Roma-Day in Berlin: Aufstehen gegen Rassismus und Nationalismus

Von Markus Hüttmann
24.11.2017 -

Mehr als 70 Jahre nach dem Genozid an Sinti und Roma gehören massive Diskriminierung und Ausgrenzung für beide Minderheiten immer noch zum Alltag. In Berlin kamen daher zum „Romaday" Angehörige beider Gruppen sowie Vertreter aus Politik und Gesellschaft zusammen, um nach neuen Lösungsansätzen für die Praxis zu suchen.

Die nach der Wiedervereinigung aufwendig restaurierte Parochialkirche war anlässlich des "Roma-Days" gut gefüllt; Photo: Markus Hüttmann

Holocaust. Shoa. Fast jeder kennt diese Begriffe: Sie stehen für den Völkermord an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Aber wie vielen Deutsche sagt der „Porajmos“ etwas? Der Ausdruck bedeutet übersetzt „Das Verschlingen" und ist eine Bezeichnung für die systematische Ermordung von Sinti und Roma während der NS-Zeit in Deutschland und Europa. Die geschätzten Opferzahlen schwanken zwischen 200.000 bis hin zu einer halben Million Menschen. Sicher aber ist: Es war ein Völkermord. Ein Völkermord, der erst 1982 durch die sozialliberale Koalition von Kanzler Helmut Schmidt anerkannt wurde. Vor gerade einmal fünf Jahren wurde den Opfern ein Denkmal im Berliner Tiergarten gewidmet.

Viele Angehörige der Minderheit sind gut integriert

Die späte Anerkennung des Genozids im Jahr 1982 ist symptomatisch für den Umgang mit der Minderheit von Sinti und Roma in Deutschland: Antisemitismus ist, trotz einiger negativer Tendenzen, in weiten Teilen der Gesellschaft nach wie vor verpönt. Der „Antiziganismus“, die ethnische Diskriminierung von Sinti und Roma, gehört dagegen zum deutschen Alltag: Nach einer Studie der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes von 2014 verbinde jedes zweite Schulkind Sinti und Roma mit dem abwertenden Begriff des „Zigeuners“. Das sagt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, auf einer Pressekonferenz im Rahmen des „Romaday“-Kongresses in Berlin. Der Minderheit werde laut der Studie - Stand 2014 - noch weniger Sympathie entgegengebracht als Asylbewerbern und Muslimen. Jeder Zweite vertrete die Meinung, Sinti und Roma seien selbst für grassierenden Antiziganismus verantwortlich. Jeder Dritte lehne Sinti oder Roma als Nachbarn ab.

„Das sind erschreckende Zahlen“, sagt Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland. In seinem Grußwort zur Eröffnung des „Romadays“ in der Berliner Parochialkirche sagt er aber auch, dass nicht immer nur über Diskriminierung und Benachteiligung von Sinti und Roma gesprochen werden sollte: Viele Angehörige der Minderheit seien gut integrierte Leistungsträger in der Gesellschaft. Rose klagt: für die interessiere sich die Öffentlichkeit nicht. Aus Angst vor Benachteiligung gäben sich diese Menschen außerdem oft nicht zu erkennen.

„Raus aus der Defensive“

Trotz der eisigen Temperaturen in der schlecht beheizten Parochialkirche schlägt Rose die Zuhörer in seinen Bann: Als er auf das unvermeidliche Thema AfD und deren Einzug in den Bundestag zu sprechen kommt, bleibt seine Stimme ruhig - der Inhalt seiner Ausführungen ist Schärfe genug: Die AfD sei eine „völkische“ und „rassistische Partei“, sagt er, und: „Wir dürfen diesen kranken Nationalismus in unserer Mitte nicht dulden“. Aufgrund ihrer Geschichte sei die Minderheit der Sinti und Roma fest entschlossen, den demokratischen Rechtstaat gegen rechte Umtriebe zu verteidigen. Nazis und ihrer Ideologie müsse entgegengetreten werden.

„Wir müssen aus der Defensive raus“, fordert auch die amtierende Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) in ihrem Grußwort. Barley weist daraufhin, dass die Vorurteile dort am größten seien, wo die Menschen wenig bis keinen Kontakt zu Sinti und Roma hätten. Einen politischen Seitenhieb an die Adresse von CDU und CSU gibt es inklusive: Ein „Demokratieförderungsgesetz“ zum Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung liege bereits seit längerem in der Schublade, habe aber ebenso wie ein geplanter Arbeitskreis gegen Antiziganismus in der vergangenen Legislaturperiode keine Mehrheit gefunden, kritisiert Barley.

Antiziganismus öffentlich verurteilen

Die Konferenz unter dem Motto „Every Day is Romaday! Dialog mit Politik, Behörden und Bildungseinrichtungen“ wurde anlässlich des fünften Jahrestages der Eröffnung des Völkermorddenkmals vom „Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas“ organisiert. Dem Bündnis gehören zahlreiche Organisationen von Amnesty International über die Arbeiterwohlfahrt bis hin zum Zentralrat der Juden in Deutschland an. Im Laufe des Kongresstages wird in Workshops über so unterschiedliche Themen und Probleme wie die Verbesserung der sozialen- und Wohnsituation von Sinti und Roma, Asyl- und Bleiberecht, den Zugang zum Arbeitsmarkt, Bildungsförderung und Kulturprojekte gesprochen. Das Ziel: Die Vereinbarung neuer Konzepte und Kooperationen.

In ihrer Abschlusserklärung appellieren die Organisatoren an die künftige Bundesregierung, die europäischen Sinti und Roma im Kampf um ihre Rechte aktiv zu unterstützen. Antiziganismus gehöre öffentlich verurteilt, Sinti und Roma „als gleichberechtigte Bürger“ anerkannt. Der Beitrag der beiden Minderheiten zur europäischen Kultur müsse gewürdigt, aus ihrer Heimat geflohenen Roma entsprechender Schutz durch Asyl gewährt werden. Die Erklärung wird auch konkret: Der Expertenkreis gegen Antiziganismus müsse ebenso geschaffen werden wie ein Fond für die Bildungsförderung von Sinti und Roma. Außerdem brauche es ausreichende Mittel für die Integration von eingewanderten Roma auf kommunaler Ebene.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

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