Neurechte Netzwerkorganisation

Von Horst Freires
10.12.2018 -

Ein hilfreicher Leitfaden für die Einordnung der „Identitären Bewegung“ – zwischen völkischem Rechtsextremismus und Erscheinungsformen der Neuen Rechten.

Ein intensiver Blick auf das Phänomen „Identitäre Bewegung“; (Screenshot, Verlagsseite)

Der neu erschienene Sammelband mit dem Titel „Das Netzwerk der Identitären – Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“ wirft einen intensiven Blick auf das Phänomen, das sich „Identitäre Bewegung“ (IB) nennt. Dabei belassen es der Journalist und Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit als Herausgeber sowie zwölf weitere Fachautorinnen und -autoren nicht nur bei einer Herleitung, Erklärung und Zustandsbeschreibung der in der rechtsextremen Szene angesagten Aktivisten. Sie liefern auch interessante Hintergrundinformationen und benennen maßgebliche Köpfe dieser jung, hip, aktivistisch und medienaffin auftretenden Gruppierung. Die IB gibt sich offiziell die Vereinsform, ist aber viel mehr eine Netzwerkorganisation als ein vom Verfassungsschutz ins Visier genommener fixer Personenkreis.

Die Aktionsformen, mit denen die „Identitären“ für ihre intellektuell verbrämte Kulturrevolution von rechts dabei um Aufmerksamkeit heischen, erinnern Beobachter an den Studentenprotest früherer aufmüpfiger 68er. Gravierender Unterschied ist allerdings, dass es sich diesmal quasi um eine Apo von rechts handelt – eine Umschreibung, mit der sich die „Identitären“ sichtlich geschmeichelt fühlen.

Schnittmengen zur AfD

Lohnenswert in dem Buch ist der von der Fachautorin Andrea Röpke erzählte biografische Werdegang beispielsweise des Rechtsextremisten Alf Börm, um Verknüpfungspunkte zwischen völkischem Rechtsextremismus und Erscheinungsformen der Neuen Rechten sichtbar zu machen. Zu den zentralen IB-Netzwerkern, die sich durch die verschiedenen Texte ziehen, gehören Martin Sellner, Martin Semlitsch, Mario Müller und im Hintergrund Götz Kubitschek. Der Kaderschmiede der Neuen Rechten, dem Institut für Staatspolitik in Schnellroda, kommt dabei eine besondere Rolle zu.

Ein weiterer bedeutsamer Ort findet sich mit dem IB-Hausprojekt der Kontrakultur Halle vis-à-vis zum universitären Campus der Stadt Halle ebenfalls in Sachsen-Anhalt. Spätestens hier treten überdeutlich Schnittmengen zur AfD zu Tage, die in einem eigenen Kapitel zusammengefasst werden (Jean-Philipp Baeck).

Selbstinszenierungsaktionen mit Außenwirkung

Es ist ein Verdienst des neuen Speit-Buchs, die „Identitäre Bewegung“ nicht als eine singuläre Erscheinung abzustempeln, sondern sie als eine von mehreren Ausdrucksformen bezogen auf den großen Kontext zur Neuen Rechten darzustellen, die mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck seit geraumer Zeit eine Renaissance erlebt. Schwerpunktmäßig wird in dem Band auch beschrieben, wie die „Identitären“ mit modernen Medien umgehen und diese gezielt nutzen beziehungsweise einsetzen. Keine der IB-Selbstinszenierungsaktionen nimmt man ohne eine gewünschte strategische Außenwirkung in Angriff, egal ob regionaler Flashmob oder Mittelmeer-Einsatz mit gechartertem Schiff namens C-Star, Besetzung von Parteibüros oder Banner-Spektakel am Brandenburger Tor. (Simone Rafael und Patrick Gensing).

Die selbst ernannten „Identitären“ agieren mittlerweile in ganz Europa. Ihrem Wirken im Ursprungsland Frankreich (Andreas Speit) sowie in Österreich (Michael Bonvalot) wird jeweils ein eigenständiges Kapitel gewidmet. Ein Blick nach Osteuropa (Hinnerk Berlekamp und Jan Opielka) stellt zwar ein besonderes Detail dar, ist aber aufgrund fehlender Relevanz in der „IB-Familie“ letztendlich nur von untergeordneter Bedeutung.   

Bei aller fundierter Recherche taucht in den Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren manchmal eine Doppelung auf. Auf der anderen Seite glänzt der Sammelband mit einer Informationsfülle und einer sehr breiten Quellenbasis.

Andreas Speit (Hg.), Das Netzwerk der Identitären – Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten, Berlin 2018, Ch. Links Verlag,  264 Seiten (Broschur), 18 Euro.

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