„In der Mühlenstraße brennt es. Heil Hitler!“

Von Tassilo Oestmann
28.11.2012 -

Zum 20. Mal jähren sich die rassistischen Brandanschläge von Mölln. Drei Menschen haben damals ihr Leben verloren, zwei davon Kinder. Der Schmerz der Angehörigen sitzt noch tief. Vergeben können einige, vergessen niemand.

Das Bahide-Arslan-Haus am 20. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags von Mölln; Photo: Tassilo Oestmann

„Wir haben nie Hilfe bekommen. Wo waren Sie die letzten 19 Jahre?“, fragt Ahmet Arslan vom Podium in den Saal. Der Mann, der sichtlich um Fassung ringt, ist ein Sohn von Bahide Arslan, die bei dem Anschlag in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1992 ums Leben kam. Wieso werde lediglich der Toten gedacht, wieso nicht auch der Schwerverletzten, fragt er die politischen Vertreter.

Zum 20. Jahrestag der tödlichen Anschläge sitzen Jan Wiegels, Bürgermeister von Mölln, Klaus Schlie, Landtagspräsident von Schlewsig-Holstein, und Torsten Albig, der Ministerpräsident des Bundeslandes, am vergangenen Freitag in der ersten Reihe der Gedenkveranstaltung im Möllner Quellenhof. Vorher hatten sie gemeinsam in der Moschee an einem Gottesdienst teilgenommen und vor dem Brandhaus in der Mühlenstraße 9, das heute Bahide-Arslan-Haus heißt, Kränze niedergelegt.

Schmerz und Wut bei den Hinterbliebenen

„Sie haben uns im Stich gelassen und keiner hat uns geholfen“, setzt Ahmet Arslan seine Vorwürfe fort. Der Schmerz über die fehlende Unterstützung nach den Anschlägen und über  die mangelnde Teilnahme an den folgenden Gedenkveranstaltungen sitzt bei ihm tief. Auch Servet Yilmaz, dessen Schwester Ayse in den Flammen starb, kritisiert die Behörden scharf. Die 14-jährige Ayse war damals in Mölln zu Besuch. Ihr Bruder ist für die Gedenkveranstaltung extra aus der Türkei angereist. All die Jahre davor habe man nichts von den Behörden gehört. Die Familie Yilmaz sei nie zu den Gedenkveranstaltungen eingeladen worden. Auch dieses Mal hätten sie erst anfragen müssen. Man merkt, wie tief nicht nur der Schmerz, sondern auch die Wut bei den Hinterbliebenen sitzt.

Der 22. November 1992 war ein Sonntag. Michael P. und Lars C. fuhren im Auto durch das nächtliche Mölln. Im Kofferraum eine Bierkiste voller Molotow-Cocktails. Michael P., 25 Jahre alt, war ein stadtbekannter Neonazi, der sich als Hilfsarbeiter über Wasser hielt. Sein Kumpel Lars C. war 19 Jahre alt und machte eine Ausbildung im Supermarkt.

Zwei Brandanschläge in einer Nacht

Es war kurz vor halb eins in der Nacht , als sie in der Ratzeburgerstraße 13 hielten. Sechs türkische Familien lebten hier. Die beiden Männer sprangen aus dem Auto und warfen vier Molotow-Cocktails auf das Haus. Um 0.31 Uhr ging bei der Notrufzentrale ein Anruf von den beiden ein: „In der Ratzeburgerstraße  brennt es. Heil Hitler!“ Zu dem Zeitpunkt stand das Haus bereits in Flammen. Die Bewohner konnten sich retten, indem sie aus den Fenstern sprangen. Neun von ihnen verletzen sich dabei schwer.

Das bekamen Michael P. und Lars C. nicht mit. Sie fuhren weiter zur Mühlenstraße. Vor der Hausnummer 9 stoppten sie den Wagen. Hier wohnte die Familie Arslan. Bahide und Nazim Arslan lebten seit Anfang der 1970er Jahre in Deutschland. Bahide, die einen kleinen Laden in der Mühlenstraße eröffnet hatte, arbeitete viel, manchmal bis 20 Stunden am Tag. Sie galt als die Seele der Familie und war auch in der Stadt sehr beliebt. Michael P., einer der beiden späteren Täter, kaufte regelmäßig bei ihr ein und ging mit einer ihrer Töchter in dieselbe Klasse.

Großmutter, Schwester und Cousine sterben in den Flammen

Es war ungefähr kurz vor eins, als Michael P. und Lars C. Benzin im Treppenhaus der Mühlenstraße 9 verschütteten. Einen Hinterausgang gab es nicht, das Treppenhaus war der einzige Fluchtweg aus den oberen Etagen. Sie warfen ihre Brandsätze in das Haus und fuhren davon. Um 1.08 Uhr ging bei der Notrufzentrale ein erneuter Anruf der beiden ein: „In der Mühlenstraße brennt es. Heil Hitler!“

Das Haus stand in Flammen. Nazim, der Großvater, konnte sich an einem Laternenmast aus dem Haus hangeln. Hava Arslan mit ihrem acht Monate alten Sohn und ihre Schwägerin Ayten Yilmaz mit ihrem sechs Jahre alten Sohn sprangen verzweifelt aus dem zweiten Stock. Die Großmutter Bahide umwickelte den damals siebenjährigen Ibrahim Arslan mit nassen Handtüchern und brachte ihn die Küche. Sie rannte zurück in die Wohnung, um seine Schwester Yeliz und seine Cousine Ayse zu holen. Es war das letzte Mal, dass Ibrahim seine Großmutter sah. Sie starb in den Flammen, wie Ibrahims Schwester Yeliz und seine Cousine Ayse.

„Deutschland hat ein Rassismusproblem“

Ibrahim Arslan verharrte über vier Stunden in der Küche des brennenden Hauses und überlebte. Die Schlafstörungen und den Verfolgungswahn hat er mittlerweile überwinden können. Aber er leidet weiter unter einem chronischen Husten – eine posttraumatische Belastungsstörung. Auf der Gedenkveranstaltung, die dieses Jahr das erste Mal nach den Wünschen der Familie ausgerichtet wurde, kommen ihm die letzten Worte zu.

„Wir sind keine Statisten, wir Opfer wurden zu lange in den Schatten gestellt.“ Ihm sei es wichtig, dass sie als Zeugen bei den Gedenkveranstaltungen auftreten könnten, sagt der 27-Jährige. Mit Blick auf die Reden der politischen Vertreter sagte er: „In Deutschland hat sich nichts verändert, auch wenn einige Politiker hier etwas anderes sagen. Deutschland hat ein Rassismusproblem. Wir als Gesellschaft müssen ihm entgegen treten und die Geschichte der Opfer muss gehört werden.“ Dass die deutsche Gesellschaft tatsächlich ein Rassismusproblem hat, bestätigen auch die Ergebnisse der neuen Rechtsextremismus-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Neue Gedenktafel nennt rassistischen Brandanschlag

Dem Möllner Bürgermeister hatte Ibrahim Arslan kurz zuvor eine neue Gedenktafel für das Haus übergegeben, das nach seiner Großmutter benannt wurde. Die Schimmelflecken auf der alten Tafel sind nicht der Grund. Auf der neuen Gedenktafel steht, dass es sich bei der Brandnacht von Mölln um einen rassistischen Brandschlag handelte. Auf der alten fehlte das Wort „rassistisch“.

Oft werden Hakenkreuz-Schmierereien von Behörden lediglich als Sachbeschädigung, werden Überfälle von Neonazis auf Ausländer lediglich als Körperverletzung dargestellt. So ähnlich verhält es sich mit der Statistik von Opfern rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Die polizeiliche Statistik geht von 63 Todesopfern seit 1990 aus. Journalisten von „Tagesspiegel“ und „Zeit“ beziffern hingegen die Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit der Wiedervereinigung auf 149 Menschen. Recherchen der Amadeu-Antonio-Stiftung gehen sogar von 182 Todesopfern aus. Die Morde von Mölln gehören zu der Liste staatlich anerkannter Opfer rechtsextremer Gewalt. Das war nicht von Anfang so, denn der Tat wurde zunächst kein rassistisches Motiv zugeordnet.

Opfer werden als Täter verdächtigt

Somit weist der Umgang der Behörden mit dem Brandanschlag von Mölln eine Parallele zu den NSU-Morden auf. Faruk Arslan war zum Tatzeitpunkt bei seinem Bruder in Hamburg und erfuhr am Telefon von dem brennenden Haus. Als er in der Nacht in Mölln ankam, lag seine Tochter Yeliz sterbend im Krankenwagen vor dem Haus. Sie starb genauso wie Arslans Mutter Bahide und seine Nichte Ayse. Das hielt die ermittelnden Behörden jedoch nicht davon ab, zuerst ihn und später andere Türken in Mölln der Tat zu verdächtigen.

Auch in Folge der NSU-Mordserie wurde zunächst jahrelang im Umfeld der Familien nach den Tätern ermittelt. Dass es sich um ein rechtsextremistisches Tatmotiv handeln könnte, zogen die zuständigen Behörden nicht in Betracht. Wie auch im Fall des Möllner Brandanschlags, obwohl die rassistischen Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen nur wenige Monate zurück lagen.

Ein Jahr nach dem Anschlag wurden die beiden Täter, Michael P. und Lars C. wegen dreifachen Mordes, 39-fachen Mordversuchs und schwerer Brandstiftung angeklagt. Michael P. wurde zu lebenslanger und Lars C. zu zehn Jahren Haft verurteilt. Beide wurden mittlerweile aus dem Gefängnis entlassen.