Gedenkstele für verfolgte Sozialdemokraten

Von Kai Doering
26.03.2019 -

Seit Sonntag erinnert eine Gedenkstele an die sozialdemokratischen Insassen der Konzentrationslager Oranienburg und Sachsenhausen bei Berlin. Bei der Einweihung mahnte SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan, auch heute wachsam gegenüber den Feinden der Demokratie zu sein.

SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan bei der Einweihung der Gedenkstele für die sozialdemokratischen NS-Opfer im KZ Sachsenhausen; © Kai Doering

Es war eines der ersten Konzentrationslager auf deutschem Boden. Nur wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ der Nazis, im März 1933, wurde auf einem ehemaligen Brauereigelände von der SA das KZ Oranienburg eingerichtet. Als „Schutzhäftlinge“ inhaftiert waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, unter ihnen Ernst Heilmann, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im preußischen Landtag.

Ab 1936 wurde nur wenige Kilometer entfernt das Konzentrationslager Sachsenhausen errichtet. Bis zu seiner Befreiung 1945 waren hier mehr als 200.000 Menschen inhaftiert, darunter die SPD-Politiker Rudolf Breitscheid und Julius Leber sowie der Hitler-Attentäter Georg Elser. Insgesamt sollen in Sachsenhausen mehrere zehntausend Menschen ermordet worden sein.

Wiederkehr stigmatisierender Begriffe

Im Konzentrationslager Sachsenhausen waren von Beginn an Sozialdemokraten inhaftiert“, erinnerte der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen Axel Drecoll am Sonntag. Anlass war die Einweihung einer Gedenkstele, die künftig an die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Sozialdemokraten erinnert. Sie steht in der Gedenkstätte kurz vor dem Haupteingang zum ehemaligen KZ.

„Die frühe und brutale Verfolgung der Sozialdemokraten zeigt, wie schnell und konsequent das NS-Regime die Gesellschaft verändern konnte“, meint Drecoll. Er beobachte daher mit Sorge, wie stigmatisierende Begriffe, die auch die Nazis benutzt hätten, „wieder Einzug in den Sprachgebraucht halten“.

Sozialdemokraten haben die Brutalität der Nazis falsch eingeschätzt

„Die Anhängerschaft der Demokratie war in der Endphase der Weimarer Republik praktisch auf die SPD und ihre Wählerschaft geschrumpft“, sagte Bernd Faulenbach. Der Historiker ist Vorsitzender der Fachkommission der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und war bis Sommer vergangenen Jahres Vorsitzender der Historischen Kommission der SPD, die die Idee für die Gedenkstele hatte.

„Die Sozialdemokraten haben die Brutalität der Nazis falsch eingeschätzt“, ist Faulenbach überzeugt. Das sei vielen von ihnen zu Verhängnis geworden. Hunderte SPD-Mitglieder hätten in Sachsenhausen eingesessen, weil sie nicht ins Weltbild der Nazis gepasst oder ihnen unbequem gewesen seien. „Sachsenhausen war ein Rachelager“, so Faulenbach. Und die Sozialdemokraten „waren Repräsentanten des anderen, des demokratischen Deutschland. Schon deshalb verdienen sie es, nicht vergessen zu werden.“

Nietan: „Der Hass ist wieder auf dem Vormarsch“

„Es ist unsere Verantwortung, dass das, was hier geschehen ist, niemals vergessen wird“, betonte auch SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan. Der Nationalsozialismus sei „kein Unfall der Geschichte“ oder gar, „ein Vogelschiss“ wie AfD-Politiker Alexander Gauland behauptet. In Sachsenhausen hätten, wie an vielen anderen Orten auch, „Unrecht und Entmenschlichung stattgefunden“.

Die Gedenkstele solle aber „nicht nur ein Stein sein, der erinnert, sondern auch ein Stein des Anstoßes an uns selber“ sein. In Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus und -extremismus heiße es, wachsam zu sein. „Der Hass ist in unserem Land wieder auf dem Vormarsch“, warnte Nietan. Die AfD habe dasselbe „Arsenal an Bildern im Kopf wie die Faschisten in den 30er Jahren“. Deshalb, so Nietan, „müssen wir als Zivilgesellschaft der Schutzschild gegen den Hass sein. Das lässt sich nicht delegieren.“

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen.