Wie sich eine SPD-Abgeordnete gegen den Sexismus der AfD wehrt

Von Kai Doering
16.06.2020 -

Wo hören Komplimente auf und wo beginnt Sexismus? SPD-Politikerin Nadine Julitz* hat es der AfD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern erklärt – vom Redner/innenpult aus.

Die SPD-Politikerin Julitz setzt sich gegen sexistische Äußerungen von AfD-Abgeordneten zur Wehr; Photo: SPD-Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommern

Am Mittwochabend haben Sie am Rednerpult Sexismus im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern angeprangert. Was war passiert?

Der eigentliche Anlass für meine persönliche Erklärung am Mittwoch liegt bereits einen Monat zurück. Als ich einer Debatte über die Kitas in Mecklenburg-Vorpommern ans Rednerpult gegangen bin, hörte ich, wie der AfD-Abgeordnete Jens-Holger Schneider seinen Fraktionskollegen halblaut zurief: „Na, das Kleid ist aber ganz schön knapp.“ Ich war im ersten Moment ziemlich geschockt und habe, bevor ich meine Rede zum Thema begonnen habe, die Aussage von Herrn Schneider nochmal wiederholt, damit alle hören, was er gesagt hat. Leider war der Plenarsaal zu dem Zeitpunkt recht leer, sodass ich wenig Unterstützung bekommen habe. Eine Kollegin der Linken hat die Aussage aber mit Buh-Rufen kommentiert.

Warum haben Sie die Äußerung jetzt, einen Monat später, nochmal aufgegriffen?

Dazu will ich zunächst sagen, dass ich mich nicht erst jetzt, wie mir manche vorwerfen, über die Äußerung aus dem Mai empöre. Ich habe damals direkt einen Ausschnitt der Rede in den sozialen Medien veröffentlicht und auch das Landtagspräsidium eingeschaltet. Eigentlich war die Sache für mich damit erledigt. Dass die Äußerung nun noch einmal Thema geworden ist, liegt daran, dass sie der AfD-Abgeordnete Thomas de Jesus Fernandes in der Debatte über einen AfD-Antrag mit der Überschrift „Genderideologie stoppen“ nochmal aufgegriffen hat. Er meinte, wegen Gender und Feminismus könne man nicht mal mehr Komplimente machen wie sein Kollege Schneider ein paar Wochen zuvor. Als ich das gehört habe, bin ich sofort aufgesprungen und habe eine persönliche Erklärung anmelden lassen, in der ich den Herren von der AfD dann den Unterschied zwischen einem Kompliment und Sexismus erklärt habe. Die Reaktion war vollkommen spontan und auch mit einer Portion Wut im Bauch. Ich hatte sogar Sorge, dass ich einen Ordnungsruf kassiere, weil ich das Wort „Arsch“ benutzt habe.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Erklärung?

Aus dem Plenum gab es spontan Applaus. Jens-Holger Schneider war zu dem Zeitpunkt Schriftführer. Ich konnte ihn also nicht sehen. Aber mir ist erzählt worden, dass er wohl rot geworden ist. Herr de Jesus Fernandes hat etwas später mein neues Facebook-Profilbild mit einem sabbernden Smiley und den Worten „Das ist aber ein schönes Outfit“ kommentiert, den Kommentar aber inzwischen wieder gelöscht. Einen Tag später war die Resonanz überwältigend. Ich habe gerade in den sozialen Netzwerken sehr viel Zuspruch erhalten und werde für meinen Mut gelobt, was ich fast schon etwas beschämend finde. Es geht ja eigentlich nicht um meinen Hintern. Ich bin nur ein Stellvertreterbeispiel dafür, was leider in Deutschland tägliche Realität ist.

Es handelt sich also nicht um einen Einzelfall, sondern um ein generelles Problem?

Ja, auf jeden Fall. Manuela Schwesig wurde mal als „Küsten-Barbie“ bezeichnet. Ich habe im Landtagswahlkampf 2016 von einem AfD-Mann das Etikett „Müritz-Barbie“ bekommen und die örtliche Zeitung hat über mich geschrieben: „Die schönste Frau der Müritz will in den Landtag.“ Mit solchen vermeintlichen Lappalien fängt es an, aber sie sind nichts anderes, als Menschen auf ihr Aussehen zu reduzieren. Auch wenn es schwerfällt, sollte man das nicht abtun, sondern thematisieren.  Als junge Frau in der Politik muss man sich Respekt ohnehin besonders hart erarbeiten – auch wenn ich meinen Wahlkreis als jüngste Abgeordnete sogar direkt gewonnen habe.

Hat sich die Situation mit dem Auftauchen der AfD verschlimmert?

Die AfD verstärkt und befördert das bestehende Frauen- und Familienbild von manchen auf jeden Fall, gerade indem sie suggeriert, mit Kritik wie ich sie geäußert habe, würde man Männern etwas unterstellen, obwohl sie doch eigentlich nur nett sein wollen.

Vor einem Monat haben verschiedene Frauen in der Sendung „Joko & Klaas“ mit „Männerwelten“ für Aufsehen gesorgt, indem sie verschiedene Formen von Sexismus bis hin zu Vergewaltigungen thematisiert haben. Wie wichtig ist es, so etwas öffentlich zu machen?

Fälle von Sexismus öffentlich zu machen, ist zentral, wenn man etwas dagegen tun will. Es hat eine Vorbildwirkung und ermutigt andere Frauen, ebenfalls über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ich finde auch die Kritik verkehrt, dass mit Joko und Klaas zwei Männer das Thema aufgeworfen hätten. Sexismus anzuprangern ist nie verkehrt, egal von wem. Als ich den Beitrag gesehen habe, hatte ich am Ende als Frauen zu Wort kamen, die vergewaltigt wurden, Tränen in den Augen. Alle Frauen wurden ziemlich als erstes gefragt, was sie angehabt hätten, als die vergewaltigt wurden. Das finde ich ungeheuerlich und beschämend.

* Nadine Julitz ist stellvertretende Vorsitzende der SPD Mecklenburg-Vorpommern und Mitglied des Landtags.