Weiß sein als Privileg

Von Armin Pfahl-Traughber
19.08.2020 -

Die Soziologin Robin DiAngelo weist in ihrem Buch auf die objektiven Vorteile hin, die Weiße in der Gesellschaft haben – und wie auch gerade progressiv denkende Menschen damit umgehen.

Rassismus kann auch ein gesellschaftliches System prägen; (Screenshot, Verlagsseite)

Rassismus ist nicht nur eine individuelle Einstellung, Rassismus kann auch ein gesellschaftliches System prägen. Dabei haben Angehörige der Mehrheit objektiv Vorteile, auch wenn sie diese gegenüber einer Minderheit gar nicht einfordern. Wird diese Einsicht angesprochen, so kann dies in Abwehrhaltungen, Verleugnungen und Widerstand münden. Gerade bei gebildeten Menschen mit einem progressiven Selbstverständnis lässt sich so etwas konstatieren. Diese Auffassungen prägen das Denken von Robin DiAngelo, einer Soziologin, die seit mehr als 20 Jahren Antirassismus-Kurse in den USA durchführt. Die dabei gemachten Erfahrungen spitzt sie im „White Fragility“-Terminus zu. So ist auch ihr Buch überschrieben: „White Fragility. Why it’s so hard for white people to talk about racism“, das es seit dem ersten Erscheinen in den USA 2018 kontinuierlich auf die „New York Times“-Bestseller-Liste schaffte. Eine deutsche Ausgabe liegt jetzt unter dem Titel „Wir müssen über Rassismus sprechen. Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein“ vor.

Rassismus im eigenen Umfeld wahrnehmen

Darin gibt es auch ein Vorwort zu eben dieser Ausgabe, denn das Buch bezieht sich primär auf die Entwicklung in den USA. Ihre hiesige Leserschaft fordert DiAngelo auf, den Rassismus im eigenen Umfeld wahrzunehmen und sich der Privilegien der Weißen bewusst zu sein. Sie argumentiert bei all dem gegen „Farbenblindheit“ und „Individualismus“, würde beides doch zu einer Leugnung des Rassismus führen. Bedeutsam ist für das Gemeinte der von ihr geprägte Terminus: „Weiße Fragilität“. Dabei handele es sich um einen „Zustand, in dem bereits die geringste Belastung des Habitus durch Rassenprobleme als unerträglich empfunden wird und eine Reihe von Abwehrhaltungen auslöst. Dazu gehören emotionale Reaktionen wie Wut, Angst und Schuldgefühle sowie Verhaltensweisen wie Vorwürfe, Schweigen und Verlassen der Stress auslösenden Situation“ (S. 151). Diese Erläuterungen spielen auf Erfahrungen von DiAngelo bei den erwähnten Antirassismus-Seminaren an, welche immer wieder als anschauliche Beispiele referiert werden.

Antischwarze Ressentiments als kulturelles Vermächtnis

Deutlich soll dabei werden, dass der Diskurs über „Rasse“ hier ein Tabu ist. Dass das bestehende gesellschaftliche System insbesondere den Weißen nützen würde, werde nicht kritisch hinterfragt. Man sei darauf konditioniert, dass dieses als gerecht anzusehen wäre. Die Auffassung von einem Herrschaftsrecht liefe auf eine verinnerlichte Überlegenheit hinaus. Und daher gebe es auch antischwarze Ressentiments als kulturelles Vermächtnis. Für die Autorin artikuliert sich all dies nicht in deutlichen rassistischen Bekundungen. Eher beiläufig würden sich die Vorurteile offenbaren, etwa wenn von einem bedenklichen Stadtteil als Wohngegend gesprochen und dabei ein hoher Anteil von schwarzen Bewohnern hervorgehoben werde. Es gehe aber, so betont DiAngelo, bei „weißer Fragilität“ nicht nur um die bloße Klage und Negierung entsprechender Vorwürfe. Das Gemeinte lasse sich als „Herrschaftssoziologie fassen: als Ergebnis der Sozialisation Weißer in die weiße Suprematie und als Mittel diese zu schützen, zu bewahren und zu reproduzieren“ (S. 162).

Strukturelle Ungerechtigkeiten bezogen auf die Hautfarbe

Bedeutsam an dem Buch ist, dass eben Rassismus nicht nur als Einstellung, sondern auch als System verstanden wird. Die Autorin fordert berechtigt dazu auf, die eigene gesellschaftliche Rolle als Mehrheitsangehöriger unabhängig von individuellen Verhaltensweisen zu thematisieren. Dabei bekennt sie sich zu „Gruppenidentität“ und „Identitätspolitik“, wobei aber die problematischen Dimensionen dieser doch kontrovers diskutierten Orientierungen nicht thematisiert werden. Dass es bezogen auf die Hautfarbe als Identitätsfaktor strukturelle Ungerechtigkeiten gibt, wird anhand von Daten zu Führungskräften in der US-Gesellschaft aufgezeigt (vgl. S. 64f.). Gleichwohl hätte man sich hierzu ausführlichere Darstellungen gewünscht, belegen sie doch den gesellschaftlichen Hintergrund des Problems. Stattdessen konzentriert sich DiAngelo mehr auf Diskurserfahrungen aus ihren Seminaren, wobei sie ihre Kernpositionen häufig wiederholt, dabei aber auch auf der Stelle verharrt. Gleichwohl kann ihr Ansatz zur Erweiterung von Perspektiven nicht nur in den USA beitragen.

Robin DiAngelo, Wir müssen über Rassismus sprechen. Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein, Hamburg 2020 (Hoffman und Campe-Verlag), 224 Seiten, 25,--  Euro.