„Autonome Nationalisten Berlin“ geben auf

Von Theo Schneider
04.09.2017 -

Neonazi-Splittergruppe in der Hauptstadt erklärt ihre Auflösung. Ein für Samstag geplante Aufmarsch fiel ins Wasser.

„Autonome Nationalisten“, darunter Berliner ANler beim Aufmarsch in Marzahn-Hellersdorf am 2. April 2016; Photo: Th.S.

Das Ostberliner Grüppchen „Autonomen Nationalisten Berlin“ (AN-Berlin) gibt seine Auflösung bekannt. Seit Mittwoch heißt es auf der Homepage der neonazistischen Kleinstgruppe: „Nach mehreren und längeren Gesprächen haben wir beschlossen nicht weiter als ‚Autonome Nationalisten Berlin’ aufzutreten oder unter diesem Namen weiter zu machen“. Der Zusammenschluss löst sich damit nach nicht einmal zweijährigem Bestehen schon wieder auf. Die wenig aufschlussreiche Erklärung: „Wir hatten unsere Höhen und Tiefen doch irgendwann ist auch mal Schluss. Ab jetzt geht jeder wieder seinen eigenen Weg“, so die Neonazi-Clique.

Selbst zu Höchstzeiten zählten sie keine zehn Personen. Der braunen Minigruppe waren die ehemaligen NPD-Kandidaten Kai Schuster und Lukas Lippitz sowie der Nachwuchs-Neonazi Marcel R. zuzurechnen. Sie war der Hauptstadt-Ableger des 2016 gebildeten bundesweiten Neonazi-Netzwerks „Antikapitalistisches Kollektiv“ (AKK) und hatte ihren Tätigkeitsschwerpunkt im Ostberliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf, wo sie besonders durch Aufkleber und Graffitischmierereien auffiel. Mit dem gleichnamigen Label „Autonome Nationalisten Berlin“, das von der „KS-Tor“ und anderen Kameradschaften Mitte der 2000er Jahre zeitweilig genutzt wurden, hatte der Zusammenschluss aber nichts zu tun.

Beteiligung an rechter Randale

Die AN-Berlin machte in den vergangen zwei Jahren vor allem durch offen NS-verherrlichenden Postings in sozialen Netzwerken sowie der Teilnahme an extrem rechten Aufmärschen anderer Gruppierungen auf sich aufmerksam. So beteiligten sie sich regelmäßig am „Merkel muss weg“-Aufmarsch (bnr.de berichtete) und bundesweiten Neonazi-Zusammenkünften wie dem 1. Mai 2016 in Plauen samt den dortigen Ausschreitungen. (bnr.de berichtete) Auch beim diesjährigen 1. Mai Event in Halle, das von Gegendemonstranten blockiert wurde, wollten Aktivisten der AN-Berlin aufmarschieren und waren später an der Randale im thüringischen Apolda beteiligt. Vier Berliner befanden sich dort schließlich unter den Festgenommenen. (bnr.de berichtete)

Zerfallserscheinungen waren zu dieser Zeit aber schon absehbar. Unter anderem suchten andere Aktivisten der Gruppe bereits die Nähe zum neonazistischen „III. Weg“, zogen an diesem Tag statt dem AKK-Event in Halle lieber den Aufmarsch der Neonazi-Partei in Gera vor.

Ihren größten Auftritt in Berlin hatten die AN Berlin am 2. April 2016 bei einem Aufzug in Marzahn-Hellersdorf. Zusammen mit anderen ostdeutschen Gruppen aus dem AKK bildeten sie bei dem flüchtlingsfeindlichen Aufmarsch „Freiheit statt Angst“ an der Spitze einen rund 50-köpfigen schwarzen Block. Dabei trugen sie unter anderem antisemitische Transparente und versuchten, mit gewalttätigem Habitus Gegendemonstranten einzuschüchtern. (bnr.de berichtete)

Schlechte Mobilisierung für geplanten Aufmarsch

Unter dem Motto „Deutsche Kieze schaffen“ hatte die Gruppe ursprünglich für Samstag ihren ersten eigenen Aufmarsch in Berlin-Hellersdorf geplant. Bereits seit Mai warben die Berliner mit schlecht layouteten Flugblättern und Plakaten sowie einer Sonderseite für die Veranstaltung, allerdings ohne wahrnehmbare Resonanz in der Szene. Lediglich vereinzelt in Marzahn-Hellersdorf durch sie selbst und einmal in Wittstock/Dosse (Brandenburg) waren Aufkleber und Plakate für die Veranstaltung aufgetaucht. Ein Vortragsnachmittag in Goslar vom „Kollektiv Nordharz“ Mitte August (bnr.de berichtete), bei dem ein Infotisch der Berliner für ihren Aufzug werben sollte, fand nicht statt. Kaum eine Neonazi-Gruppe bewarb den Termin im Internet. Der geplante Aufmarsch war also schon im Vorfeld als Reinfall absehbar.

Bereits in der vorvergangenen Woche zogen die Veranstalter deswegen die Reißleine und verkündeten vor wenigen Tagen kleinlaut, dass aus „organisatorischen Gründen“ der Aufmarsch abgesagt werden muss. Offensichtlich hatte sich neben der schlechten Mobilisierung auch schon der Zerfall der Gruppe abgezeichnet.

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