#MeTwo: Aufschrei einer Generation

Von Johanna Schmeller
01.08.2018 -

Tausende Menschen teilen unter dem Hashtag #MeTwo ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus in sozialen Medien. Längst geht es dabei nicht mehr nur um die Entscheidung eines Fußballers.

„MeTwo“ macht Alltagsrassismus sichtbar; Photo: vorwärts.de

„Habe bisher nichts zu #MeTwo getextet. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, hatte Sawsan Chebli (SPD) am Wochenende noch getwittert. Doch jetzt ist es genug.

In den letzten Tagen überschlugen sich die #MeTwo-Tweets – und die rechte Hetze dagegen. Beleidigungen, wie sie auch gegen Chebli aufgrund ihrer Herkunft im Netz verbreitet werden – „palästinensischstämmige islamische SPD-Sprechpuppe“ und „Schaf im Wolfspelz“ sind harmlosere – lesen sich infam. „Dass die traurigen Erfahrungen, die Menschen hierzulande machen, als Gejammer abgetan werden, ist beschämend für unser Land“, sagt Sawsan Chebli im Interview mit dem „vorwärts“.

Neue Heimat Deutschland

Unter dem Hashtag #MeTwo äußern sich derzeit Betroffene, prominent oder völlig unbekannt, über Alltagsrassismus. Ausgelöst durch die Begründung von Mesut Özil für sein Ausscheiden aus der deutschen Nationalelf schildern sie ihre Erfahrungen – die binnen Minuten von rechten Hatetweets bestätigt werden. Kein Zweifel: Rassismus ist real. In Deutschland. Im Jahr 2018.

„Meine Heimat ist Deutschland, und ich bekenne mich zu unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung“, sagt der Autor und Aktivist Ali Can, der den Hastag #MeTwo in die Welt gebracht hatte, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Gleichzeitig fühle ich mich aber auch mit den Menschen aus dem türkischen Dorf verbunden, in dem ich geboren wurde.“ Aus diesem Grund heißt die Twitter-Aktion auch „MeTwo“, also „IchZwei“. Deutsche mit Migrationsgeschichte fühlen sich zwiegespalten. In den letzten Tagen wurde nach Agenturangaben zeitweise mindestens ein Tweet pro Sekunde mit dem Schlagwort abgesetzt.

„Not your negro“

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby musste sich oft in seinem Leben wehren, etwa gegen fremdenfeindliche Kommentare der NPD zu seinem Wahlplakat: Auf Facebook reagierte der aus dem Senegal stammende Politiker damals knapp mit den Worten „I am not your negro“. „Seit meiner Wahl in den Bundestag bekomme ich ein, zwei Hassmails pro Woche“, sagt Diaby im Gespräch mit dem „vorwärts“. „Viele dieser rassistisch geprägten E-Mails lasse ich mir gar nicht mehr zeigen.“ Wenn es strafrechtlich relevant wird, erstattet er Anzeige – zum Beispiel gegen einen NPD-Politiker, der auf Facebook eine Beleidigung gepostet hatte.

Doch neben seinem Job gab es eben auch diesen Taxifahrer, der sich weigerte, ihn einsteigen zu lassen, oder die Kassiererin, die ihn aufforderte, sich in eine andere Schlange zu stellen. „Das hat mich geprägt. Es ist wichtig, dass wir solche Erfahrungen jetzt miteinander teilen und sie nicht einfach unter den Tisch fallen lassen“, sagt Diaby. Die Tweets der vergangenen Tage hätten ihn „erschüttert“.

„Was einige nicht verstehen: Man kann als Migrant noch so weit gekommen sein in seinem Leben in Deutschland, noch so viel Geld verdienen, noch so integriert sein und dennoch das Gefühl haben, dass man sich sein Deutschsein täglich neu verdienen muss“, sagt Sawsan Chebli.  

„Heult leise“

Und genau dies macht #MeTwo so sichtbar. Das Twitteraccount des „Spiegel“-Korrespondenten Hasnain Kazim explodiert schier, seit er sich am Wochenende nach stundenlangem Dauerbeschuss von rechten Hatern genervt und daher mehr so mittelhöflich an den Badesee verabschiedet hatte („heult leise, ihr Pisser“). Regelmäßig machte der deutsche Journalist schon früher die zahllosen Hassmails öffentlich, die er wegen seiner indisch-pakistanischen Abstammung bekommt.

Der in Israel geborene Satiriker Shahak Shapira prangert auf Twitter an, wie man denn reagieren solle, „wenn Neonazis deine Mutter bedrohen und die Staatsanwaltschaft ihr sagt: ‚Naja, vielleicht sollte Ihr Sohn sich nicht so prominent in der Öffentlichkeit äußern.'“

Die Twitter-Kürze verleiht vielen Statements zusätzlich Drastik. Aus den Tausenden Tweets spricht Frust, Bedauern, Resignation – und manchmal auch eine stumme Ratlosigkeit, die besonders mitnimmt.

Suche nach einem anderen deutschen Wir

Klar ist: Hier wird nicht weniger verhandelt als die Frage, was Deutschsein heute bedeutet – in der Politik, in der Zivilgesellschaft, auf Twitter. Warum eigentlich auf Twitter?

„Die Debatte um das ‚neue deutsche Wir‘ muss über alle gesellschaftlichen Schichten und auf allen Ebenen geführt werden“, sagt Kerim Arpad, Geschäftsführer des Deutsch-Türkischen Forums Stuttgart. Die Kinder- und Enkelgeneration der ehemaligen Gastarbeiter sei sensibler, trete selbstbewusster auf, stelle ihrerseits Forderungen, und „soziale Medien tragen dazu bei, dass Meinungen verbreitet werden und Gehör finden.“

Hier entstünden aber auch „neue Rassismen à la ‚zeigt doch mal Dankbarkeit, redet nicht alles schlecht'“.

Arpad spricht Deutsch mit schwäbischem Zungenschlag. Nur sein Name weist seine türkische Herkunft aus. „Begriffe wie „Heimat“ dürfen nicht populistisch und exklusiv für Alteingesessene betrachtet werden“, findet er. „Deutschland im 21. Jahrhundert ist international und interkulturell, es muss „Heimat“ für uns alle sein.“

Die Zahlen geben ihm recht. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2017 leben in Deutschland heute so viele Menschen mit Migrationsgeschichte wie nie: insgesamt rund 19 Millionen Menschen, also jeder Fünfte (22,5 Prozent).

Offen über rassistische Strukturen sprechen

Die Tweets zeugen von der Suche einer Generation nach Selbstverständlichkeit – von Deutschen mit Migrationsgeschichte oder ohne.  „Wir tun uns auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte so schwer, offen über Rassismus zu sprechen“, meint Sawsan Chebli. „Positiv stimmt mich, dass jetzt so viele Menschen aufstehen und klarmachen: Es darf keinen Platz für Rassismus geben in unserem Land.“ Denn es sei wichtig, diese Diskussion jetzt ohne Scheuklappen zu führen.

 „Die #MeTwo-Debatte zeigt, dass Rassismus in unserer Gesellschaft verankert ist und wir lernen müssen, offen über diese rassistischen Strukturen zu reden“, sagt auch Karamba Diaby. „Jetzt sind wir wachgerüttelt.“

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen.

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