AfD in Sachsen-Anhalt: Geplatzte Träume

Von Rainer Roeser
07.06.2021 -

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kam die AfD am Sonntag auf 20,8 Prozent. Damit ist sie erneut zweitstärkste Kraft, mit Verlusten von 3,4 Prozent, klar hinter der CDU, aber ebenso deutlich vor Linken, SPD, FDP und Grünen.

In Umfragen teilweise als möglicher Wahlsieger gesehen, fiel die AfD noch leicht hinter das Ergebnis der letzten Wahl.

Zum dritten Mal in Folge musste die AfD einen Rückschlag an den Wahlurnen hinnehmen. Nachdem ihr bereits Mitte März bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz rund ein Drittel ihrer früheren Wählerschaft abhanden gekommen war, verlor sie auch in Sachsen-Anhalt an Unterstützung. 221.498 Wählerinnen und Wähler stimmten für die AfD. 2016 waren es noch 272.496.

Nur ein AfD-Politiker zieht mit einem Direktmandat in den neuen Landtag ein: Lothar Waehler, der in Zeitz lediglich 235 Stimmen vor seinem Kontrahenten von der CDU lag. Es war das knappste Ergebnis aller 41 Wahlkreise. Vor fünf Jahren waren noch 15 AfD-Kandidaten per Erststimme gewählt worden.

Insgesamt kann die AfD 23 Abgeordnete (2016: 25) in das Landesparlament schicken, das wegen der Dominanz der Union bei der Verteilung der Direktmandate und der damit verbundenen Ausgleichsmandate größer wird: Statt der bisher 87 Sitze zählt der neue Landtag 97 Abgeordnete.

Schwache Zahlen in großen Städten

Vor allem in den beiden Großstädten des Landes konnte die AfD nicht punkten. Ihre schwächsten Ergebnisse erzielte sie in Magdeburg IV (16,5 %), Magdeburg III (15,6 %), Halle II (12,5 %), Magdeburg II (11,0 %) und Halle III (9,1 %). Auf der anderen Seite übertraf sie in fünf Wahlkreisen die 25 Prozent: in Staßfurt (28,0 %), Eisleben und Zeitz (jeweils 26,5 %), Querfurt (25,8 %) sowie Weißenfels (25,2 %).  

Nichts war es mit der durch einige Umfragen genährten Hoffnung von AfD-Politikern, ihre Partei könne gar zur stärksten Kraft zwischen Salzwedel und Zeitz, Wernigerode und Wittenberg avancieren. Manche in der Partei hatten tatsächlich an eine solche Chance geglaubt. Anderen ging es darum, gute Stimmung und Motivation in den eigenen Reihen zu verbreiten. Und wieder andere legten es darauf an, die für Erfolg oder Misserfolg entscheidende Messlatte so hoch anzulegen, dass sie geradezu zwangsläufig gerissen werden musste. Bundessprecher Jörg Meuthen dürfte zu Letzteren gehört haben. Beim Bundesparteitag vor zwei Monaten in Dresden hatte er gesagt: „Wir haben, wenn wir es diesmal richtig angehen, bei dieser Wahl die große Chance, erstmals und sogar mit einigem Abstand zur stärksten politischen Kraft in einem Bundesland zu werden.“

Meuthen: Mehr wäre möglich gewesen

Am Wahlabend nannte er das Abschneiden seiner Partei pflichtgemäß, aber eher zurückhaltend „insgesamt gut und respektabel“, um dann aber durchblicken zu lassen, dass eigentlich doch sein Kurs der richtige ist. „Mit einem stärker in die Mitte zielenden, weniger allein auf Protest setzenden Wahlkampf“, so sagte Meuthen, wäre „auch ein noch deutlich stärkeres Ergebnis möglich gewesen“.

Doch auf Meuthens Ratschläge gibt man nicht viel in Sachsen-Anhalts AfD. Dessen Heimatlandesverband Baden-Württemberg ist vor einem Vierteljahr unter die Zehn-Prozent-Marke gerutscht. In anderen West-Ländern nähert sich die AfD – von höheren Werten kommend – sogar bedrohlich der Fünf-Prozent-Hürde. Wo sich die Marketingexperten in Diensten der Bundespartei für eine softer daherkommende „Deutschland. Aber normal“-Kampagne zur Bundestagswahl entschieden haben, bevorzugte die AfD in Sachsen-Anhalt rechtsradikalen Klartext – ob mit dröhnenden Reden, einem rabiaten Wahlprogramm und Plakaten, die den „Widerstand an der Wahlurne!“ dekretierten oder „Freiheit statt Corona-Irrsinn“ forderten.

Höcke: „Mehr Osten im Westen wagen!“

Wie kein anderer Landesverband – abgesehen von Thüringen – ist die AfD in Sachsen-Anhalt „Flügel“-geprägt. In der Partei führt Martin Reichardt Regie, der Fraktion sitzt Oliver Kirchner vor, der Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider gibt wahlweise den Chefideologen in der Partei oder den Obereinpeitscher auf der Straße. Allesamt orientieren sie sich eng am formal aufgelösten „Flügel“, dessen (ehemaliger) Vormann Björn Höcke ebenso wie der Ehrenvorsitzende Alexander Gauland zum Feiern nach Magdeburg gekommen war. Ihr Beifall klang etwas dünn, die Blicke wirkten eher gequält, als sie die ersten Prognosen im TV verfolgten. Doch schon etwas später hatte Höcke ebenfalls einen Ratschlag für die Parteifreunde parat – der freilich ganz anders klang als der von Meuthen. Höcke: „Für meine Partei kann die Lehre aus der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nur lauten: Wir müssen mehr Osten im Westen wagen!“

Und Meuthens Rat, die „Mitte“ anzusprechen und weniger auf „Protest“ zu setzen? Tino Chrupalla bügelt am Wahlabend in einer Talkshow die Mahnung seines Ko-Bundessprechers ab: „Das ist jetzt ‘ne Einzelmeinung eines Mitglieds unserer Partei.“ Nicht immer gelingt es den AfD-Oberen, den Schein der Einheit zu wahren, auch nicht so kurz vor Bundestagswahlen. Spätestens nach dem 26. September wird es dann – noch – ruppiger.