Warum sich Wähler/innen für die AfD entscheiden

Von Robert Kiesel
10.08.2017 -

Trotz einstelliger Umfragewerte gilt der Einzug der AfD in den Bundestag als sicher. Doch wer wählt die Partei? Eine Studie der Hans Böckler-Stiftung gibt Einblicke und formuliert Handlungsaufträge an die Politik – auch die SPD.

Viele AfD-Wähler haben Zukunftsängste; Photo: bnr.de

Mit Klischees ist es so eine Sache: Beliebt, weil sie das Leben einfacher machen, haben sie mit der Realität nicht zwingend etwas gemein. Das gängige Klischee über AfD-Wähler/innen – männlich, ungebildet, abgehängt – macht da nur bedingt eine Ausnahme: Eine von der Hans-Böckler Stiftung geförderte Befragung zu Einstellungen und sozialer Lebenslage von Wählerinnen und Wählern rechtspopulistischer Parteien zeigt: Die Realität ist eine andere, einmal mehr.

Stichwort Einkommen: Bei der befragten AfD-Wählerschaft lag das monatliche Nettoeinkommen im Schnitt bei 1682 Euro, zwei Euro weniger als der deutsche Durchschnittslohn. „Menschen, die AfD wählen oder es in Erwägung ziehen, befinden sich überwiegend nicht in einer finanziell prekären Situation“, heißt es dazu in der Zusammenfassung der Studie. Und weiter: „Auch Menschen mit besonders hohen Nettoeinkommen weisen – im Vergleich zur oberen Mittelschicht – eine erhöhte Wahrscheinlichkeit auf, die AfD zu wählen.“ Da laut der Studie auch Arbeitslose keine höhere Neigung aufweisen, AfD zu wählen, steht fest: AfD-Wähler/innen mögen vieles sein, abgehängt sind sie nicht.

Gefühlter Kontrollverlust

Während politische Handlungsempfehlungen daraus nur schwerlich abzuleiten sind, liegt die Sache in Bezug auf weitere Befunde anders. So betonen die Autoren der Studie, dass AfD-Wähler/innen mehr als die übrigen Befragten Zukunftsängste aufweisen, auch wenn diese nicht zwingend einen objektiven Kern haben. „67 Prozent der AfD-Wähler geben an, dass sie sich Sorgen um ihre persönliche Zukunft machen; in der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil bei 46 Prozent.“ Auffällig: Mehr als andere fühlen sich Wähler/innen rechtspopulistischer Parteien persönlich zurückgesetzt, klagen über sozialen Abstieg im Vergleich zur Elterngeneration und ordnen sich gesellschaftlich niedriger ein – unabhängig vom Einkommen. Das Gefühl eines Kontrollverlusts – persönlich, politisch und nationalstaatlich – treibe die Menschen in die Hände von Parteien wie der AfD.

Resultat all dessen ist die subjektive Wahrnehmung, stärker als früher auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Eine zunehmende Orientierung auf Recht und Ordnung sowie Patriotismus geht zulasten von Werten wie Solidarität, Weltoffenheit und Toleranz sowie sozialer Gerechtigkeit. Einen „tiefgreifenden Wertewandel“ nennt das Richard Hilmer, einer der Autoren der Studie.

Erfahrungen der Arbeitswelt spielen entscheidende Rolle

Der vielleicht spannendste Befund, gerade aus Sicht der SPD: Zwischen realen Erfahrungen der Arbeitswelt und gefühlten Unsicherheiten besteht eine enge Verbindung. Bettina Kohlrausch, Soziologin der an der Studie beteiligten Universität Paderborn, erklärte: „Die Angst vor sozialem Abstieg basiert auf Erfahrungen, die die Menschen machen.“ Der „rasante Wandel der Arbeitswelt“ führe zum Kontrollverlust, den Kohlrausch als wesentlichen Auslöser für die Wahl der AfD ausgemacht hat. Während befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und die Absenkung des Rentenniveaus Unsicherheiten hervorrufe, bewirken Tarifverträge genau das Gegenteil. „Haltepunkt für die Wahl der AfD ist eine erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik“, so Kohlrausch in Berlin. Wer ohne Tarifvertrag in einem befristeten Job stecke, weise eine höhere Wahrscheinlichkeit zur Wahl der AfD auf, als Arbeitnehmer unter dem Schutz eines Tarifvertrags.

DGB-Chef Reiner Hoffmann erklärte dazu: „Wir brauchen Ordnung auf dem Arbeitsmarkt, müssen sichere Arbeitsverhältnisse schaffen. Innere und soziale Sicherheit gehören zusammen.“ An die um Stimmen für die Bundestagswahl kämpfenden Parteien appellierte er: „Verunsicherungen und Sorgen der Menschen müssen ernst genommen werden.“ Für Hoffmann und andere Gewerkschaftsvertreter hat die Studie indes eine ganz neue Erkenntnis zutage gefördert. So ist die Bereitschaft zur Wahl einer rechtspopulistischen Partei unter Mitgliedern einer Gewerkschaft nicht höher als unter nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Gewerkschaftsmitgliedschaft und der Wahrscheinlichkeit zur Wahl der AfD.

Hintergrund: Für die Untersuchung wurden von Mitte Januar bis Anfang Februar knapp 5000 Personen ab 18 Jahren zu ihren politischen Einstellungen, Werteorientierungen und Sichtweisen auf die Arbeitswelt befragt. Die Stichprobe der Online-Umfrage ist für die Wahlberechtigten in Deutschland repräsentativ.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

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