag im Geflecht des rechten Netzwerks „Ein Prozent“.

Michael Schäfer, seit Jahren in extrem rechten Kreisen unterwegs, Foto: Kai Budler

Das extrem rechte Netzwerk „Ein Prozent“ spart wahrlich nicht mit Superlativen. Als „einzigartiger Motor der Gegenkultur“ sei es seine Pflicht, einen „bewusst patriotischen Comicverlag“ dabei zu unterstützen, der „eine Lücke in der deutschsprachigen Comicszene und im Bereich der grafischen Kunst“ schließe.

Die Rede ist von dem im Juni 2020 ins Handelsregister eingetragen „Hydra-Verlag“ mit Sitz in der Dresdner Kurt-Beyer-Straße. Wie üblich suhlt man sich gerne in der Opferrolle: Der Verlag biete Mitgliedern der Comic- und Kunstszene eine Heimat, deren „abweichende Meinungen“ angeblich in der Gesellschaft nicht geduldet würden.

Alle unter einem Dach

Dabei hatte der Kulturwissenschaftler Georg Seeßlen unter dem Titel „Faschismus in (Comic-)Bildern“ bereits 2012 geschrieben: „Je populärer ein Medium, desto durchlässiger scheinen die Grenzen zwischen Mainstream, rechtskonservativem Rand und offen faschistischer Mordgesinnung“. Ein Blick auf die Verlagsadresse zeigt, dass „Ein Prozent“ und „Hydra“ weitaus mehr verbindet als eine bloße Förderung.

In dem zweigeschossigen Haus in der Kurt-Beyer-Straße 2 residieren sowohl das rechte Netzwerk als auch der Verlag. Auch der Oikos-Verlag mit seinem Blatt „Die Kehre – Zeitschrift für Naturschutz“ ist hier beheimatet. Bereits im Mai 2019 hatten Beobachter in Dresden registriert, dass sich neben dem Namen des Vorstandsvorsitzenden von „Ein Prozent“, Philip Stein, auch der Name von Michael Schäfer am Klingelschild des Hauses befände.

Der 38-Jährige, der sich im Netz auch als Kunden- und Projektbetreuer präsentiert, ist der alleinige Geschäftsführer des „Hydra-Verlag“ und hat eine lange Geschichte in der extrem rechten Szene. Einst war er Führungsmitglied der 2005 aufgelösten „Wernigeröder Aktionsfront" (WAF) in Sachsen-Anhalt, laut der Studie "Verfassungsfeind NPD" ein „als bandenartig zu charakterisierender Personenzusammenschluss" mit bis zu 30 Mitgliedern.

Kultureller Einfluss soll ausgedehnt werden

Später saß er im Stadtrat von Wernigerode und war Fraktionsvorsitzender der NPD im Harzer Kreistag. 2007 avancierte er zum Bundesvorsitzenden der „Jungen Nationalisten“ (JN) und war als parlamentarischer Berater der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag tätig. In die Zeit von Schäfers JN-Vorsitz fällt auch der Versuch, bereits 2009 mit dem Medium Comic zu arbeiten. Das JN-Projekt „Der  große  Kampf“ erschien im Vorfeld der Bundestagswahl und war eine fantasielose Comic-Adaption des englischen Bilderheftes „The Fable of the Ducks & Hens – A Dramatic Saga of Intrigue, Propaganda & Subversion“ zum gleichnamigen Gedicht von des Rassisten und Antsemiten George Lincoln Rockwell.

Mittlerweile bewegt sich Schäfer im Umfeld der „Identitären Bewegung“ und war im April 2017 zu Gast beim Kongress „Europa – Comunita di popoli civilta“ im Hauptquartier der italienischen Casa Pound in Rom. Dort saß der „Ein Prozent“-Vorsitzende Philip Stein auf dem Podium, auch sein aktueller Stellvertreter John Hoewer ist auf Bildern zu sehen. Und so entpuppt sich der angeblich von „Ein Prozent“ unterstützte „erste bewusst nonkonforme Comicverlag in Deutschland“ als weiteres Nebenprojekt des rechten Netzwerks, um seinen kulturellen Einfluss auszudehnen.