Wider dem Universalismus

Von Armin Pfahl-Traughber
30.03.2017 -

Eigentliches Übel für die Neue Rechte sind neben dem Islam die globale Moderne und der Amerikanismus.

Die Moderne ist der Feind; (Screenshot)

Der Historiker Volker Weiß legt mit „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ eine Darstellung zur Entwicklung der intellektuellen „Rechten“ vor. Einerseits beeindruckt sein Fachwissen durch die jahrlange Beschäftigung mit dem Thema, andererseits wirkt die Beschreibung und Einschätzung doch sehr journalistisch und hätte den Forschungsstand noch genauer aufarbeiten können.

Der Aufstieg der AfD als gesellschaftspolitischem Rechtsruck hat auch für die Neue Rechte zu einer Renaissance geführt. Anders formuliert könnte man auch sagen: Die damit gemeinte Intellektuellengruppe meinte sie gar, geistig vorbereitet zu haben. Doch was ist eigentlich mit Neue Rechte gemeint und welche Positionen und Relevanz hat sie? Antworten auf diese Fragen finden sich in dem Buch „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“, das der Historiker Volker Weiß vorgelegt hat. Darin gehe es um „die neuen rechten Bewegungen, die sich derzeit unter der Fahne des ‚Abendlandes‘ in die politische Auseinandersetzung drängen und dabei ihren historischen Vorläufern zum Verwechseln ähnlich sind“ (S. 9). Denn, so der Autor, das scheinbar Neue hat es schon einmal gegeben. Dies gelte sowohl für die ideologischen Grundauffassungen wie den konkreten Handlungsstil: Man bediene sich bei dem Gedankengut der Konservativen Revolution und sehe in Provokationen und Tabubrüchen das richtige Vorgehen.

Armin Mohler als eine Art geistiger Vorvater

Bereits zu Beginn wird deutlich hervorgeheben, dass es sich hier nicht um ein homogenes Phänomen handelt: Es gebe „Schwierigkeiten, klare Grenzen innerhalb der breit gefächerten deutschen Rechten zu ziehen. Überschneidungen und Ähnlichkeiten bestimmen die Szene ebenso wie Konkurrenz und Differenzen“ (S. 20). Gleichwohl sei eine Grundposition vorhanden, wobei der Hauptfeind „nicht die Lehre Mohammeds, sondern die globale Moderne“ (S. 22) sei. Diese Einschätzung durchzieht die folgenden Seiten: Da geht es nach einem kurzen Einblick zunächst um Armin Mohler, der als eine Art geistiger Vorvater der heutigen Neuen Rechten gelten kann. In diesem Kontext definiert Weiß auch den hier zentralen „Metapolitik“-Begriff: „Damit ist hauptsächlich das dem unmittelbar Politischen vorgelagerte Feld des Kulturellen gemeint, mit all seinen habituellen, sprach- und sexualpolitischen Teilbereichen. Die kulturrevolutionäre Ausweitung des klassischen Politikbegriffs auf die Sphäre des Kulturellen“ (S. 54) soll damit im Kern gemeint sein.

Was dies jeweils bedeutet, wird in den folgenden Kapiteln anhand der unterschiedlichsten Protagonisten erläutert: Es geht zunächst um die AfD-Gründung als Sammlung einschlägiger Kräfte, um die „Junge Freiheit“ und das „Institut für Staatspolitik“, danach um die „Identitäre Bewegung“ als Provokationsakteur und die „Konservativ-Subversive Aktion“ mit ähnlicher Orientierung. Dem folgen Ausführungen zu Bewegungsprotagonisten wie „Hogesa“ und „Pegida“, dann aber auch ein ideengeschichtlicher Exkurs zum „Abendland“-Verständnis.

Grundlegende Unterscheidung vom „Eigenen“

Und schließlich fragt Weiß noch einmal dezidiert nach dem Feindbild der Neuen Rechten: „Es gibt erstens den sichtbaren Gegner ‚Islam‘. … Außerdem gibt es zweitens den wesentlich schwerer zu identifizierenden Gegner ‚Amerikanismus‘, der als Freund auftritt, sich aber anders als der Islam vom ‚Eigenen’ grundlegend unterscheidet“ (S. 213). Genau dies mache aus dem Amerikanismus und der Moderne für die Neue Rechte das eigentliche Übel. Es geht damit aber auch hauptsächlich gegen den Universalismus.

Bilanzierend kann eine ambivalente Einschätzung zum Werk formuliert werden: Einerseits beeindruckt es durch die Fachkenntnis des langjährigen Beobachters der Szene, welcher Akteure und Beziehungen anschaulich beschreibt und differenziert zuordnet. Dies fällt beispielsweise bei den Ausführungen zum Konflikt zwischen „Junger Freiheit“ und „Institut für Staatspolitik“ bzw. Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek auf. Andererseits ist das Buch stark journalistisch geprägt, was sich wohl auch durch die publizistische Tätigkeit von Weiß erklärt. Dadurch hat man es mit einer anschaulichen und lockeren Darstellung zu tun, welcher aber ein genaues und strukturiertes Erkenntnisinteresse fehlt. Der Autor ignoriert darüber hinaus die Forschung, die seit den 1980er Jahren umfangreiche Untersuchungen vorgelegt hat. Dies erklärt wohl mit, warum „Neue Rechte“ etwas inhaltsarm als scheinbar nur zeitlich neu auftretendes Phänomen angesehen wird. Wenn dann „Hogesa“ und „Institut für Staatspolitik“ gleichzeitig im Buch auftauchen, wird es dann doch etwas schief.

Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017 (Klett Cotta), 304 Seiten, 20,-- Euro.

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