Antidemokraten als „Vordenker“: Ein Kalender der Neuen Rechten veranschaulicht deren Weltanschauung

Von Armin Pfahl-Traughber
06.01.2021 -

Der Antaios-Verlag hat einen Kalender mit weltanschaulichen Vorbildern veröffentlicht. Dabei handelt es sich fast durchgängig um antidemokratische Denker. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Neue Rechte.

"Es ist auch bemerkenswert, was oder wer fehlt: ein demokratischer Konservativer." Foto: Screenshot des Kalenders

Der Antaios-Verlag kündigt einen Kalender mit weltanschaulichen Vorbildern an. Dabei handelt es sich fast durchgängig um antidemokratische Denker. Dies wirf ein bezeinendes Licht auf die Neue Rechte.

Der Antaios-Verlag, der ebenso wie das „Institut für Staatspolitik“ zur Neuen Rechten und deren Umfeld gehört, bietet einen „Wandkalender 2021“ an. Dabei heißt es, hier würden in DIN A3-Größe „auf zwölf Monatsblättern Vordenker unserer weltanschaulichen Ausrichtung“ gezeigt. Der demokratietheoretische wie ideengeschichtliche Blick auf die Porträts ist von daher interessant, gehören zu den abgebildeten Denkern doch überwiegend Protagonisten diktatorischer Staatskonzeptionen.

Dies erlaubt dann für die Einschätzung des Instituts bzw. der Neuen Rechten wichtige Rückschlüsse. Es werden zwar keine nationalsozialistischen Akteure gezeigt, aber viele der porträtierten Denker hatten sich zumindest zeitweise mit dem Regime gemein gemacht. Eine ideologische Gemeinsamkeit bestand dann jeweils in der Negierung der Normen und Regeln eines demokratischen Verfassungsstaates. Dies war auch bei den Denkern der Fall, die bereits zuvor lebten und bezogen auf die NS-Diktatur als ideologische Wegbereiter gelten können.

Anhänger der antidemokratischen Konservativen Revolution als Vorbilder

Gleich drei der Gezeigten gehören zur Konservativen Revolution, welche den ersten demokratischen Verfassungsstaat der Weimarer Republik zugunsten einer diktatorischen Zukunft überwinden wollte. Dazu zählt insbesondere der Staatsrechtler Carl Schmitt, der mit einem Altersbild auch das Cover des Kalenders ziert. Ihm kam bei der staatsrechtlichen Begründung einer Entwicklung hin zu einer totalitären Herrschaft große Relevanz zu. Bereits zuvor definierte er Demokratie als Homogenität, was bezogen auf das Heterogene mit dessen Vernichtung bedeuten konnte.

Auch der Kulturphilosoph Oswald Spengler und „Untergang des Abendlandes“-Verfasser ist vertreten. In diesem Buch warb er für eine „cäsaristische Diktatur“ und sprach in anderen Büchern vom „Landesverrat“ des Parlamentarismus. Auch Ernst Jünger als bekannter Schriftsteller findet sich im „Wandkalender“. Er war gegen die Demokratie – und zwar aus Prinzip. Eine nationalistische Diktatur in militarisierter Gesellschaft sollte die Weimarer Republik ablösen.

Antidemokratische Philosophen und Verhaltensforscher als Vorbilder

Es gibt auch zwei bekannte deutsche Philosophen, die auf den Monatsblättern mit Porträtbildern gezeigt werden: Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche. Der Letztgenannte war indessen ein radikaler Sozialdarwinist. Ganz offen forderte er als Ausdruck seiner „Menschenliebe“, dass die „Mißratenen“ und „Schwachen“ untergehen sollten. Eine Diktatur wurde von Heidegger schon vor 1933 begrüßt, er trat dann am 1. März des gleichen Jahres der NSDAP wie Schmitt bei. Mittlerweile ist auch viel über dessen Antisemitismus ebenso wie bei dem Staatsrechtler bekannt.

Ebenfalls im Kalender vertreten ist Konrad Lorenz, der als Verhaltensforscher und Zoologe berühmt wurde. Seine Karriere begann als Mitarbeiter des „Rassenpolitischen Amtes der NSDAP“, wo er von der „Ausmerzung“ am „Volkskörper“ sprach. Auch nach 1945 änderte er diese Denkungsart allenfalls im Tonfall, war doch weiterhin die Rede von „genetischen Verfallserscheinungen“. Die heute noch bekannten Heidegger, Lorenz und Nietzsche waren somit keine demokratischen Vorbilder.

Rechtsextremistische Autoren als Vorbilder

Arnold Gehlen gehört als bedeutender Nachkriegssoziologe ebenfalls zu den Porträtierten. Auch er trat 1933 der NSDAP bei und machte im NS-Staat seine Wissenschaftskarriere. Das „Mängelwesen“ Mensch bedürfe, so seine durchgängige Grundposition, der „Führung“, der „Herrschaft“ – und einer von „oben institutionalisierten Weltanschauung“. Ein weiteres Blatt zeigt den Graphologen und Lebensphilosophen Ludwig Klages. Auch er klagte über „Blutverschlechterung“ und „Rassenmischung“. Antisemitische Äußerungen fanden sich bei ihm ebenfalls wie bei vielen anderen „Vordenkern“.

Ansonsten gibt es in der Auflistung noch den Publizisten Hans Dietrich Sander, der ein langjähriger Autor von Publikationsorganen des traditionellen Rechtsextremismus war und in seinen „Staatsbriefen“ für ein neues „Stauferreich“ warb, oder der Historiker Rolf Peter Sieferle, der in nachgelassenen Büchern antisemitische und geschichtsrevisionistische Positionen zu erkennen gab. Hier kann man ebenfalls nicht von Apologeten einer modernen Demokratie sprechen.

Bezeichnendes Licht auf die gegenwärtige Neue Rechte

Auch der österreichische Dramatiker und Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal ist vertreten, ein Anhänger von politischer Einheit auf ständestaatlicher Grundlage, der als Monarchist aber immerhin keine biologistischen Positionen vertrat. Und schließlich ist noch der als Gründungsvater der deutschen Soziologie geltende Max Weber abgebildet, welcher sich vom bekennenden Nationalisten zum liberalen Reformpolitiker entwickelte.

Bilanzierend hat man es aber fast durchgängig mit antidemokratischen Vordenkern zu tun. NSDAP-Mitglieder waren allein mindestens ein Viertel. Antisemitische Auffassungen bestanden zwar nicht bei allen, aber bei einem Großteil der Porträtierten. Keiner der genannten Denker akzeptierte einen demokratischen Verfassungsstaat, eine Ausnahme wäre allenfalls Max Weber. Es ist auch bemerkenswert, was oder wer fehlt: ein demokratischer Konservativer. All dies wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Neue Rechte. Sie bekennt sich offenkundig ausdrücklich zu der antidemokratischen Ausrichtung ihrer weltanschaulichen Vorbilder.