Gefährdung in der Mitte

Von Armin Pfahl-Traughber
12.12.2012 -

Die im Zwei-Jahres-Rhythmus im Auftrag der Friedrich Ebert-Stiftung durchgeführten Umfragen zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung konstatieren vor allem einen relativ starken Anstieg in den ostdeutschen Ländern und ebendort unter Jugendlichen.

In der Bundesrepublik Deutschland gab es nach den Angaben im Bundesverfassungsschutzbericht Ende 2011 rund 22.400 mehr oder weniger politisch organisierte Rechtsextremisten. Doch wie steht es um das Ausmaß von rechtsextrem  Eingestellten in der Bevölkerung? Darüber geben Befragungen im Sinne der empirischen Sozialforschung Auskunft, wobei es sich meist nur um einmalige Umfragen handelt. Insofern können vergleichende Beobachtung im zeitlichen Verlauf nur schwer vorgenommen werden. Eine Ausnahme bilden hier die seit 2002 im Zwei-Jahres-Rhythmus im Auftrag der Friedrich Ebert-Stiftung durchgeführten „Mitte“-Studien zu rechtsextremen Einstellungen, die von einem Forscherteam an der Universität Leipzig um die beiden Psychologen Elmar Brähler und Oliver Decker durchgeführt werden. Ihre neueste Studie mit dem Titel „Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012“ enthält eine Auswertung von repräsentativem Datenmaterial vom Juni und Juli des Jahres.

Nach einigen definitorischen und methodischen Ausführungen präsentierten die Forscher die Daten mit teilweise recht hohen Zustimmungswerten zu eindeutig rechtsextremen Einstellungen wie etwa „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“ mit 16, 2 Prozent oder „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“ mit 17,8 Prozent. Dem folgen Ausführungen zu soziodemographischen Merkmalen dieser Personengruppe wie etwa zu Alter, Bildung, Geschlecht oder Wohnort. Gesonderte Aufmerksamkeit finden darüber hinaus noch die Einstellungen zum Antisemitismus sowie zu Islamfeindschaft und Islamkritik. Diese beiden letztgenannten Positionen wurden trennscharf definiert und untersucht. Auch die politischen Ansichten bei Migranten, die ja nun auch rechtsextreme Einstellungen aufweisen können, werden in der jüngsten Ausgabe der regelmäßigen Studien erstmals genauer thematisiert.

Ausländerfeindlichkeit ohne Migranten

Bilanzierend halten die Autoren fest: Bezogen auf die rechtsextremen Einstellungen insgesamt gibt es einen Anstieg von 8,2 Prozent 2010 auf 9,0 Prozent im Jahr 2012. Dabei ist allerdings ein leichter Rückgang im Westen und ein starker Anstieg im Osten feststellbar. In den ostdeutschen Bundesländern nahmen die Werte von 10,5 auf 15,8 Prozent zu. Dabei fallen „gerade die jungen Ostdeutschen ... mit hohen Werten auf“ (S. 54). Man sieht das Problem aber weder als Jugend- noch als Ostthema, gibt es doch auch bei Älteren im Westen relativ hohe Werte. Bezogen auf die gesellschaftlichen Ursachen heißt es: „Vielmehr scheinen die sozioökonomischen Strukturmerkmale der Bundesländern entscheidend zu sein“ (S. 55). Insbesondere in abwärtsdriftenden Regionen in Ost wie West ließen sich starke Anstiege ausmachen. Ansonsten konstatieren die Autoren: „Die Ausländerfeindlichkeit ist zudem nicht etwa da besonders hoch, wo sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen täglich begegnen, sondern dort, wo kaum Migranten wohnen“ (S. 55).

Die Studien von Brähler und Decker sind allein schon aufgrund ihrer einheitlichen und regelmäßigen Durchführung bedeutsam und unverzichtbar, erlaubt doch nur eine solche Vorgehensweise die präventive Einsicht in Bedeutungsverschiebungen im Meinungsbild der Bevölkerung. Sie arbeiten auch mit eindeutigen Einstellungsstatements, die wie die genannten Beispiele klar rechtsextreme Positionen messen. Dies gilt aber nicht unbedingt für die Items zu Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus. Aber hier kann man sich die Daten zu den entscheidenden Fragen immer gesondert betrachten. Kritikwürdig wäre hier die Rede von einem „geschlossenen rechtsextremistischen Weltbild“, was es in dieser Form häufig noch nicht einmal bei Aktivisten in diesem politischen Lager gibt. Größere Aufmerksamkeit verdienen insbesondere die Ausführungen zu Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Darüber hinaus machen die Autoren der Studie deutlich, dass es sehr starke judenfeindliche Neigungen unter Migranten gibt.

Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler, Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012, Bonn 2012 (J. H. W. Dietz-Verlag), 142 S., 9,90 €

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