Heterogene rechtsextreme Bewegung

Von Julian Feldmann
19.08.2013 -

In einem nun erhältlichen Band zum Rechtsextremismus und der politischen Kultur in der Bundesrepublik werden zahlreiche Beiträge eines Fachjournalisten gesammelt veröffentlicht. Neben rassistischen Morden und NS-Verherrlichung steht auch die Zusammenarbeit von Islamisten und Neonazis im Mittelpunkt.

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„Vom Obersalzberg bis zum NSU: Die extreme Rechte und die politische Kultur der Bundesrepublik 1988 – 2013“ lautet der Titel des Buches, das jetzt im jungen Verlag „Edition Critic“ erschienen ist. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Artikeln und Fernsehskripten des Autors Anton Maegerle aus den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten. Bereits im Vorwort von Clemens Heni, dem Leiter des „Berlin International Center for the Study of Antisemitism“, wird deutlich, was Maegerles Band nicht ist: Ein weiteres Werk in der inzwischen doch recht langen Reihe an Büchern zum NSU-Terror, die sich vorrangig mit der Biografie der Terroristen befassen. Vielmehr steht neben der Beschreibung zahlreicher Phänomene im Rechtsextremismus und deren ideologischer Grundlagen eine gesellschaftliche Einordnung im Vordergrund. Fachjournalist Maegerle charakterisiert den Rechtsextremismus nicht als abgekapselten Bereich, sondern als Teil der Gesellschaft. Dies wird unter anderem deutlich in der Betrachtung von Schnittmengen zwischen Rechtkonservativismus und -extremismus.

„Unbelehrbare Antisemiten“ und „Grenzgänger“

In einigen Beiträgen wird auf den gesellschaftlichen Umgang mit nationalsozialistischen Verbrechen und Verbrechern aufmerksam gemacht. Ausführlich geht es um NS-Relativierung bis hin zur Holocaustleugnung. In einem Bericht über einen Besuch auf dem Obersalzberg (1990) gibt der bnr.de-Autor seine persönlichen Eindrücke wieder und beschreibt die dort offen betriebe Romantisierung Adolf Hitlers und der NS-Zeit. „Adolf Hitler, Oberster Befehlshaber des Heeres, verband seine kühnen Ideen und sein phänomenales Detailwissen mit Gefühl für die Möglichkeiten des technischen Bewegungskrieges“, wird beispielsweise aus einer Broschüre aus dem dortigen Souvenirshop zitiert.

Maegerle zeichnet nicht nur Teile des Weges der militanten Neonazi-Szene bis zum Rechtsterrorismus nach, sondern beleuchtet auch Personen wie den „unbelehrbaren Antisemiten“ Fredrick Toben, Nazi-Oberst Hajo Herrmann und den „Grenzgänger“ Martin Hohmann. Mehrmals geht es um Neonazi-Netzwerken hinter Gefängnismauern und um obskure Polit-Sekten.

Antiamerikanismus und Antizionismus als Ideologie-Elemente

Besonders hervorzuheben im Vergleich zu anderen Abhandlungen zum Themenfeld ist Maegerles Beschäftigung mit Antisemitismus. Der Autor bleibt der Vernichtungsideologie auch über „Szenegrenzen“ hinweg auf der Spur. So berichtet er über linken Antisemitismus („Israel im Visier von rechts und links“) und Verbindungen von Rechtsextremisten zu arabischen und iranischen Machthabern. Antiamerikanismus und Antizionismus werden als wichtige Elemente der Ideologien von Neonazis und Islamisten thematisiert. Vor dem Hintergrund der Terroranschläge vom 11. September 2001 zeigt Maegerle – mit Co-Autor Heribert Schiedel – die nachgewiesenen Kontakte sowie die historischen Kontinuitäten in der Zusammenarbeit zwischen muslimischen Judenhassern und deutschsprachigen Rechten. Ebenso werden die Verbindungen von deutschen Antisemiten zum Regime in Teheran unter die Lupe genommen.

„Vom Obersalzberg bis zum NSU“ erzählt keine kontinuierliche Geschichte des Rechtsextremismus, vielmehr werden einzelne Aspekte des Rechtsextremismus beleuchtet. Das Buch vermittelt den Eindruck einer heterogenen Bewegung und weist so auf die Gefahren, die von dieser ausgehen, hin. Dabei dürften einige Beiträge dem treuen bnr.de-Leser bekannt vorkommen, sind sie doch hier bereits erschienen. Bemerkenswert ist, dass auch Fehleinschätzungen – wie die Annahme von 1989, dass es zu einer Etablierung einer Rechts-Partei kommen wird – in den entsprechenden Berichten belassen wurden.

Der nüchterne Stil sowie die unaufgeregte Erzählweise geben die stets fundierten Recherchen leicht verständlich wieder und regen zum Weiterlesen an. Keine hysterischen Töne, keine Verschwörungstheorien. Maegerle lässt Fakten sprechen. Die Beiträge sind chronologisch geordnet. Der umfangreichen Informationssammlung schließt sich dankenswerterweise ein Register mit Personen, Publikationen und Organisationen an.

Anton Maegerle, Vom Obersalzberg bis zum NSU: Die extreme Rechte und die politische Kultur der Bundesrepublik 1988 – 2013, Berlin 2013, Verlag Edition Critic, 409 Seiten, 20 Euro.