„Ich setze auf die Jugend“

Von Interview: Ramon Schack
16.10.2012 -

„Heimat ist da, wo die Freunde sind“, sagt die jüdische deutsch-israelische Journalistin Inge Deutschkron. Im August wurde sie 90 Jahre alt. Sie lebt heute wieder in Berlin. Ramon Schack hat für vorwärts.de mit ihr gesprochen.

Ramon Schack: Frau Deutschkron, Sie feierten kürzlich Ihren 90. Geburtstag und erfreuen sich bester Gesundheit. Betrachten Sie das als eine Art Gottesgeschenk?

Inge Deutschkron: Nein, als Gottesgeschenk nicht. Ich war mein ganzes Leben nicht religiös und habe auch nicht vor, es im hohen Alter zu werden.

Aber sie waren fast Ihr ganzes Leben lang Sozialdemokratin?

Ja, das ist richtig. Schon als Kind nahmen mich meine Eltern mit auf politische Veranstaltungen, die meistens in den Hinterzimmern irgendwelcher Kneipen stattfanden. Wir haben damals Flugblätter gegen die Nazis angefertigt. Mein Vater war schon in den 1920er Jahren als Sozialdemokrat politisch aktiv. Er sagte immer: „Wenn weltweit der Sozialismus herrscht, verschwindet auch der Amtisemitismus!“.

Glauben Sie das auch?

Nein!

Sozialdemokratin waren Sie immer freiwillig, „zur Jüdin haben Sie die Nazis gemacht“, haben Sie einmal geäußert.

Richtig. Als Kind, vor der Machtergreifung der Nazis, hatte ich keine Ahnung, was ein Jude ist. Meine Eltern waren nicht religiös, genauso wenig wie ich. Doch nach Hitlers Machtübernahme sagte meine Mutter zu mir: "Du gehörst jetzt zu einer kleinen Minderheit. Das bedeutet nicht, dass Du schlechter bist als die anderen Kinder. Das einzige was ich Dir sagen kann: lasse Dir nichts gefallen, wehre Dich." Dieser Satz sollte mich mein ganzes Leben lang begleiten. Ich wehre mich immer noch!

Nachdem Sie und Ihre Mutter die Nazizeit überlebt hatten, verließen Sie 1946 das zerstörte Deutschland.

Ja, wir gingen zu meinem Vater, dem schon 1939 die Flucht gelungen war, nach Großbritannien. Während des Krieges hatten wir natürlich keinen Kontakt zu ihm, wie auch? Erst 1945 gelang es uns durch jüdische Organisationen ihn ausfindig zu machen. Er konnte ja nicht ahnen, dass wir den Holocaust überlebt hatten.

Empfanden Sie Großbritannien als Land Ihrer Träume?

Im Gegenteil. Bei meiner Einreise wurde in meinem Pass der Vermerk „Enemy Alien“ eingetragen, ich galt also als feindlicher Ausländer. Wie Sie sich denken können, war das ein herber Schlag. Da hatten wir gerade den Nazi-Terror überlebt und wurden wieder misstrauisch beäugt, nicht mehr als Juden, dafür als Deutsche, in einer Demokratie.

Kehrten Sie deshalb 1955 in die Bundesrepublik zurück?

Auch. In England hatte ich ja kaum Möglichkeiten zu studieren oder meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Während der Nazi-Zeit konnte ich ja nichts lernen. Ich wollte meinen Beitrag leisten, zum Aufbau eines besseren Deutschlands, eines demokratischen Staates.

Trotz allem, was Sie zuvor im Dritten Reich erlebt hatten?

Gerade deshalb. Das war ich auch den Menschen schuldig, die in Berlin ihr Leben riskiert hatten, um meine Mutter und mich vor den Nazis zu verstecken.

In was für ein Land kehrten Sie 1955 zurück, wie war die Bundesrepublik damals? Spielte die jüngere Vergangenheit eine Rolle im öffentlichen Bewusstsein?

Überhaupt nicht. Ich ging damals ja nach Bonn, was ein Fehler war. Persönlich wäre ich lieber nach Berlin gegangen, wovor mich meine Eltern gewarnt hatten, aufgrund des Kalten Krieges. Über die Verfolgung der Juden im 3. Reich hatte sich ein Mantel des Schweigens gelegt. Niemand wollte daran erinnert werden. Man sagte mir immer, Sie müssen jetzt auch einmal verzeihen können, das ist doch schon so lange her. Auch bei den Sozialdemokraten war diesbezüglich nicht alles rosig.

Inwiefern?

Auch in der SPD gab es damals die Tendenz, die Vergangenheit nicht zu erwähnen. Als Volkspartei war man sich in der Partei bewusst, dass es noch viele Nazis und Antisemiten gab, die auch Wähler waren.

Ab 1959 waren Sie dann Korrespondentin der israelischen Zeitung „Maariv“ in Deutschland.

Richtig. Dadurch konnte ich Geld verdienen, hatte eine Aufgabe. Die Jahre zuvor hatte ich große Schwierigkeiten meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wo hätte ich sonst auch hin sollen?

1972 verließen Sie die Bundesrepublik und gingen nach Israel. Seit 2001 leben Sie wieder in Berlin. Haben Sie hier wieder eine Heimat gefunden?

Ich kehrte ja wieder nach Berlin zurück, weil nach der Aufführung von „Ab heute heißt Du Sara“ im Grips-Theater mich Lehrer darum baten, in ihren Klassen den Schülern von meinen Erlebnissen zu berichten. Anfangs pendelte ich noch zwischen Tel Aviv und Berlin, was auf Dauer anstrengend war. Die Erlebnisse mit den Schülern machen mir viel Freude; ich setze auf die Jugend. Heimat ist da, wo die Freunde sind. Meine Heimat ist Berlin, die deutsche Sprache und meine politische Heimat war und ist die Sozialdemokratie. 

Das Interview erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de