Endgültiges Ende einer Legende

Von Horst Freires
16.10.2015 -

Die vor 20 Jahren eröffnete so genannte „Wehrmachtsausstellung“ hat die Gesellschaft polarisiert und für heftige politische und wissenschaftliche Debatten gesorgt – der Historiker Wolfgang Wippermann fordert,  die Ausstellung aktualisiert wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Vor 20 Jahren: Eine Konferenz erinnert an die „Wehrmachtsausstellung“ (Screenshot)

Wohl kaum ein Thema in der Aufarbeitung der NS-Geschichte sorgte für heftigere Reaktionen als die 1995 erstmals gezeigte so genannte „Wehrmachtsausstellung“. 120 Konferenzteilnehmer in Hamburg erinnerten sich jetzt an die Anfänge, den um die Wanderausstellung entfachten Streit und die wiederum bis heute nur zum Teil aufgearbeitete Folgedebatte aus politischer, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Betrachtung. Man versammelte sich dafür genau dort, wo die Ausstellung im März 1995 ihren Anfang nahm: Im Kulturzentrum Kampnagel. Veranstalter waren die Evangelische Akademie der Nordkirche, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der GEW-Landesverband Hamburg sowie die Kulturfabrik Kampnagel.

Über 20 Jahre ist das nun her: Eine historische Ausstellung zieht durch die Bundesrepublik, die mit ihrer Kernaussage die Gesellschaft polarisierte. Welch hohe Wellen die politische Exposition „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944“ schlagen würde, das hatte das die Ausstellung zu verantwortende Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) sich nicht auszudenken vermocht. Mit der öffentlichen Thematisierung über die Rolle der Wehrmacht rüttelte eine bis dato weitgehend ausgesparte geschichtliche Aufklärung tief hinein in Familien und private Wohnstuben und machte Schluss mit der Legende von der „sauberen Wehrmacht“.

Bundesweit die am meisten besuchte historische Ausstellung

Heftige Kontroversen bei 34 Stationen, ein vorübergehender Ausstellungsstopp im November 1999, eine zweite Auflage unter dem Titel  „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 – 1944“ und schließlich die Entscheidung des HIS-Leiters Jan Philipp Reemtsma, die Ausstellung nach 13 weiteren Stationen von April 2004 an nicht mehr zu zeigen, standen neun Jahre lang intensiv im Fokus der Öffentlichkeit. Die Exposition ist seitdem im Magazin des Deutschen Historischen Museums in Berlin eingelagert, und das Thema im öffentlichen Diskurs zurückgefahren. Mit knapp 1,4 Millionen Besuchern war es bundesweit die am meisten besuchte historische Ausstellung.

Als festgestellt wurde, dass in der ersten Version der Wehrmachtsausstellung von 1433 Fotos weniger als 20 fälschlich als „Wehrmachtstaten“ zugeordnet wurden, sahen sich Ausstellungsgegner bestätigt und zogen die Seriosität des HIS-Projektes und auch dessen inhaltliche Botschaften als Gänze in Zweifel. Für Soldatenverbände, Revisionisten, Vertriebenenorganisationen, ultrakonservative Hardliner und Neonazis war die Aufdeckung des wissenschaftlichen Makels dabei eigentlich nur eine Nebensächlichkeit, denn sie attackierten die von Kurator Hannes Heer in den Vordergrund gestellte Aussage, dass die damaligen kriegerischen und verbrecherischen Handlungen insbesondere beim Ost-Feldzug systematisch und ideologisch gesteuert erfolgten und nicht als ins Feld geführte individuelle, marginale Verfehlungen darzustellen seien. Rechtsextremisten zogen in den Ausstellungsorten protestierend auf die Straße. Und es taten sich gar Terrorstrukturen auf, wie der bis heute unaufgeklärte nächtliche Sprengstoffanschlag vom März 1999 auf die in der Volkshochschule gezeigte Ausstellung in Saarbrücken verdeutlicht.

Eine „gewaltige Bugwelle“ ausgelöst

Die Zweitfassung der Ausstellung rückte mehr die Orte und Umstände von Verbrechen als die Personifizierung von Tätern in den Mittelpunkt. Da war Hannes Heer aber schon nicht mehr Ausstellungsleiter, weil er sich gegen eine von Reemtsma geforderte inhaltliche Veränderung der Schau aussprach. Heer war gegen die Aussortierung der privaten Landser-Fotos, verschwand damit doch auch die ihm zuvor so wichtige Betrachtung über die willige Beteiligung einfacher Soldaten am Massenmord und nicht nur die Herausstellung der Verantwortung von Truppenführern und Befehlshabern.

Heer verhehlt heute gar nicht die von ihm damals gewollte politische Dimension, ein Haltung demonstrierender demokratischer Aufstand der Ausstellung. Ist die Ausstellung gescheitert, wird Heer in Hamburg gefragt, und er antwortet ausweichend. Immerhin habe sie eine „gewaltige Bugwelle“ ausgelöst.

Einer, der ihm beipflichtet, ist Matthias Rogg, Direktor des Militärhistorischen Museums Dresden. Die Bundeswehr gehe nach seinen Worten nicht mehr auf pauschale Distanz zu den Aussagen der Ausstellung wie in den ersten Jahren ab 1995 noch geschehen. Rogg: „Die Ausstellung ist Teil unserer Geschichte geworden.“ Wolfgang Wippermann, Historiker der FU Berlin, hob noch einmal die Bedeutung des HIS-Projektes hervor und forderte, die Ausstellung unter Miteinbeziehung einer inhaltlichen Ergänzung um die Diskussion aus den zuletzt verstrichenen mehr als zehn Jahren erneut der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ulrich Hentschel von der Evangelischen Akademie wünschte sich im Kontext mit der Konferenz zudem, dass das Thema Wiedergutmachung beziehungsweise Reparationszahlungen für immer noch ausgeschlossene Opfergruppen von Wehrmachtsverbrechen endlich gebührend auf die Agenda kommt.