Rechtsextreme Szenen im Film

Von Kai Budler
04.05.2016 -

Mit einer Kurzfilmreihe zur extremen Rechten macht die Mobile Beratung in Thüringen zu ihrem 15. Geburtstag der Zivilgesellschaft ein besonderes Geschenk. Die Filme dokumentieren auch ein Jahr, in dem die Szene sich radikalisiert hat und aktiver war als zuvor.

Einladung zur Filmpremiere; Bildrechte: Mobit e.V.

Der Saal des Johannes-Lang-Hauses in Erfurt platzte aus allen Nähten, als die „Mobile Beratung in Thüringen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ (Mobit) zu der Veranstaltung lud. Vor der Eingangstür zum Saal arbeitete eine Popcorn-Maschine, während die Besucher im Inneren eine Filmpremiere feierten. Die Reihe „Keinen Meter deutschen Boden. Die extreme Rechte in Thüringen“ ist das Resultat der über einjährigen Arbeit von Mobit und das umfangreichste Projekt in der bislang 15-jährigen Geschichte, erläutert der Vorsitzende des Trägervereins Mobit e.V., Sandro Witt. Auch Jan Smendek spricht von einer „umfangreichen Arbeit“ – er arbeitet im Videokollektiv Filmpiraten und hat die Ideen des Mobit-Teams realisiert und filmisch umgesetzt. Es sei „eines der spannendsten Projekte der letzten Jahre“, gewesen, sagt Smendek.

Das Projekt, das sind sechs Filme zu den braunen Kernthemen wie die NPD in Kommunalparlamenten, rassistische Mobilisierung, Rechtsrock oder Immobilien der rechtsextremen Szene. Die Filme greifen aber auch Themen jenseits der eigentlichen Neonazi-Szene auf wie „Menschenfeindliche Einstellungen in der Gesellschaft“ oder „Antisemitismus heute“. Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm ist einer der vielen Interviewpartner, die in den Beiträgen auftreten. Bei der Vorpremiere hat auch er die Kurzfilme zum ersten Mal gesehen und appelliert: „Es ist höchste Zeit, dass in der Mitte der Gesellschaft etwas gegen Rechtsextremismus getan wird. Es geht darum, dass diese Gesellschaft insgesamt immun wird“. Als Sandro Witt die Reihe eine „erschreckende Dokumentation“ über die extreme Rechte in Thüringen nennt, erinnern sich viele der Zuschauer an den beängstigenden Anstieg rechter Aktivitäten im vergangenen Jahr.

Neonazis versuchen immer wieder, in die Kamera zu greifen

Mobit erfasst für 2015 doppelt so viele derartige Aktivitäten wie im Vorjahr, darunter Konzerte, Aufmärsche und Übergriffe. Tatsächlich sei am Anfang des Projektes noch gar nicht absehbar gewesen, wie sehr die rechtsextreme  Aktionsdichte 2015 die Zivilgesellschaft in Thüringen beschäftigen würde, sagt die Mobit-Projektkoordinatorin Katja Fiebiger. Bis zu vier rechte Aktionen an einem Tag heißt für die Mitarbeiter vier Beratungen der Zivilgesellschaft vor Ort und daneben noch an dem Filmprojekt arbeiten. Einige Vorfälle sind in die sechs Kurzfilme eingeflossen, wie zum Beispiel die gewalttätigen Übergriffe am 1. Mai 2015 in Saalfeld, dabei  versuchen Neonazis immer wieder, in die Kamera zu greifen. Ein Aspekt ist auch die Demaskierung rechter Kampfbegriffe wie bei den vermeintlich bürgerlichen Protesten gegen Flüchtlinge. „Über rechte Begriffe werden Ideologien transportiert“, sagt Lenard Suermann von Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung in dem entsprechenden Kurzfilm. Er erläutert: „Und wir sehen, dass es unterschiedliche Strategien der extremen Rechten gibt, ihre Weltbilder in die Gesellschaft hineinzutragen (…), die dann dort benutzt werden und fortwirken“.

Doch es treten nicht nur Spezialisten als Interviewpartner auf, auch zivilgesellschaftliche Akteure vor Ort stehen Rede und Antwort. Wie beispielsweise Onno Eckert, der ehemalige Bürgermeister von Crawinkel, einem Ort, in dem Neonazis 2011 ein Haus gekauft hatten, das sich schnell zum überregionalen Treffpunkt und Veranstaltungsort entwickelte. Eckert hält es in solchen Fällen für elementar wichtig, „dass alle Beteiligten auf der unteren kommunalpolitischen Ebene, also in den Gemeinden, in den Landkreisen zusammen mit der Verwaltung aber insbesondere mit der Bevölkerung vor Ort (…) an einem Strang und in eine Richtung ziehen“. Ein Vorgehen, das in Crawinkel erfolgreich war: Die Neonazis verließen zwei Jahre später das Dorf.

Es sind gerade diese Aussagen von Aktiven vor Ort, die die Filmreihe noch aufwerten, wendet sie sich doch an zivilgesellschaftliche Akteure in Thüringen. Ziel ist es, ihnen Handlungsperspektiven aufzuzeigen, Diskussionen anzuregen und aufzuklären, sagt Sandro Witt. Offenbar mit Erfolg, denn bereits vor der Premiere lagen bei Mobit rund zehn Anfragen aus Thüringen und anderen Bundesländern für Veranstaltungen mit den Filmen vor. Nach dem Abschluss des Filmprojektes beginnt für Mobit damit erst die eigentliche Arbeit. Und der Vorstandsvorsitzende des Trägervereins ist bereits gespannt, was das Team zum 20. Geburtstag in fünf Jahren abliefert: „Die Messlatte ist jetzt sehr hoch gelegt“, so Witt.

Einen Trailer zu der Filmreihe gibt es hier. Interessierte können sich für eine Filmvorführung in ihrer Region sowohl telefonisch unter 0361-2192694 an Mobit wenden als auch per Mail unter mail@mobit.org.

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