Antisemitismus in Thüringen: Keine Entwarnung

Von Kai Budler
08.12.2021 -

Der aktuelle „Thüringen Monitor 2021“ misst einen Rückgang extrem rechter Einstellungen im Freistaat, warnt aber vor Antisemitismus und einer Radikalisierung der Corona-Skeptiker in Thüringen.

Auszug aus der neuen Studie

In Thüringen ist die Verbreitung gefestigter extrem rechter Einstellungen erneut gesunken. Der Anteil der Bürger mit einer solchen Einstellung sank im Vorjahresvergleich von 17 auf elf Prozent. Das geht aus dem jetzt vorgelegten Thüringen Monitor 2021 hervor, der die im Jahr 2000 begonnene Langzeitstudie fortsetzt.

Der aktuelle Anteil ist der niedrigste Wert seit Beginn der Messungen im Jahr 2001. Nach Angaben der Forscher existieren auf der äußerst rechten Seite des politischen Spektrums drei grundlegende Einstellungsmuster. Dazu gehören „Populismus, rechtsextrem-autoritärer Ethnozentrismus, d. h. die Überhöhung der eigenen Gruppe und Abwertung von Fremdgruppen, sowie rechtsextreme Demokratieablehnung“.

Vorbehalte gegenüber Muslimen rückläufig

Demnach teilt knapp die Hälfte der Befragten rechtspopulistische Einstellungen, mehr als jeder Fünfte äußert rechtsextrem-autoritär ethnozentrische Einstellungen und neun Prozent vertreten rechtsextrem-antidemokratische Einstellungen. Mehr als die Hälfe der Befragten stimmte der Aussage zu, „Wir sollten endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit des Nationalsozialismus ziehen“, knapp 50 Prozent glauben, „die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Mehr als ein Drittel ist der Meinung, „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ und 14 Prozent glauben, die herrschenden Eliten verfolgten das Ziel, „das deutsche Volk durch Einwanderer auszutauschen“.

Deutlich zurückgegangen sind Vorbehalte gegenüber Muslimen und Asylsuchenden, obwohl noch 43 Prozent der Befragten meinen: „Die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden.“ In ihrem Bericht warnen die Forscher davor, im Bereich des Antisemitismus Entwarnung zu geben. Immerhin glaubt fast ein Fünftel der Befragten, „Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazi-Zeit die Opfer gewesen sind.“

Zehn Prozent antisemitisch eingestellt

Die Wissenschaftler sprechen von einer beunruhigenden „Stabilität auf vergleichsweise höherem Niveau“. Knapp ein Viertel äußert mit Blick auf „die Politik, die Israel macht“ dafür Verständnis, „dass man etwas gegen Juden hat.“ In diesem Themenfeld wurde auch die Zustimmung zu zwei neu aufgenommenen Aussagen gemessen. So stimmen 17 Prozent der Befragten der Aussage zu, „Wenn man das wahre Gesicht der Juden erkennen will, muss man nur schauen, wie sie mit den Palästinensern umgehen.“

Im Zusammenhang mit der „Schuldabwehr“ erklärt knapp die Hälfte der Befragten, „Es wird immer nur von der Judenverfolgung geredet. Wie die Deutschen gelitten haben, davon redet niemand.“ Die Mehrheit, die dieser Aussage zustimmt, verorte sich selbst in der politischen Mitte, heißt es in dem Bericht. Nach der Zustimmung zu den insgesamt fünf abgefragten Aussagen im Bereich Antisemitismus gelten zehn Prozent der Befragten als „antisemitisch eingestellt“.

Forscher sehen Radikalisierung bei Anti-Corona-Bewegung

Eine große Herausforderung für die politische Kultur sehen die Wissenschaftler angesichts der Corona-Skeptiker im Freistaat. Zwar ist auch ihre Zahl im Vorjahresvergleich gesunken, im Bundesvergleich würden Corona-skeptische Einstellungen in der Thüringer Bevölkerung jedoch überdurchschnittlich häufig geteilt. Doch auch hier ist ein Rückgang zu beobachten. Mit 22 Prozent halten im Vergleich zum Vorjahr 13 Prozent der Befragten weniger „das Virus für nicht schlimmer als eine Grippe“. Um zehn Prozentpunkte auf 43 Prozent zurückgegangen ist die Zustimmung zur Aussage, dass die Medienberichterstattung über das Corona-Virus „stark übertrieben“ sei. Die Forscher beobachten jedoch „eine Radikalisierung der schrumpfenden Anti-Corona-Bewegung (…), die jedoch nicht in Richtung des klassischen Rechtsextremismus stattgefunden hat“.

Für den Thüringen-Monitor 2021 befragten die Forscher der Universität Jena im Auftrag der Thüringer Staatskanzlei zwischen dem 4. Juni und dem 3. Juli 2021 1.110 Personen in Thüringen. Er ist das 21. Gutachten zur politischen Kultur im Freistaat Thüringen. Ziel der Langzeitstudie ist die Untersuchung der politischen Einstellungen in der Thüringer Bevölkerung sowie der Demokratiegefährdung und der politischen Radikalisierung im Freistaat.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen