Fatale Entwicklungen

Von Armin Pfahl-Traughber
31.12.2018 -

Dem Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer gilt die AfD als deutsche Form eines „autoritären Nationalradikalismus“ – als Folge von strukturellen Umbrüchen in ökonomischer, politischer und sozialer Hinsicht.

Strukturelle gesellschaftliche Umbrüche und autoritäre Politikangebote; (Screenshot, Verlagsseite)

Warum kam es zum Aufstieg der AfD als Wahlpartei? Diese Frage stellt sich der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer – auch, muss man hier formulieren – in seinem neuen Buch „Autoritäre Versuchungen“. Es geht indessen auf die AfD im engeren Sinne nicht ein, obwohl ihr ein längeres Kapitel gewidmet wird. Für den früheren Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld steht die Partei für einen „autoritären Nationalradikalismus“, der wiederum die Folge von ökonomischen, politischen und sozialen Prozessen ist. Genau diese stehen bei Heitmeyer im Zentrum, die AfD sieht er als Ausdrucksform der gemeinten Entwicklung an. Bei seinen Ausführungen knüpft der Autor an vorherige Publikationen an, welche die Entwicklung einer Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit untersuchten. Auch dabei kamen Deutungsmuster wie „soziale Desintegrationsprozesse“, „politische Demokratieentleerung“ und „autoritärer Kapitalismus“ vor. Hier setzt Heitmeyer sie erneut zur Analyse der Gegenwart ein.

„Desintegration“ und „Demokratieentleerung“

Dabei geht es um den Blick auf die Kombination dreier Momente: strukturelle Umbrüche, subjektive Verarbeitungsweisen und autoritäre Politikangebote. Die Kernthese lautet dabei: „Autoritärer Kapitalismus, Desintegration und Demokratieentleerung haben bei Teilen der Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen, die aus individueller Latenz in manifeste kollektive Bewegungen umgesetzt werden können, wenn die entsprechenden autoritären Organisationsangebote vorhanden sind. Zusammengefasst: Ein zunehmend autoritärer Kapitalismus verstärkt soziale Desintegrationsprozesse in westlichen Gesellschaften, erzeugt zerstörerischen Druck auf liberale Demokratien und befördert autoritäre Bewegungen, Parteien und Regime“ (S. 22). Dass die damit einhergehenden Entwicklungen der Gegenwart durchaus auch schon vor Jahren vorhersehbar waren, macht der Nachdruck eines älteren Textes von 2001 deutlich. Bereits hier betonte der Autor, dass das Empfinden von Kontrollverlusten zu einer sozialen Steigerung autoritärer Versuchungen führen würde.

Verschiebung gesellschaftlicher Koordinaten

Die folgenden Ausführungen wollen dann diese Kernthesen empirisch wie theoretisch untermauern. Für den Autor stehen die Krisen und Umbrüche für „entsicherte Jahrzehnte“ (S. 89), die auch zu einer Verschiebung gesellschaftlicher Koordinaten führten. Neuere Entwicklungen im Kapitalismus hätten diesen Prozess verstärkt, wobei die ökonomische Dominanz in Gesellschaft und Politik anomische Orientierungslosigkeit ausgelöst habe.

Die AfD ist für Heitmeyer ein Produkt derartiger Prozesse, wobei er für sie die Bezeichnungen „rechtsextrem“ wie „rechtspopulistisch“ ablehnt. Sie gilt ihm als deutsche Form eines „autoritären Nationalradikalismus“ (S. 14), den man auch in vielen anderen Ländern feststellen könne. Der Wissenschaftler geht außerdem auf verstärkende Gesichtspunkte ein, wozu etwa im politischen Diskurs die Normalitätsverschiebungen gehörten. Hier schreibt er auch bestimmten Intellektuellen wie der etablierten Politik eine teilweise Verantwortung zu. Die Flüchtlingsentwicklung sei ein Beschleunigungsfaktor, aber nicht die Ursache.

Beklemmend realistischer Pessimismus

Heitmeyer präsentiert auf den ersten Blick einen schlüssigen Erklärungsansatz, liefert eine Fülle von empirischen Belegen und macht auf das Ineinandergreifen verschiedener Ursachenfaktoren aufmerksam. Beachtenswert sind außerdem viele einzelne Detaileinschätzungen, die nähere Reflexionen verdienen würden. Als eher randständiger Aspekt gehört dazu die Kritik an einer 2015 beobachtbaren medialen „realitätsfernen Idealisierung“ (S. 346) der Migranten. Es bedarf hier aber auch kritischer Anmerkungen zu den Lücken in der Theorie. Die von Heitmeyer problematisierten Entwicklungen prägten eine ganze Gesellschaft, gleichwohl neigten nur bestimmte Personen zu einschlägigen Positionierungen. Es wird bei dem Autor nicht deutlich, warum diese bei Einzelnen zu einer „Rechtsentwicklung“ führte und bei anderen Individuen eben nicht. Auch wirkt die Rede vom „autoritären Kapitalismus“ etwas stereotyp und unreflektiert. Politisch beklemmend und leider realistisch dürfte allerdings der Pessimismus am Schluss sein.

Wilhelm Heitmeyer, Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung 1, Berlin 2018 (Suhrkamp-Verlag), 394 S., 18 Euro.