„Viele konnten nicht verstehen, wie man im Land der Täter leben konnte“

Von Kai Doering
15.09.2020 -

Vor 70 Jahren wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Dass es ihn heute noch gibt, hätte damals niemand geglaubt, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster. Dabei sind die Aufgaben sogar größer geworden – und der Antisemitismus nicht weniger.

Rechtsextreme Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund haben deutlich zugenommen; Photo (Symbol): Kai Doering

In diesem Jahr begeht der Zentralrat der Juden sein 70-jähriges Gründungsjubiläum. Ist Ihnen zum Feiern zumute?

70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland sind natürlich ein besonderes Jubiläum, auch wenn man bei einer Institution nicht von einem Geburtstag im klassischen Sinne sprechen kann. Stattdessen würde ich lieber auf die Arbeit vergangenen Jahrzehnte zurückblicken und dabei auch künftige Aufgaben in den Blick nehmen.

Der Zentralrat ist 1950 gegründet worden, um, kurz nach dem Ende der Schoah, die Interessen von Juden bis zu deren Auswanderung zu vertreten. Hat sich damals jemand vorstellen können, dass er zu einer wichtigen Einrichtung der Bundesrepublik wird?

Wenn man den Gründungsvätern vor 70 Jahren gesagt hätte, dass es den Zentralrat im Jahr 2020 immer noch gibt und was seine Aufgaben sind, hätten sie uns sicher vollkommen ungläubig angeschaut. Ziel des Gremiums war damals ja, den nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern in Deutschland gestrandeten Jüdinnen und Juden zu helfen und sie auf die Ausreise nach Israel oder nach Übersee vorzubereiten. Es hat dann fast 25 Jahre gebraucht, bis sich dieser Gründungsgedanke gewandelt hat. Der damalige Vorsitzende des Zentralrats Werner Nachmann war der erste, der sich in den 70er Jahren für dauerhaftes jüdisches Leben in Deutschland ausgesprochen und den Zentralrat in diesem Sinne aufgestellt hat. Gerade von Juden außerhalb Deutschlands wurde das zuerst sehr kritisch gesehen.

Inwiefern?

Wenn man in den 70er Jahren als in Deutschland lebender Jude ins Ausland gefahren ist, wurde man innerhalb der dortigen jüdischen Gemeinschaft sehr kritisch beäugt. Viele konnten nicht verstehen, wie man im Land der Täter leben konnte.

Wie ist die Perspektive heute?

Eine vollkommen andere. Auch in internationalen jüdischen Gremien wird jüdisches Leben in Deutschland als absolut selbstverständlich angesehen. Kritische Anmerkungen gibt es heute nicht mehr.

Stattdessen wird sicher sehr genau beobachtet, dass der Antisemitismus in Deutschland seit Jahren zunimmt.

Ja, das wird sehr sensibel beobachtet. Vorgänge wie der Anschlag auf die Synagoge in Halle haben nicht nur in Deutschland zu Besorgnis geführt. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass der zunehmende Antisemitismus kein deutsches Phänomen ist. Auch in anderen Ländern gab es zuletzt ja schwere Attentate, etwa auf die Synagoge in Pittsburgh vor fast zwei Jahren. In Kenntnis der Geschichte wird aber natürlich immer etwas genauer auf Deutschland geschaut.

Laut Verfassungsschutz hat die Anzahl rechtsextremer Straftaten mit antisemitischem Hintergrund in Deutschland um 17 Prozent zugenommen. Jüd*innen werden auf offener Straße und im Internet angegriffen werden. Woran liegt das?

Studien kommen ja schon seit vielen Jahren zu dem Ergebnis, dass  in Deutschland etwa jeder Fünfte  antijüdische Vorurteile hat. Insofern ist die gedankliche Grundhaltung schon lange da. Neu ist, dass sich immer mehr Menschen trauen, die Dinge auszusprechen, die sie bisher nur gedacht haben. Dabei spielen das Internet und die sozialen Medien eine wichtige Rolle, denn dort findet man sehr schnell Gleichgesinnte, die der eigenen Meinung zustimmen und sie sogar weiterverbreiten. Auf politischer Seite kommt hinzu, dass mit der AfD eine Partei in den Parlamenten vertreten ist, deren namhafte Funktionäre mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal von einem „Denkmal der Schande“ sprechen www.vorwaerts.de/artikel/verfassungsschutz-stuft-fluegel-afd-rechtsextrem oder eine „180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur“ fordern. Solche Aussagen wirken wie ein Katalysator für den Antisemitismus. Die Ereignisse der letzten Monate zeigen, dass aus diesen Worten letztlich auch Taten werden.

Wie beeinflusst das das tägliche Leben des jüdischen Glaubens in Deutschland?

Es sind oft Kleinigkeiten, die aber wichtig sind. Viele verzichten darauf, einen Davidstern – etwa als Kette – offen zu tragen. Um die Kippa zu verdecken wird eine Basecap getragen. Das ist allerdings keine ganz neue Erscheinung. Kindern und Jugendlichen wurde schon vor einigen Jahren empfohlen, dass sie besser auf eine Kippa verzichten, wenn sie allein unterwegs sind, um eine Gefährdung von vornherein auszuschließen.

Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr haben Sie gesagt: „Die Juden sitzen nicht auf gepackten Koffern, aber schauen wieder nach, wo der leere Koffer steht.“ Denkt tatsächlich eine zunehmende Anzahl von Jüd*innen darüber nach, Deutschland zu verlassen?

Nach Halle saß der Schock tief. Der Anschlag hat eine tiefe Verunsicherung in der jüdischen Gemeinschaft ausgelöst. Danach wurden die Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen jedoch fast überall in Deutschland deutlich verbessert. Das hat ein neues Gefühl der Sicherheit geschaffen. Auswanderung ist nicht wirklich ein Thema. 

Als Konsequenz der Ereignisse fordern Sie „einen gesellschaftlichen Klimawandel“. Was genau erwarten Sie da?

Jede und jeder sollte im eigenen, persönlichen Umfeld gegen Rassismus und Antisemitismus vorgehen. Da gehört häufig gar nicht viel dazu. Wenn etwa jemand im eigenen Umfeld antijüdische Ressentiments herausposaunt, sollte man ihn darauf ansprechen und fragen, ob er eigentlich weiß, was er da gerade gesagt hat. Anderen Menschen den Spiegel vorzuhalten, wirkt häufig sehr gut.

Wie wichtig ist Bildung dabei?

Bildung und Aufklärung sind zentral. Sie müssen allerdings in der Kindheit beginnen, wenn Menschen die erste Prägung erfahren. Als Zentralrat sind wir deshalb immer mit der Kultusministerkonferenz und auch mit Schulbuchverlagen im Gespräch. Bei der „klassischen“ Darstellung von Juden wird in manchen Schulbüchern klischeehaft vorgegangen und Juden etwa mit Schläfenlocken gezeigt, obwohl Sie so jemanden in Deutschland in der Regel gar nicht sehen werden. Thematisch ist es wichtig, Juden in Deutschland nicht nur in der Phase zwischen 1933 und 1945 darzustellen, sondern klar zu machen, dass es jüdisches Leben in Deutschland seit vielen Jahrhunderten gibt. Im nächsten Jahr begehen wir ja 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Der Zentralrat hat aber auch Projekte initiiert wie „Meet a Jew“ oder „Schalom Aleikum“, die durch persönliche Begegnungen Ressentiments abbauen und den Dialog fördern wollen.

Wie wichtig ist für das Verständnis der Besuch von ehemaligen Konzentrationslagern?

Der Besuch einer KZ-Gedenkstätte kann sehr viel Empathie vermitteln – übrigens auch bei Schülern mit einem Migrationshintergrund. Deshalb bin ich auch sehr dafür, Gedenkstättenbesuche verpflichtend in die Lehrpläne aufzunehmen, natürlich mit Maß und Ziel.

Das Interview wurde bereits im Juli 2020 geführt und jetzt aktualisiert.

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen.