Gegen Rechts und für die Demokratie: Regine-Hildebrandt-Preis 2019 verliehen

Von Kai Doering
27.11.2019 -

Die einen engagieren sich gegen Neonazis, die anderen für den Austausch zwischen Ost und West: Das „Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra“ in Thüringen und das „Ost-West-Forum – Gut Gödelitz“ in Sachsen sind am Dienstag mit dem Regine-Hildebrandt-Preis ausgezeichnet worden.

Die Engagierten beim Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra; Photo: Dirk Bleicker

An einem Wochenende im Juli 2017 fühlte sich Thomas Jakob plötzlich sehr unwohl. In seiner Heimatstadt Themar in Südthüringen leben normalerweise knapp 3000 Menschen. Nun wurde der Ort von 6000 Neonazis aus ganz Europa überspült. Ein ortsansässiger Geschäftsmann hatte zu einem Rechtsrock-Konzert eingeladen. „Das hat uns Angst gemacht“, erinnert sich Thomas Jakob auch zweieinhalb Jahre später noch.

Widerstand gegen Rechtsrock-Konzerte

Am 26. November 2019 steht er im Atrium des Willy-Brandt-Hauses und nimmt als Sprecher des „Bündnisses für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra“ den Regine-Hildebrandt-Preis der Sozialdemokratie entgegen. Die SPD und ihr „Forum Ostdeutschland“ zeichnen damit alljährlich am Todestag Hildebrandts Menschen aus, die sich im Sinne der 2001 verstorbenen früheren brandenburgischen Sozialministerin für Ostdeutschland und seine Menschen engagieren.

Und genau das machen Thomas Jakob und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Bündnis bereits seit 2015. Im Vorjahr hatte ein Neonazi einen Gasthof im Ort gekauft und zu einem Veranstaltungsort für Rechtsextreme gemacht. Die Rechtsrock-Konzerte folgten. Nach dem Schock von 2017 wuchs der Widerstand. Das Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit organisierte Gegenveranstaltungen – häufig mit humoristischen Mitteln. So stellten sie sich im vergangenen Jahr den Neonazis in Superhelden-Kostümen entgegen.

„Wir wollen für die Region etwas tun“

„Protest muss Spaß machen“, ist Thomas Jakob überzeugt. Doch wenn es um die menschenverachtende Ideologie der Rechten gehe, höre der Spaß auf. „Die rechte Ideologie tötet“, betont er bei der Verleihung des Hildebrandt-Preises. Um dies zu verdeutlichen ließ das Bündnis vor einiger Zeit 193 Holzkreuze mit den Namen derjenigen anfertigen, die seit 1990 von Rechtsextremen getötet wurden, und stellte sie am Festivalgelände auf. Mit Lesungen, Kino- und Theatervorführungen will es dafür sensibilisieren, was Rechtsextremismus bedeutet. „Wir wollen für die Region etwas tun“, nennt Thomas Jakob als Antrieb.

„Ihr habt bewiesen, dass es sich lohnt, den Mund aufzumachen und klare Kante gegen Rechts zu zeigen“, lobt die Thüringer Bundestagsabgeordnete Elisabeth Kaiser. Die Landtagswahl vor einigen Wochen habe erneut gezeigt, wie wichtig politische Bildung sei: Bei den Unter-30-Jährigen wurde die AfD in Thüringen stärkste Kraft. „Euer Engagement soll Vorbild für uns alle sein“, sagt Kaiser.

Begegnungen zwischen Ost und West seit 1998

Auf eine etwas andere Art der Bildung setzt der zweite Preisträger des diesjährigen Regine-Hildebrandt-Preises. Das „Ost-West-Forum“ auf Gut Gödelitz aus Döbeln in Sachsen organisiert seit 1998 Begegnungen zwischen Ost- und West-Deutschen. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Biografie-Gespräche, bei denen sich Menschen aus beiden Teilen des Landes über ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen austauschen. „Unser Ziel ist, mit Vorurteilen aufzuräumen“, sagt Axel Schmidt-Gödelitz, der Vorstandsvorsitzende des Forums.

Auf dem ehemaligen Landgut waren neben vielen anderen schon der erste Deutsche im Weltall Sigmund Jähn, der frühere Bundespräsident Horst Köhler und die Schriftstellerin Christa Wolf zu Gast. Mitte November hielt die französische Botschafterin einen Vortrag. „Gödelitz ist ein Geheimtipp und eines der besten Beispiele für die deutsch-deutsche Verständigung“, lobt der sächsische Landtagsabgeordnete und frühere Bürgerrechtler Frank Richter bei der Preisverleihung.

Rausgehen, zuhören und politisch handeln

Im Sinne Regine Hildebrandts handeln sowohl die Aktiven aus Döbeln als auch aus Kloster Veßra. Daran lässt Franziska Giffey keinen Zweifel. „Rausgehen, zuhören und dann politisch handeln: Das hat Regine Hildebrandt ausgemacht und das ist die Aufgabe auch heute“, sagt die Bundesfamilienministerin. Und gerade, weil 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution in Deutschland nicht alles eitel Sonnenschein sei, ist Giffey überzeugt: „Regine Hildebrandt würde auch heute versuchen, Brücken zu bauen.“

Davon würde auch die SPD profitieren. Da ist sich Wolfgang Tiefensee sicher. „Regine Hildebrandt konnte im wörtlichen Sinne mitfühlen und mitleiden“, erinnert der Vorsitzende des „Forums Ostdeutschland“. Auch 18 Jahre nach ihrem Tod gehe es darum, „Ungerechtigkeiten zu benennen, zu beseitigen und an der Seite der Schwachen zu stehen“. Die Antwort auf die Frage, wie die SPD wieder Profil gewinnt, könne aus Tiefensees Sicht also lauten: „Orientieren wir uns an Regine Hildebrandt.“

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen.