Eine filmische Dokumentation über den „Führer“

Von Nils Michaelis
22.11.2017 -

Der Dokumentarfilm „Wer war Hitler“ will den Diktator zeigen, wie ihn noch niemand gesehen hat. Die Flut aus Bildern und Zitaten bleibt hinter dem Anspruch aber weitgehend zurück. Der Film kratzt oft nur an der Oberfläche, wenngleich er mitunter auch unterhaltsam ist.

Kinodokumentation "Wer war Hitler", Kapitel 1, (YouTube-Screenshot)

Anfang der 30er-Jahre, als die Weimarer Republik ihre letzten Zuckungen erlebt, ist Wahlkampf in Deutschland. Selbstversunken und wie ein unscheinbares Männchen kauert NSDAP-Chef Adolf Hitler am Fenster seines Flugzeugs, das ihn von Stadt zu Stadt bringt. Da ist keine Spur jener herrischen Theatralik, mit der er die Massen betört.

In der Pose des strahlenden Führers

In der nächsten Szene steht er mit seiner Entourage auf dem Rollfeld und gibt die Pose des strahlenden Führers, die jeder kennt. Mit dabei war damals ein britischer Journalist. Aus dem Off kommt sein Bericht zu einer dieser Szenen in „Wer war Hitler“, die den Bruch zwischen dem inszenierten und dem tatsächlichen „Führer“ aufzeigen

Als sich Regisseur Hermann Pölking an die Produktion seines Dokumentarfils machte, war ihm bewusst, dass Hitlers Leben und die Geschichte des NS-Staates auch filmisch weitgehend auserzählt sind. Nach seiner Auffassung dominieren in den zahllosen TV-Dokumentationen die Sichtweisen von Historikern oder von Zeitzeugen, die sich im Nachhinein äußern, sodass sich dem Zuschauer ein vorgefertigtes Bild zeige. Auch nachgedrehte Szenen, so meint er, verzerren das Geschehen im Nachhinein.

Das Publikum soll sich ein Bild machen

So entschied sich der 63-Jährige, im Rahmen eines Dokumentarfilms im Kinoformat - es ist der erste seit 40 Jahren - einen anderen Weg zu gehen. Das Publikum soll sich selbst ein Bild machen. Dafür kombinierte Pölking ausschließlich Film- und Fotomaterial aus der Zeit zwischen 1889 und 1945 zu einem Kaleidoskop aus oftmals unveröffentlichtem Material. Diese Bilder, die nicht nur Hitler, sondern auch den Alltag jener Zeit anfangen, bilden die Grundlage dieser Erzählung. Diese kombinierte er mit Zitaten über Hitler und das Nazi-System, die ausschließlich von Menschen stammen, die das Geschehen mit zu verantworten hatten, es beobachteten oder unter ihm zu leiden hatten. Sei es als hochrangiger Funktionär, Jugendfreund oder Widerstandskämpfer. Aber auch der Ober-Nazi selbst kommt zu Wort.

Pölking spannt dabei einen weiten Bogen. So beschreibt der Film zu Beginn, wie Hitler in das Leben neuseeländischer Maori einbricht, als sie für Großbritannien in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Nur sehr sparsam kommen Kommentare zum Einsatz, die das Geschehen einordnen. Schauspieler geben die Zitate wieder: Wenn Jürgen Tarrach den Bariton des Diktators wiedergibt, ist das durchaus stimmig, aber auch nicht frei von, wie man annehmen darf, ungewollter Komik.

Viel Filmmaterial, wenig Erkenntnisgewinn

Kurz nach diesem Einstieg begibt sich der Zuschauer allerdings wieder auf vertrautes Terrain. Über Braunau, Wien und München arbeitet sich die Geschichte voran und endet schließlich im Bunker unter der Reichskanzlei im zerbombten Berlin. Die dreistündige Kinofassung (es existiert auch eine siebenstündige Festivalfassung) ist in vierzehn Kapitel unterteilt. Diese heißen „Der Tunichtgut“, „Ein Ideologe" oder „Ein Massenmörder“. Bereits diese Benennungen machen stutzig, geben sie doch lediglich die biografischen Etappen wieder, die jedem bekannt sind.

Und so geht es einem auch mit dem Drei-Stunden-Format, das für diese Rezension gesichtet wurde. Pölking wird in Interviews nicht müde, all die Mühen und Berge von Material aufzulisten, die er im Vorfeld zu bewältigen hatte: 120 Archive in 44 Ländern ausgewertet, 850 Stunden Filmmaterial gesichtet und 1000 Bücher gelesen. Dass der Film am Ende kaum einen Erkenntnisgewinn bringt, lässt allerdings Zweifel an dieser - der Begriff sei auch in diesem Kontext gestattet - Materialschlacht aufkommen.

Pointierter Zugriff wäre erhellender gewesen

Anstatt ausschließlich auf die Flut aus Bildern und Zitaten, die mitunter nur ein loser Zusammenhang verbindet, zu setzen, wäre eine pointierter Zugriff auf Thema und Material erhellender gewesen, wenngleich bei einer bestens durchleuchteten Figur eben darin die Herausforderung besteht. Zumal auch Pölking eine Auswahl getroffen hat und damit, anders als behauptet, seine Sichtweise präsentiert.

Umso irritierender ist die Aussage Pölkings, der bislang mit Dokumentationen über die deutschen Länder bekannt geworden ist, sich im Grunde nicht für tiefergehende, also psychologisch begründete Motive im Agieren Hitlers zu interessieren. Auch das erklärt, dass sein Film letztendlich nur an der Oberfläche kratzt, wenngleich der Bilderbogen mitunter sogar unterhaltsam ist.

Dokumentarfilm: „Wer war Hitler“ (Deutschland 2017), ein Film von Hermann Pölking, 180 Minuten (Kinofassung), mit den Stimmen von Jürgen Tarrach u.a.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de.
 

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