Anklage wegen versuchtem Sprengstoffanschlag

Von Kai Budler
21.10.2020 -

Die Generalstaatsanwaltschaft Celle hat gegen zwei südniedersächsische Neonazis Anklage wegen Sachbeschädigung, versuchter schwerer Brandstiftung und versuchter Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion erhoben. Mit einem Sprengsatz wollten sie im Juni eine Frau in Einbeck einschüchtern, die sich gegen Rechts und für Flüchtlingshilfe engagiert.

Mit einem Sprengsatz wollten Neonazis einer politisch Andersdenkenden einen „Denkzettel“ verpassen; Photo (Symbol): Tim Reckmann / pixelio.de

Mit knapp 31.000 Einwohnern ist das südniedersächsische Einbeck zwischen Göttingen und Hildesheim zwar die größte Stadt des Landkreises Northeim, doch in der ehemaligen Hansestadt mit ihren spätmittelalterlichen Fachwerkhäusern geht es eher ruhig zu. Nicht so am 10. Juni 2020, als in den frühen Morgenstunden eine Detonation in der Einbecker Innenstadt die Ruhe störte. Ein Einwohner alarmierte die Polizei: Er habe eine Explosion mit einer Rauchwolke an einem gegenüberliegenden Haus wahrgenommen. Eine andere Zeugin berichtete zehn Minuten später von zwei Personen, die nach dem lauten Knall davongelaufen seien. Die Beamten stießen auf die Reste von Sprengstoff, mit dem der Briefkasten der Bewohnerin weggesprengt worden war, auch die Haustür und das Mauerwerk wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Im Polizeibericht ist zu lesen, dass mindestens ein Täter versuchte, einen Sprengsatz in den Briefkasten zu stopfen, dieser aber offenbar frühzeitig explodierte. Dabei hatte sich der Täter nicht unerhebliche Verletzungen zugeführt. Davon zeugen die Blutspuren, denen die Beamten folgten und nach fünfminütigen Fußmarsch vor einem Mehrfamilienhaus landeten, in dem ein stadtbekannter Neonazi gemeldet ist.

Politisch Andersdenkende im Visier

Er war Teil einer dreiköpfigen Gruppe, auf die die Beamten wenig später bei ihrer Suche stießen. Darunter auch die polizeibekannten Jonas A. und Pascal Z., der mit starken Verletzungen an beiden Händen zu kämpfen hatte. Er erklärt, er sei mit Böllern beworfen worden und habe sich dabei verletzt. Nach einer Behandlung im Krankenhaus wieder in Einbeck eingetroffen, werden die beiden Tatverdächtigen auf dem Polizeikommissariat erkennungsdienstlich behandelt und anschließend wieder entlassen. Die Generalstaatsanwaltschaft Celle geht davon aus, die beiden Neonazis wollten in dem Wohnhaus, in dem auch Kinder schliefen, einen Brand herbeiführen, um erheblichen Sachschaden zu verursachen und eine Mieterin zu verletzen.

Die Frau, die sich bei der „Seebrücke“ Einbeck engagiert, war schon vorher von Neonazis bedroht worden. In einer labortechnischen Untersuchung ordnete das Landeskriminalamt (LKA) die Spuren am Tatort dem 26-jährigen Pascal Z. zu. Ihn und Jonas A. beschuldigt ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Celle der gemeinschaftlich begangenen vollendeten Sachbeschädigung, versuchter schwerer Brandstiftung und versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion. Anfängliche Ermittlungen wegen der Bildung oder Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung wurden hingegen eingestellt. Eine solche Vereinigung muss aus mindestens drei Personen bestehen, ein Tatnachweis gegen einen dritten Beschuldigten könne aber nicht geführt werden, heißt es seitens der Generalstaatsanwaltschaft.

Mögliches Untertauchen vorbereitet

Bei Hausdurchsuchungen Anfang April hatte die Polizei bereits die Wohnungen der zwei Neonazis durchsucht und Böller gefunden, die baugleich mit den später beim Anschlag verwendeten waren. Weil der Erwerb aber legal gewesen sei, wurden sie den Beschuldigten wieder ausgehändigt. Nach Angaben des LKA sei erst später bekannt geworden, dass die Zulassung für die Böller widerrufen worden war. Tatsächlich dürfen die entsprechenden Böller bereits seit 2018 nicht in Europa verkauft werden und erfordern eine behördliche Erlaubnis nach dem Sprengstoffgesetz. Für den 26-jährigen Beschuldigten jedenfalls besteht seit 2019 ein allgemeines Waffenbesitzverbot. Nach einem Krankenhausaufenthalt wegen seiner Handverletzungen fehlt von Pascal Z. in Einbeck jede Spur. Der Vorsitzende des Kreisverbandes „Die Rechte“ (DR), Tobias Haupt, erklärt der Polizei zwei Tage nach der Tat, er wisse nicht, wo sich Z. aufhalte. Dabei hatte er ihn doch erst wenige Stunden zuvor „in Osten gebracht“, wie er es im Gruppenchat schreibt, er sei „jetzt erstmal da an einem sicheren Ort“.

Der sichere Ort ist offenbar das rund 60 Kilometer entfernte Städtchen Heiligenstadt im thüringischen Eichsfeld. Hier kommt der als Gefährder eingestufte Z. in der Wohnung von René S. unter, den er seit Jahren aus dem Kreis um den Neonazi Thorsten Heise kennt. Das Verhältnis ist offenbar so gut, dass Z. einen Schlüssel zu der Wohnung hat, während der eigentliche Bewohner beruflich unterwegs ist. Rund eine Woche nach der Tat nimmt die Polizei den Verdächtigen dort fest. Die dabei festgestellten Waffen könnten dem eigentlichen Mieter jetzt ein gesondertes Verfahren bescheren. Die Behörden werten das Ausweichen von Z. nach Thüringen als Indiz, dass er Vorbereitungen für ein mögliches Untertauchen getroffen habe.

Funktionierende Netzwerke

Tatsächlich belegt die Tatsache, dass Z. über einen Schlüssel zu der Wohnung in Heiligenstadt verfügt, das langjährig gewachsene Netzwerk von Neonazis im Raum Südniedersachsen jenseits der verschiedenen Gruppierungen und ihrer Labels. Deutlich wird dies auch bei den Meldeadressen, die Z. in den letzten Jahren genutzt hat. So war er noch 2018 in Nesselröden im Landkreis Göttingen unter der Anschrift von Fabian S. gemeldet, der ebenfalls zum Kreis der „Kameradschaft Northeim“ um Heise zählt. 2012 versuchte S., einen „Kameradschaftsabend“ in Göttingen zu etablieren und lud dazu auch Z. ein. Ein Jahr später kaufte er das Gebäude in Nesselröden, das kurz darauf von Polizisten wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen durchsucht wurde. Dort war Z. zeitweise gemeldet.

Auch Martin M., unter dessen Anschrift Z. bis zu seiner Inhaftierung im Einbecker Stadtteil Sievershausen gemeldet war, ist kein Unbekannter in der extrem rechten Szene Südniedersachsens. Der heute 40-jährige spielte in einer Rechtsrock-Band, sorgte mit einem anderen Neonazi für die musikalische Untermalung bei mehrtägigen Vernetzungstreffen der Szene in der Region und stand 2014 mit Z. und einem weiteren Neonazi vor Gericht.

Taktische Distanzierung bei der „Rechten“

Der langjährig aktive Pascal Z. und Jonas A. waren bis zu ihrer Inhaftierung Teil der Neonazi-Szene in Einbeck, die sich erst „Kameradschaft“ nannte und heute als DR-Kreisverband auftritt. Der Parteistrategie passte der Anschlag in Einbeck nicht ins Konzept. Nach Rücksprache mit den Parteivorsitzenden auf Landes- und Bundesebene distanzierte sich der DR-Funktionär Haupt vom Anschlag und ließ verlauten, Z. schade dem Ansehen der Partei. Auch Jonas A. attestierte er „parteischädigendes Verhalten“, weshalb der heute 23-jährige nicht in die Partei aufgenommen werde.

Wann das Verfahren vor dem Schöffengericht Einbeck eröffnet wird, ist noch unklar. Für Z. dürfte das Urteil wegen seines Strafregisters gleichbedeutend mit einer längeren Haftstrafe sein. Er lässt sich von dem extrem rechten Szene-Anwalt Andreas W. vertreten und schweigt bislang zu den Vorfällen. Nur bei einem Gespräch soll der Neonazi Polizisten geschildert haben, wie er sich den „Denkzettel“ in Einbeck vorgestellt hat: es sei schade, dass die Geschädigte bei der Tat nicht hinter der Tür gestanden habe.