Fünf Jahrzehnte rechter Terror

Von Armin Pfahl-Traughber
05.01.2018 -

Ein neu erschienener Band untersucht den Rechtsterrorismus in Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung.

Ein systematischer Vergleich von rechtsterroristischen Entwicklungen in Deutschland; (Screenshot)

Der Politikwissenschaftler Sebastian Gräfe nimmt in seinem Buch „Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen erlebnisorientierten Jugendlichen, ‚Feierabendterroristen' und klandestinen Untergrundzellen“ im Lichte des NSU einen systematischen Vergleich vor. Die Arbeit beeindruckt durch die intensive Aufarbeitung des Datenmaterials und die systematische Analyse über fünf Untersuchungskriterien.

Das Bekanntwerden der Serienmorde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) löste aus ganz unterschiedlichen Gründen eine schockierende Wirkung aus. Diese bezog sich auch auf die Forschung zum Thema, denn in den einschlägigen Arbeiten hatte Rechtsterrorismus zuvor nur kursorisches Interesse gefunden. Der NSU wies gegenüber früheren Formen von Rechtsterrorismus einige Spezifika auf. Worin diese genau bestehen, wurde nach der Aufdeckung des terroristischen Trios indessen nur sporadisch untersucht.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ziele und Opfer

Eine umfassende Arbeit mit einem diesbezüglichen Erkenntnisinteresse hat nun der Politikwissenschaftler Sebastian Gräfe mit dem Titel „Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland“ vorgelegt. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Hannah Arendt-Institut an der TU Dresden will darin folgender Leitfrage nachgehen: „Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es mit Blick auf die Ideologie, die Handlungsmuster und die Organisationsprinzipien im Rechtsterrorismus nach der Wiedervereinigung im Vergleich zur Bundesrepublik vor 1990?“. (S. 27)

In der Einleitung entwickelt Gräfe die damit einhergehende Fragestellung genauer, wobei ihm folgende fünf Analysekriterien wichtig sind: Ideologie und Entstehungszusammenhang, Gruppenstruktur, Ziele/Opfer der Gewalt, Gewaltintensität und Kommunikationsstrategie. Er nimmt danach entsprechend den Rechtsterrorismus vor der deutschen Wiedervereinigung in den Blick. Nach Ausführungen zum politisch-gesellschaftlichen Kontext geht der Autor auf die „Europäische Befreiungsfront“, die „Volkssozialistische Bewegung Deutschlands/Partei der Arbeit“, die „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die Kühnen-Gruppe, die „Deutschen Aktionsgruppen“ und die Hepp/Kexel-Gruppe ein.

In gleicher Art und Weise untersucht Gräfe anschließend den Rechtsterrorismus nach der Wiedervereinigung. Eingebettet in die Ausführungen zum politisch-gesellschaftlichen Kontext geht es dabei speziell um die „Sächsischen Hammerskins“, die „Skinheads Sächsische Schweiz“, die „Kameradschaft Süd/Schutzgruppe“, das „Freikorps Havelland“, den „Sturm 34“ und dann den NSU.

Rechtsterroristische Gruppen auch nach dem NSU

Anschließend zieht der Autor einen systematischen Vergleich bezogen auf die erwähnten fünf Kriterien. Die zieht er auch heran, um den NSU mit der RAF zu vergleichen. Deutlich zeigt sich hier: „Es ist nicht angebracht vom NSU als einer Braunen Armee Fraktion zu sprechen, zu viele Unterschiede weist die Gruppe im Vergleich zur RAF auf“. (S. 299) Und danach folgt noch eine Bilanz der Untersuchung von zwölf rechtsterroristischen Gruppen aus fünf Jahrzehnten: Sie macht den Entwicklungs- und Wandlungsprozess deutlich. Dabei kommt Gesichtspunkten wie der Gewaltintensität und Organisationsstruktur ein herausragender Stellenwert zu. Gräfe widmet sich hier bilanzierend der Rolle von externen und internen Faktoren bei der Entwicklung des Rechtsterrorismus. Er weist aber ebenso noch auf das aktuelle Gefahrenpotenzial hin, entstanden doch auch nach dem NSU rechtsterroristische Gruppen.

Dem Autor kommt das Verdienst zu, auf breiter Materialgrundlage den NSU vergleichend in die Geschichte des deutschen Rechtsterrorismus eingeordnet zu haben. Dabei erinnert er auch an heute weitgehend vergessene Gruppen. Die Auswertung von Gerichtsurteilen lieferte ihm dazu die nötigen Erkenntnisse. Gräfe geht systematisch vor, indem er stringent seine fünf Untersuchungskriterien nutzt. Bei der Frage nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von NSU und RAF erweist sich die klare Untersuchungsanlage als erkenntnisfördernd. Problematisieren kann man indessen, ob alle von ihm genannten Gruppen als rechtsterroristisch gelten müssen. Handelte es sich bei der genannten „Wehrsportgruppe Hoffmann“ nicht eher um eine bedeutende „Durchlaufstation“ von rechtsterroristischen „Karrieren“. Derartige Einwände sprechen aber in der Gesamtschau nicht gegen die Studie.

Sebastian Gräfe, Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen erlebnisorientierten Jugendlichen, „Feierabendterroristen“ und klandestinen Untergrundzellen, Baden-Baden 2017 (Nomos-Verlag), 356 Seiten, 64,-- Euro.

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