Braungefärbtes „Wutbürger“-Spektrum

Von Michael Klarmann
09.09.2019 -

In Mönchengladbach haben am Sonntag rund 700 Personen an einem rechtsextremen und fremdenfeindlichen Aufmarsch teilgenommen. Ihr Protest richtete sich – angeblich – „gegen Gewalt“, womit vorrangig jedoch nur jene gemeint war, die von Straftätern mit Migrationshintergrund ausgeht.

Rechte „Wutbürger“ marschieren gemeinsam mit Neonazis und Hooligans; Photo: M.K.

Es ist ein denkwürdiger Moment gegen 14.20 Uhr hinter dem Hauptbahnhof auf dem Platz der Republik, üblicherweise ein Parkplatz für Bahnreisende. Dominik Roeseler, Ex-Funktionär von „pro NRW“ und Mitgründer der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa), heute Chef des rechtsextremen Vereins „Mönchengladbach steht auf“, ruft den Teilnehmern der von ihm angemeldeten Versammlung zu: „Seid ihr bereit? […] Was wollen wir?“ Der Aufmarsch setzt sich in Bewegung, darunter viele rechte und gewaltbereite Hooligans, Rechtsextremisten und Neonazis. „Stoppt die Gewalt!“ skandiert der Tross, der fortan im engen Polizeikordon durch die Innenstadt zieht.

Den Aufmarsch selbst unterstützen fast 30 Initiativen und Gruppen, (bnr.de berichtete) darunter nicht wenige Hooligans aus Städten und von Fußballvereinen, die zuweilen als verfeindet gelten und sich auch schon Schlägereien untereinander lieferten. Rocker und Hooligans aus Düsseldorf, Essen, Köln, Duisburg und Mönchengladbach marschieren an diesem Sonntag nun aber vereint durch die Straßen der Stadt am Niederrhein. Angeblich will man alle Gewalt verurteilen, doch in den Reden später und den skandierten Parolen wird deutlich, dass lediglich jene kritisiert wird, die durch Dunkelhäutige, Migranten, Muslime oder Geflüchtete begangen wird.

Vermutet worden war im Vorfeld, Roeseler wolle am 8. September in seiner Heimatstadt einen Aufmarsch abhalten, der unter dem Schlagwort HoGeSa 3.0 firmieren könnte. Der Rechtsextremist ist zwar 2014 noch für „pro NRW“ in den Stadtrat gewählt worden, hat allerdings seitdem fast nie an Sitzungen teilgenommen.  Im Oktober 2018 gab Roeseler laut Lokalzeitung in einem Prozess an, „Hartz IV für Selbstständige“ zu beziehen. Der Ratsmann und sein Umfeld organisieren zugleich seit Jahren in regelmäßigen Abständen Aufmärsche und Kundgebung und legen so im Zusammenspiel mit den Gegenprotesten zuweilen Teile der Innenstadt lahm.

„Besorgte Bürgerin“ mit gelber Warnweste

Zugleich schmiedet Roeseler immer wieder Bündnisse um – bestenfalls große – Proteste zu organisieren. Wie etwa im Vorfeld dieses Sonntags. Das Spektrum der Teilnehmer ist zwar geprägt von Hooligans wie der „Bruderschaft Deutschland“ (unter anderem Düsseldorf) oder den „Steeler Jungs“ (Essen), gleichwohl sind Rechtsextremisten und Neonazis sowie „Wutbürger“ aus dem Pegida-Lager anwesend, dazu vereinzelt „Identitäre“, „Gelbwesten“, „Reichsbürger“ und Verschwörungsgläubige. Hinzu kommen noch Anhänger und einige einfache Mitglieder – ohne Funktion – der AfD.

Die Irrationalität jenes Schulterschlusses symbolisiert dabei ein kurzer Moment, als eine „besorgte Bürgerin“ mit gelber Warnweste und der Rückenaufschrift „Angst ist nicht Rechts!“ vermitteln möchte, hier seien noch nicht mal „Rechte“ zugegen. Direkt daneben steht allerdings ein Kölner Neonazi mit „Good Night Left Side“-Shirt. Der junge Mann aus der Domstadt ist zuvor schon bei anderen Aufmärschen und Kundgebungen aufgefallen, weil er den Hitler-Gruß gezeigt hat – und das sogar in die Objektive der Fotografen, weswegen in einem Fall das Bild medial Verbreitung gefunden hat. Angst? Rechts? Rechtsextrem?

NPD- und „Die Rechte“-Funktionäre vor Ort

NPD-Landeschef Claus Cremer ist anwesend, ebenso Vertreter und Mitglieder des Vorstands der örtlichen NPD. Aus Dortmund sind Kader der neonazistischen Miniaturpartei „Die Rechte“ (DR) um deren Bundesgeschäftsführer Michael Brück angereist. Dass aus DR-Kreisen kürzlich noch vor dem Anführer der „Volksgemeinschaft Niederrhein“ (VGN) gewarnt worden ist und man einforderte, diesen bei Versammlungen nicht mehr zu dulden, (bnr.de berichtete) spielt am Sonntag keine Rolle. Kevin G. und seine Neonazi-Gruppe sind mit mehreren „Kameraden“ vor Ort.

Neben den erwähnten Hooligan-Gruppen, die sich zuweilen auch als schlagkräftige Bürgerwehren inszenieren, sind ebenso das „Frauenbündnis Kandel“ und Myriam, „die Stimme von Kandel“, sowie „Pegida NRW“ vor Ort. Darüber hinaus Gruppen aus dem Ruhrgebiet, die als „besorgte“ Mütter oder Eltern auftreten und sich vor geraumer Zeit noch zerstritten und gespalten haben. Auch Volker F. und Ulrike H. von der aktionistischen Kleinstgruppe „Widerstand steigt auf!“ (bnr.de berichtete) sind dabei, tragen beim Aufmarsch sogar Schilder mit der Losung „Stoppt die Gewalt!“. Erst am 9. April weilte H. als Gast beim AfD-Kreisverband Städteregion und hatte dort ihr Projekt als Referentin in einer Powerpoint-Präsentation vorgestellt. Der Hauptreferent jenes Abends in Alsdorf war der AfD-Landtagsabgeordnete Martin Vincentz. Er lobte H. und „Widerstand steigt auf!“ als ein „wunderschönes Beispiel“ für einen „bunten Protest“. Die Aktionen seien etwas „mosaikartige[s in] unserer Bewegung“, so Vincentz seinerzeit.

„Reichsbürger“-Rapper mit Landesflagge

In Mönchengladbach nehmen am Sonntagnachmittag selbst zwei der am Landgericht Aachen wegen Drogenhandels in erster Instanz verurteilten Rechtsextremisten (bnr.de berichtete) am Aufmarsch teil. Beide unterhalten sich zu Beginn angeregt mit Brück. Angereist ist auch Edwin Wagensveld, Kopf von Pegida in den Niederlanden, wohnhaft in Süddeutschland. Unfreiwillig komisch wirkt zeitweise der Rapper und HipHopper „Master Spitter“, ein „Reichsbürger“ aus dem benachbarten Jüchen, der zeitweise über Lautsprecher die Parolen vorgibt. Da nur schwarz-rot-goldene Flaggen geduldet sind hat er sich eine kleine Landesflagge der sonst von ihm angezweifelten Bundesrepublik an seine Ordner-Armbinde geklemmt.

Als Redner hat laut Veranstalter kurz zuvor ein Vertreter der „Identitären Bewegung“ (IB) abgesagt. Roeseler selbst hält einige kurze Reden, Stefanie van L. aus Köln eine Rede im Namen von „NRW stellt sich quer“ und Marco Kurz für das „Frauenbündnis Kandel“. Vertreter des Bündnisses sind eigens mit einem Reisebus angereist, der rechtsextreme Influencer Henryk Stöckl trifft ungefähr zeitgleich mit diesen am Niederrhein ein und streamt den Aufmarsch live via Internet. Zu Beginn wird Stöckl von Fans umringt, einige wollen ein Selfie mit ihm machen. Denn längst wird er – Typ Schwiegermutters Liebling – wegen seiner Livestreams und manch verbreiteter Fake News als Star der Szene gefeiert.

Liedermacherin vom „Frauenbündnis Kandel“

Sporadische Livestreams bietet an diesem Tag auch Carsten Jahn aus dem Kölner Umland an, bis vor einigen Jahren noch als NPD-Funktionär aktiv. Seitdem versucht Jahn immer wieder Splitterparteien oder Initiativen am rechten politischen Rand zu initiieren, zuletzt suchte er gar die Nähe zur AfD am Niederrhein. Als Vloggerin vor Ort ist ebenso die frühere „Identitären“-Aktivistin Lisa Licentia, die als junge Frau neben manch bulligem Hooligan auffallend zierlich wirkt. Verspätet trifft eine AfD-Frau aus Düren ein, die ihren Livestream deswegen erst kurz vor Ende des Aufmarsches beginnen kann. Immerhin kann so eine Frau, die sich als Vertreterin der „Gilets jaunes“ zu erkennen gibt, noch live einen Protest der Gelbwesten in Brüssel, „der Hauptstadt der Vierten Reiches“, bewerben.

Vom „Frauenbündnis Kandel“ anwesend ist ebenso die Liedermacherin Julia Juls. Sie spielt im Verlauf einer Kundgebung Lieder aus ihrem eigenen Repertoire. Zuvor, so teilte sie in den sozialen Netzwerken mit, habe Kurz sie inspiriert, doch auch einen Song der früheren NPD-Liedermacherin Annett einzuüben und zu spielen. Ihre eigene Version des Liedes hatte Juls auch im Vorfeld aufgenommen und via Internet verbreitet. Nachdem Annett sich vor Jahren von der rechtsextremen Szene gelöst hat unterbindet sie nun das Spielen ihrer Songs mit der Androhung von Klagen wegen Urheberrechtsverletzung. Julia Juls ruderte nach einer solchen Ankündigung zurück, spielt also doch kein Annett-Song in Mönchengladbach.

„Massiv Widerstand leisten und ein Feuer entfachen“

Gewalt ist Teil der Hooligan-Subkultur, Gewalt und der „Kampf gegen das System“ sind überdies elementare Bestandteile in der rechtsextremen und neonazistischen Welt. Dass am Sonntag durch die Straßen Mönchengladbachs keine Pazifisten ziehen, wird auch an den Reden deutlich. Kurz vom „Frauenbündnis Kandel“ müht sich nicht nur mit den Tücken der Technik und den Aussetzern der Lautsprecheranlage ab, sondern erklärt ebenso, wann seiner Auslegung des Grundgesetzes zufolge die Bevölkerung legitimiert sei Widerstandshandlungen gegen Staat und Politiker als „Notwehrrecht“ gegen das heutige „Unrechtsregime“ und dessen „schweren Staatsverbrechen“ zu organisieren. Wahlen änderten ja nichts, findet Kurz. Es lässt sich bei seiner zuweilen verschwörungsideologischen Rede und den „Widerstand“ sowie „Merkel muss weg!“-Rufen des Publikums erahnen, dass jener Widerstand nicht gewaltfrei ablaufen wird.

Stefanie van L. aus Köln tritt danach für „NRW stellt sich quer“ ans Mikrophon. Gewalt, ruft sie in der für sie üblich agitatorischen Art dem in Teilen gewaltaffinen bis gewaltbereiten Publikum zu, werden man stoppen. Es gehe nun darum den „Wendepunkt“ einzuleiten und eine „Flamme der Hoffnung durch die ganze Nation [zu] tragen“, denn man sei der „deutsche Widerstand“. Man werde „massiv Widerstand leisten“ und ein „Feuer entfachen“ und dabei „keinen einzigen Schritt mehr weichen“, denn es müsse nur noch „vorwärts“ gehen. Dieser „Widerstand“, schreit van L. zuweilen sehr aggressiv mit sich überschlagender Stimme, lasse sich „niemals brechen“ und werde sich „niemals beugen vor der Obrigkeit“, man werde „kämpfen“. Stopp der Gewalt?

Teilnehmer der rechtsextremen Versammlung wurden zu Beginn in einem Zelt der Polizei kontrolliert. Gegen drei Personen leitet die Polizei später Verfahren wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ein, sie haben demnach gegen das Vermummungsverbot verstoßen. Weiterhin leiteten die Beamten zwei Verfahren wegen des Verdachtes der Volksverhetzung ein. Roeseler selbst dankt am Ende des Aufmarsches dennoch der Polizei für ihre gute Kooperation und Arbeit. Hooligans und Rechtsextremisten skandieren gemeinsam: „Eins, zwei drei – danke Polizei!“