Wenn aus Hass rechte Gewalt wird

Von Benedikt Dittrich
02.08.2019 -

Der Ton wird seit Jahren schärfer, aber jetzt nimmt auch rechte Gewalt wieder zu, das ist der Eindruck nach den Angriffen in Kassel und Wächtersbach. Ein Eindruck, der täuscht, sagt Dr. Sören Kliem vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KfN), aber Äußerungen der AfD schüren Emotionen und können potenzielle Täter beeinflussen.

Kriminologe Kriem: Rechte Gewalt tritt anhand von Einzeltaten wieder stärker in die öffentliche Debatte; Photo (Symbol: Paul-Georg Meister / pixelio

In den vergangenen Wochen gab es mehrere Taten mit rechtsextremen Motiven. Warum werden Menschen aus politischen Gründen gewalttätig?

Wir haben es offensichtlich immer mit Formen gescheiterter Biographien zu tun. Einen spezifischen Entwicklungsverlauf, den jeder Gewalttäter durchläuft, gibt es wahrscheinlich eher nicht. Auf Basis von statistischen Untersuchungen kann man aber Faktoren identifizieren, die mit solchen Verläufen im Zusammenhang zu stehen scheinen. Warum Menschen aber bis in den militanten, terroristischen Bereich abdriften, darüber weiß man noch viel zu wenig.

Von welchen Faktoren sprechen wir konkret?

Bei den Untersuchungen zum Verhalten von Jugendlichen, die wir am KfN in regelmäßigen Abständen durchführen, stellen wir fest, dass unter anderem frühe Gewalterfahrungen im Elternhaus die eigene Gewaltbereitschaft erhöhen. Im Hinblick auf politisch motivierte Gewalttaten stellen wir fest, dass ein geschlossenes rechtes Weltbild der Befragten, im Kern geht es hierbei um die Ablehnung der fundamentalen Gleichheit von Menschen, einen erheblichen Risikofaktor darstellt. Das Teilen solcher Einstellungen führt aber nicht ausnahmslos zu rechter Gewalt. Kommen zudem rechte Einstellungen im sozialen Umfeld dazu, steigt das Risiko deutlich. Auch spielen Faktoren wie mangelnde Empathiefähigkeit, mangelnde Selbstkontrolle, ein niedriges Bildungsniveau sowie Deprivations- und Desintegrationserfahrungen, also beispielsweise Arbeitslosigkeit der Eltern eine entscheidende Rolle. Ein bereits bestehender Kontakt zur rechten Szene, etwa durch das Hören rechter Musik oder den Besuch rechter Demonstrationen kann ebenfalls als schwerwiegender Risikofaktor angeführt werden.

Es geht also darum, dass das Umfeld den Täter in seiner Weltsicht bestätigt?

Straftäter aus dem rechten Spektrum, die anschließend nach Tatmotiven befragt werden, geben immer wieder an, dass sie davon überzeugt sind, im Interesse der stillen Mehrheit gehandelt zu haben. Das entspricht zwar glücklicherweise nicht der Realität, wird aber anscheinend teilweise so wahrgenommen.

AfD-Politikern wird oft vorgeworfen, sie würden die öffentliche Debatte verzerren. Spielt die mediale Öffentlichkeit für Einzeltäter überhaupt eine Rolle?

Ich denke, ja. Insbesondere wenn es um Straftaten geht, die aus dem Affekt heraus begangen werden. Wenn Alice Weidel beispielsweise von „Messermännern“ spricht, die nach Deutschland kommen, wird die Debatte natürlich massiv emotionalisiert. Gerade bei ungeplanten Verhaltensweisen, also Affekthandlungen, spielen diese Emotionen, also Wut oder Hass, eine große Rolle. Auch erlauben Sie Tätern ihre Handlungen unter dem Narrativ der Selbstverteidigung zu relativieren.

Haben soziale Medien da einen besonderen Einfluss?

Innerhalb der sozialen Medien werden Dinge geäußert, die im normalen Alltag nicht immer so ausgesprochen werden. Da geht es teilweise auch um menschenverachtende, gewaltverherrlichende Aussagen. Auffällig erscheint, dass solche Aussagen zunehmend extremer werden, wobei hier wohl auch der Wunsch im Raume steht, im digitalen Raum überhaupt noch wahrgenommen zu werden.

Im Herbst wird in drei ostdeutschen Bundesländern gewählt, Umfragen prophezeien den Rechtspopulisten gute Wahlergebnisse. Ist der Osten also besonders fremdenfeindlich?

Es gibt die Kontakthypothese, die besagt, dass ein Schutzfaktor vor Ressentiments der so genannte interethnische Kontakt darstellt, also, dass ich mit Personen aus anderen Kulturen in Kontakt trete. Das kann dabei helfen, Vorurteile abzubauen. Vor allem, wenn sich Freundschaften oder sogar Partnerschaften über die ursprüngliche Herkunft hinweg entwickeln, ist es besonders schwer, solche Vorurteile aufrecht zu erhalten. Der relative Anteil von Personen mit Migrationshintergrund ist in den neuen Bundesländern deutlich kleiner als in den alten. Dadurch sinkt in gewisser Weise auch die Chance zum interethnischen Kontakt. Auch in Großstädten ist es schwerer, das Vorurteil aufrecht zu erhalten, dass alle Menschen, die einen bestimmten Migrationshintergrund aufweisen, einem bestimmten Klischee entsprechen.

Ist das dann nicht eher ein Unterschied zwischen Stadt und Land?

Das Gefälle gibt es so auch zwischen Stadt und Land, aber eben auch zwischen Ost und West. In Dresden ist zum Beispiel der Anteil von Migranten deutlich geringer als in Hamburg. Das ist übrigens kein rein deutsches Problem, in vielen europäischen Ländern gibt es vergleichbare Effekte.

Kritik an der Flüchtlingspolitik gibt es aber ja schon seit Jahren. Warum gibt es dann erst jetzt eine Radikalisierung?

Ich glaube, es gibt gar keine stärkere Radikalisierung im rechten Spektrum. Das Thema ist derzeit nur stärker in der Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahren hat man sich stark auf islamistische Radikalisierung konzentriert, in den Medien, in der Politik, in der Forschung; wohl auch die Nachrichtendienste. Rechtsradikalismus tritt jetzt anhand von Einzeltaten wieder stärker in die öffentliche Debatte. Wir werden vermutlich erst in den nächsten Jahren den vollen Umfang des Problems erfassen können.

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen.