„Wir brauchen einen Aufstand der mutigen Bürger“

Von Kai Doering
25.10.2016 -

Sechs Jahre war Markus Nierth Bürgermeister von Tröglitz. Als eine Flüchtlingsunterkunft kam und er von Neonazis bedroht wurde, trat Nierth zurück. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch geschrieben – und am Samstag am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse darüber gesprochen.

Der zurückgetretene Ortsbürger von Tröglitz kämpft weiter gegen Rechts; (Screenshot)

Wie fühlt es sich an, wenn ein ganzer Ort gegen einen ist, wenn die Kinder in der Schule geschnitten werden und Neonazis vor der Haustür herumlungern? Markus Nierth hat genau das erlebt. Der 47-Jährige war bis März vergangenen Jahres ehrenamtlicher Bürgermeister im sachsen-anhaltinischen Tröglitz.  Als Nierth immer stärker angefeindet wurde, weil er eine im Ort geplante Flüchtlingsunterkunft verteidigte, und keinerlei Unterstützung von anderen Politikern bekam, trat er zurück.

Morddrohungen zum Geburtstag

„Wir sind die einzigen geblieben, die sich deutlich gegen die Neonazis gestellt haben“, erzählt Markus Nierth am Samstag am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Er spricht mit Klaus Staeck, dem Ehrenpräsidenten der Akademie der Künste und Plakatkünstler, über sein Buch „Brandgefährlich“, in dem Nierth die Ereignisse aus dem Frühjahr 2015 aufgeschrieben hat. Er schildert darin, wie er Briefe mit Kot im Briefkasten gehabt habe und ihm selbst das nächste Umfeld mit Hass begegnet sei. „Ein Kumpel, mit dem ich regelmäßig mal ein Bier trinken gegangen bin, kam mit einem Mal mit AfD-Parolen um die Ecke.“

Markus Nierths Familie ist mit auf die Buchmesse gekommen. Für sie sei die Zeit besonders schlimm gewesen. „Wir haben unserer Tochter an ihrem 16. Geburtstag erzählen müssen, dass wir Morddrohungen bekommen“, berichtet Nierth. Eigentlich hätten sie das unter den Teppich kehren wollen, aber irgendwann sei das nicht mehr gegangen. „Am schlimmsten war aber, dass wir in unserer Situation allein gelassen wurden. Niemand hat angerufen oder sich um uns gekümmert.“

Es gilt, sich klar zu positionieren

Auch Klaus Staeck hat in seinem Leben schon viel negative „Fanpost“ bekommen. Eine ganze Kiste stehe bei ihm zuhause, erzählt der Künstler, der vor allem in den 70er Jahren mit pointierten Plakaten für Aufsehen gesorgt hat. „Mit der Zeit gewöhnt man sich daran.“ Allerdings sei ein Ort wie Tröglitz ein ganz anderes Milieu als Heidelberg, wo Staeck lange gearbeitet hat, oder Berlin. „Wenn man dort sein soziales Umfeld verliert, wiegt das viel schwerer.“

Gefährlich werde es vor allem dann, wenn andere Parteien die Positionen von Rechtspopulisten übernähmen. „Dann wird das gesellschaftlich nicht Akzeptierte ins Normale gezogen.“ Dagegen gelte es, sich klar zu positionieren. „Ich war lange zu harmoniebedürftig“, räumt Markus Nierth ein. Als Ortsbürgermeister habe er lange versucht, auf alle Menschen zuzugehen, auch auf die Fremdenfeinde. Kurz vor Weihnachten 2014 veröffentlichte er im Gemeindeblatt einen Text, in dem er schrieb, dass es mit den Flüchtlingen durchaus Probleme geben könne. „Als Theologe stehe ich zu meinen Ängsten“, sagt Nierth auf der Buchmesse, „aber das würde ich so heute nicht mehr schreiben“.

Die Rechten bestimmen die Grundstimmung

Allerdings, das ist Nierth wichtig zu betonen, sei Tröglitz kein „braunes Nest“. Die Proteste seien von der NPD organisiert gewesen, die viele Anhänger in den Ort gekarrt habe. Erschreckt habe ihn aber, wie schnell sich die Tröglitzer hätten einschüchtern lassen – und zwar bis heute. Nach den Vorkommnissen aus dem vergangenen Frühjahr bekomme er ein Drittel weniger Aufträge als Trauerredner, auch in der Tanzschule, die Nierth mit seiner Frau betreibt, habe es einen deutlichen Rückgang gegeben. „Die Rechten bestimmen mehr und mehr die Grundstimmung in unserer Demokratie“, befürchtet Nierth.

Tröglitz verlassen wollen Markus Nierth, seine Frau und die sieben Kinder dennoch nicht. „Wir haben darüber gesprochen, ob es an der Zeit ist zu gehen oder ob wir kämpfen wollen“, gibt er am vorwärts-Stand zu. Sie hätten sich fürs Kämpfen entschieden, denn „warum soll ich vor Leuten zurückweichen, die unzufrieden in ihrem Leben sind, wenn wir uns in Tröglitz wohlfühlen?“ Die Rechten verfolgten eine „Raumeroberungsstrategie“, indem sie versuchten, dünn besiedelte Landstriche, besonders in Ostdeutschland, zu übernehmen. Dagegen könnten sich nur diejenigen wehren, die dort wohnen. „Wir brauchen einen Aufstand der mutigen Bürger, damit die Rechten kein Übergewicht bekommen.“

Markus Nierth, Juliane Streich, Brandgefährlich: Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht – Erfahrungen eines zurückgetretenen Ortsbürgermeisters, Ch. Links Verlag, 216 Seiten, 18,-- Euro; ISBN: 978-3-86153-909-4, zu bestellen u.a. in der vorwärts-Buchhandlung.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de