Alain de Benoists: Der Antiliberalismus der Neuen Rechten

Von Armin Pfahl-Traughber
25.11.2021 -

Von Alain de Benoist, der auch für die deutsche Neue Rechte ein bedeutsamer Vordenker ist, liegt mit „Gegen den Liberalismus. Die Gesellschaft ist kein Markt“ eine neue deutschsprachige Monographie vor. Die darin enthaltenen Aussagen zu einem ökonomischen Liberalismus richten sich auch gegen den politischen Liberalismus und seine Normen und Prägungen: Aufklärung, Individualität, Menschenrechte, Moderne.

Alain de Benoist schreibt über einen ökonomischen Liberalismus, der sich auch gegen den politischen Liberalismus richtet. Foto: Screenshot

Die Erkenntnis des politischen Hauptfeindes ist für die Neue Rechte wichtig: Es war von Anfang an der Liberalismus und nicht die Linke. Eine Art monographische Begründung dafür liegt jetzt als Sammelband vor: Alain de Benoits „Gegen den Liberalismus. Die Gesellschaft ist kein Markt“, erschienen im Jungeuropa-Verlag. Es handelt sich aber um kein gesondertes Manifest, sondern eben um eine Textsammlung. Die einzelnen Beiträge dafür erschienen bereits zuvor in französischen Zeitschriften, was aber nicht für die Leserschaft in einem Vorwort erläutert wird.

Benoist gibt in einer längeren Einleitung zu seiner Kritik am Liberalismus eine Zusammenfassung. Er macht dabei direkt darauf aufmerksam, dass eine liberale Gesellschaft nicht mit einer liberalen Ökonomie identisch sei. Es handele sich um eine „Gesellschaftsform, in der unter anderem die Vorrangstellung des Individuums … die Ideologie der Menschenrechte … vorherrschend sind“. Damit benennt Benoist auch zwei konstitutive Bestandteile des modernen Demokratieverständnisses, welche er ebenso wie den Liberalismus nicht nur ökonomisch, sondern in all seinen Spielarten ablehnt.

Frontstellung gegen den Individualismus

Indessen betont der Autor primär die gesellschaftlichen Folgen eines ökonomischen Liberalismus, wobei er mitunter wie ein Linker klingt, was aber für eine unangemessene Wahrnehmung stehen würde. Denn Benoist kritisiert nicht primär, dass aus dem liberalen Kapitalismus eine soziale Ungleichheit folgt. Es geht ihm mehr um die Frontstellung gegen den Individualismus, sei dieser doch für die Auflösung der Ganzheit verantwortlich. Deutlich erfolgt dabei eine Ablehnung von Aufklärung und Moderne: „Als strukturelle Komponente der Moderne ist die gesellschaftliche Individualisierung mit der zunehmenden Bedeutung der Menschenrechte untrennbar verbunden …“.

Und diese Bestandteile negiert die Neue Rechte, womit sie auch die normative Basis einer modernen Demokratie negiert. Das formuliert Benoist nicht offen aus, ergibt sich indessen aber aus seinen Deutungen. Ohnehin ist dieser Band mehr negativ gegen den Liberalismus ausgerichtet, das eigene Politikverständnis wird nicht genauer positiv entwickelt.

Diskursives Aufgreifen des US-Kommunitarismus

Das zeigt sich auch in den folgenden Abhandlungen, etwa wenn die Forderung erhoben wird, „Gemeinwohl und Gemeinwesen wiederherzustellen“. Dann beschwört der Autor auch einen an der Gesamtheit orientierter „Holismus“, gemäß den „ererbten, übertragenen und geteilten Werten“, ohne diese Bestandteile genauer zu erläutern und hinsichtlich ihrer Normen kritisch zu prüfen. Benoist greift für seine antiliberale Grundorientierung auch Inhalte auf, welche nicht zu seinen Positionen passen.

So werden etwa die „Kommunitaristen“ als sozialphilosophische Strömung in den USA vorgestellt, welche mehr Gemeinsinn für Gesellschaft und Politik einfordern. Indessen negierten die Gemeinten nicht Menschenrechte und Moderne. Gleichwohl greift Benoist für seine Deutungen deren Einwände gegen den Liberalismus auf, um diese Argumentationsmuster für die Neue Rechte diskursiv zu vereinnahmen und so geistige Zustimmung zu suggerieren. Dass man für mehr Gemeinsinn auch als Liberaler plädieren kann, fällt so aus der Wahrnehmung.

„Ideologie der Menschenrechte“ als Schlagwort

Benoists Frontstellung geht bei all dem noch weiter, heißt es doch: „Der Rechtsstaat geht notwendigerweise Hand in Hand mit dem liberalen Individualismus und seiner Auffassung von einer ganz ‚negativen‘ Freiheit …“. Als geistiger Bezugspunkt dient hier wie in anderen Fällen der Staatsrechtler Carl Schmitt, der zugunsten von politischer Homogenität den gesellschaftlichen Pluralismus überwinden wollte. Ihm entsprechend ist auch bei Benoist von der „Ideologie der Menschenrechte“ die Rede, womit sie auf eine bloße Vorstellung reduziert werden.

Diese Ausrichtung bildet auch die inhaltliche Basis, welche berechtigte Einwände gegen einen angeblichen oder tatsächlichen „Ökonomismus“ prägt. Aus diesbezüglicher Kritik muss aber nicht zugunsten der Neuen Rechten notwendigerweise politische Zustimmung folgen. Genau diesen Effekt beabsichtigt aber die Frontstellung gegen den Liberalismus, welche den ökonomischen Bereich ins Visier nimmt, letztendlich aber den politischen Liberalismus des Verfassungsstaates treffen will.