Unbewältigte koloniale Vergangenheit

Von Paul Starzmann
15.06.2017 -

Der Rassismus in unserer Gesellschaft wurzelt in der Gewalt der deutschen Kolonialzeit, sagen Historiker. Sie fordern deshalb eine politische Aufarbeitung der schweren Verbrechen vor über 100 Jahren. Andere halten dagegen: War alles halb so schlimm damals, sagen sie.

Screenshot, Verlagsseite

Der deutsche General Lothar von Trotha machte aus seinen Absichten nie einen Hehl. Nachdem er im Jahr 1904 zum Oberkommandierenden der deutschen Truppen in der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ ernannt worden war, wollte er vor allem eins: Blut sehen.

„Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeiten auszuüben, war und ist meine Politik“, schrieb er damals stolz in einem Brief. Wenige Wochen zuvor hatte der General eine Order an seine Truppe ausgegeben, die als „Vernichtungsbefehl“ in die Geschichte eingehen sollte – die Anweisung zum Völkermord an den Herero, Nama und Damara. Begangen von deutschen Soldaten auf dem Gebiet des heutigen Namibia.
Inzwischen ist dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte gut erforscht. Dennoch gibt es bis heute Streit über die Bewertung der Kolonialzeit – wie jetzt auch zwei neue Bücher belegen.

Der Genozid hat offene Wunden hinterlassen

Die Ansätze der zwei Autorenteams könnten unterschiedlicher kaum sein: Die Kolonialismus-Experten Reinhart Kößler und Henning Melber stellen schon im Titel ihres Buches die alles entscheidende Frage: „Völkermord – und was dann?“ Sie verstehen den Kolonialismus nicht als eine historisch isolierte Periode, sondern als eine Zeit, deren Spuren sich vom frühen 20. Jahrhundert über das Dritte Reich bis in die Bundesrepublik ziehen – und sich in der heutigen Gesellschaft in Form des noch immer weit verbreiteten Rassismus widerspiegeln. Ganz zu schweigen von den offenen Wunden, die der Genozid im heutigen Namibia hinterlassen hat.

Auf ganz andere Weise behandeln die Geschichtsprofessoren Horst Gründer und Hermann Hiery das Thema: In ihrem Sammelband „Die Deutschen und ihre Kolonien“ wird das Problem des Rassismus weitgehend umschifft. Stattdessen können die beiden Herausgeber der deutschen Gewaltherrschaft in Afrika sogar Positives abgewinnen: Unter der Überschrift „Versuch einer Bewertung“ zählen sie den „europäischen Fortschritt“ auf, den die Deutschen angeblich in die Kolonien brachten: „Infrastruktur, Schulen, Gesundheitsfürsorge und Krankenbehandlung“. Sie könnten genauso gut den Autobahnbau erwähnen, wenn es um die Bewertung des Dritten Reichs ginge.

Das „deutsche Herrenmenschentum“

Gegen eine Relativierung historischer Verbrechen richten sich Kößler und Melber in ihrem Buch. Dass der Kolonialismus nichts Gutes gebracht hat, zeigen sie schon im ersten Kapitel: Akribisch zeichnen sie nach, wie die Deutschen bereits Jahrzehnte vor dem Beginn der Nazi-Zeit tausende Menschen in Südwestafrika in Konzentrationslagern hungern ließen. Wie die Generäle Zwangsumsiedlungen anordneten und von der „Vernichtung des Hererovolkes“ schwärmten, nachdem sie unzählige Männer, Frauen und Kinder in der wasserlosen Omaheke-Wüste in den Tod getrieben hatten. Ihr Motiv: das „deutsche Herrenmenschentum“. Knallharter Rassismus also.

Ganz anders sieht die Analyse von Horst Gründer und Hermann Hiery aus: Sie betonen, dass doch auch einzelne Einheimische vom kolonialen System profitierten. Auch glauben sie, die deutsche Besatzung habe „das festgefügte vorkoloniale System“ in Afrika beinah zu einer „offeneren Gesellschaft“ umgeformt. So als seien damals alle einheimischen Gesellschaften von Windhoek bis Sansibar gleich „festgefügt“ gewesen. Als hätten die Menschen im globalen Süden nur auf die deutschen Besatzer gewartet. Vor über 100 Jahren mag diese Einschätzung dem kolonialen Zeitgeist entsprochen haben – im Jahr 2017 sollten es Geschichtsprofessoren wie Gründer und Hiery jedoch besser wissen.

„Dialog mit den Opfergruppen“ gefordert

Umso mehr lohnt sich die Lektüre von Kößler und Melbers „Völkermord – und was dann?“ Das Buch geht weit über die Auflistung historischer Ereignisse hinaus: Es zeigt, wie schwer sich Medien, Politik und Gesellschaft bis heute mit der kolonialen Vergangenheit tun. Wie die einstigen Menschenrechtsverletzungen verschwiegen und verharmlost werden – und wie die Nachfahren der Opfer in ihrem Wunsch nach Wiedergutmachung noch immer ignoriert werden.

Im Vorwort fordert die ehemalige SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die sich schon in den 1990ern für eine Aufarbeitung der Kolonialzeit stark machte, den „Dialog mit den Opfergruppen“. Zu Recht. Denn ohne eine offizielle Entschuldigung für den deutschen Genozid in Afrika und eine intensive politische Aufarbeitung des Kolonialismus lässt sich auch der heutige Rassismus in unserer Gesellschaft nicht erfolgreich bekämpfen.

Reinhart Kößler und Henning Melber: „Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung“, Frankfurt 2017, Brandes & Apsel Verlag, 176 Seiten, 19,90 Euro.

Horst Gründer und Hermann Hiery (Hsrg.): „Die Deutschen und ihre Kolonien“, Berlin 2017, be.bra Verlag, 352 Seiten, 24,00 Euro.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

Weitere Artikel

Rassistischer Stimmungsmache im Wahlkampf entgegentreten

28.06.2017 -

Immer wieder sorgen AfD, NPD und Co mit rassistischer Werbung für Aufmerksamkeit. SPD-Politiker wollen dies nicht länger hinnehmen – und haben dabei das internationale Recht auf ihrer Seite. Nur wird dieses in Deutschland zu selten angewendet.

 

Warum AfD wählen unglücklich macht

03.01.2017 -

Nicht alle Anhänger der AfD sind extrem rechts – manche wählen die Partei nur aus Protest gegen die aktuelle Politik. Ein grober Fehler, findet der Journalist Stephan Hebel. Denn: Wer AfD wählt, schießt sich ins eigene Knie.

Gefährliche „Anti-Europäer“

01.11.2016 -

Der Rechtspopulismus von AfD bis Pegida hat mehr mit dem Islamismus zu tun als gedacht. Das schreibt Claus Leggewie in seinem neuen Buch. Er zeigt: Rechte und Dschihadisten verfolgen sogar ein gemeinsames Ziel.

Panikmacher aus der rechten Ecke

11.05.2016 -

Wut, Verachtung, Abwertung – das sind die Zutaten des Rechtspopulismus, sagt die Wissenschaftlerin Beate Küpper. Rechte Ressentiments seien in unserer Gesellschaft viel weiter verbreitet als viele es wahrhaben wollten. Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin stellt Küpper neue Strategien gegen rechts vor.