Neonazis im Fokus der Stasi

Von Armin Pfahl-Traughber
31.01.2019 -

In der DDR wurde die Entwicklung insbesondere der neonazistischen und rechtsterroristischen Szene in der Bundesrepublik mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.

Stasi-Blick auf den bundesdeutschen Rechtsextremismus; (Screenshot, Verlagsseite)

Wie stand es eigentlich um die DDR-Rechtsextremismus-Verbindungen? Auf den ersten Blick irritiert diese Frage, war die SED-Diktatur doch ein klares Feindbild für viele Rechtsextremisten. Schaut man aber genauer hin, fallen einige Besonderheiten auf: Dazu gehört auch die Beobachtung, dass nicht wenige führende Neonazis aus der ehemaligen DDR kamen. Bekannt wurde nach 1990 auch, dass selbst frühere Rechtsterroristen sich der Stasi als Informanten angedient hatten.

Welchen Blick hatte nun aber die Stasi auf dieses politische Lager? Auskunft darüber geben die Akten im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Doch bislang haben sie nur bei wenigen Forschern ein Interesse gefunden. Das war bei dem Journalisten Andreas Förster anders, hat er sich doch mit einschlägigen Fragestellungen durch die dortigen Unterlagen gearbeitet. Herausgekommen ist dabei das Buch „Zielobjekt rechts. Wie die Stasi die westdeutsche Neonaziszene unterwanderte“. Gleich vorab gilt es aber festzustellen, dass der Inhalt nicht dem Untertitel entspricht.

Zwei Unterabteilungen mit über 100 Mitarbeitern

Aber zunächst einmal zum Buchinhalt: Einleitend geht der Autor auf das DDR-Interesse am bundesdeutschen Rechtsextremismus ein, worauf noch gesondert zurückzukommen ist. Danach beschreibt er kurz die Entwicklung dieses politischen Lagers in der „alten Bundesrepublik“ und die Entstehung und Entwicklung zweier Unterabteilungen in der Hauptabteilung XXII der Stasi. Diese immerhin mit über 100 Mitarbeitern ausgestatteten Stellen hatten die Aufgabe, die Entwicklung insbesondere der neonazistischen und rechtsterroristischen Szene zu verfolgen. Andreas Förster schreibt: „Bei der Aufklärung extremistischer Gruppierungen im Operationsgebiet stand stets die Frage im Mittelpunkt, welche Gefahr von ihnen für die staatliche Sicherheit und Ordnung in der DDR ausging. Dazu wurden die Mitglieder dieser Organisationen identifiziert, ihre politischen und strategischen Absichten erkundet sowie ihre sogenannten ‚Rückverbindungen‘ zu verwandten und befreundeten DDR-Bürgern aufgeklärt“ (S. 33).

Angst vor Anschlägen auf Einrichtungen des SED-Staates

Anschließend folgen zahlreiche Fallbeispiele aus den Unterlagen: Dabei geht es um ganz verschiedene Personen. Hierzu gehören der Neonazi Udo Albrecht, der frühe „Reichsbürger“-Aktivist Wolfgang Ebel,, der österreichische „Nachrichtenhändler“ Herbert Frauenhuber, der jüdische „Antizionist“ Josef Ginsburg, der Rechtsterrorist Odfried Hepp, der türkische Rechtsextremist Erol Ünsal-Sudan oder der Mehrfach-Spion Peter Weinmann. Außerdem gibt es Ausführungen zu dem Stasi-Umgang mit dem früheren Berliner Innensenator Heinrich Lummer oder den Republikanern als bürgerlich-rechtsextremistischer Partei. Auch die weniger bekannten „Selbstanbieter“ aus dem Westen werden thematisiert. Und ein kurzes Kapitel trägt den Titel: „Wie Stasi und BKA den Bonn-Besuch von Erich Honecker gemeinsam absicherten“. Das DDR-Interesse am bundesdeutschen Rechtsextremismus wird auf die Angst der Stasi zurückgeführt, hätte diese doch mit Anschlägen auf Einrichtungen des SED-Staates durch Rechtsterroristen gerechnet. Der Autor lehnt die anderslautende Deutung vom Propagandaeffekt demgegenüber ab.

Bemerkenswerte, aber auch merkwürdige Details

In der historischen Rückschau spricht dafür tatsächlich, dass derartige Aktivitäten durch die DDR nur bis Anfang der 1970er Jahre auszumachen waren. Gleichwohl sollte das Interesse der Stasi auch nicht nur monokausal in diesem Sinne gedeutet werden. In der Gesamtschau neigt Förster indessen nicht zu wilden Spekulationen. Er ist ins Archiv gegangen, hat sich die Akten angesehen und dann daraus Fallstudien zusammengeschrieben. Hier kann der Autor immer wieder bemerkenswerte, aber auch merkwürdige Details präsentierten. Er nennt dabei Erfolge ebenso wie Niederlagen der Stasi, was für ein differenziertes und nüchternes Recherchieren spricht. Hauptsächlich arbeitet Förster seinen Stoff anhand der Stasi-Unterlagen auf. Hierzu hätte man sich allerdings auch ein quellenkritisches Wort gewünscht, entstanden die gemeinten Texte doch vor einem bestimmten Hintergrund. Darüber hinaus wirkt der Untertitel etwas schief, suggeriert er doch mit der „Unterwanderung“ eine Steuerung der bundesdeutschen Neonazi-Szene. So etwas behauptet Förster indessen nicht.

Andreas Förster, Zielobjekt Rechts. Wie die Stasi die westdeutsche Neonaziszene unterwanderte, Berlin 2018 (Ch. Links-Verlag), 264 Seiten, 18 Euro.