„Ein gefährliches Buch“

Von Kai Doering
17.10.2011 -

Hat die SPD mitgeholfen, dem Antisemitismus in Deutschland den Weg zu ebnen? „Ja“, sagt der Historiker Götz Aly. Auf der Frankfurter Buchmesse hat ihm Ex-SPD-Chef Franz Müntefering deutlich widersprochen.

Welchen Anteil hatte die SPD am deutschen Antisemitismus? Götz Aly und Franz Müntefering diskutieren. Foto: Marisa Strobel

Es sind nur elf Seiten von insgesamt 350, doch die haben es in sich. Der Historiker Götz Aly legt darauf dar, wie die SPD geholfen hat, dem deutschen Antisemitismus den Weg zu ebnen. „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ lautet der Titel seines provokanten Buchs, über das Aly am frühen Samstagnachmittag am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse diskutiert – ausgerechnet mit Franz Müntefering.

Zu Beginn hat Aly den zweifachen ehemaligen SPD-Vorsitzenden gelobt als „vorbildlichen Politiker“ mit „dienendem Ethos“ und als keinen, „der nach seiner politischen Karriere Gasvertreter wird“. Doch der Lorbeer hilft dem Historiker nicht. „Bücher wie dieses sind nicht Mut machend“, poltert Müntefering. Alys Positionen hält er gar für „gefährlich“.

Die SPD, eine liberale Partei

Der relativiert zwar „die SPD war niemals eine antisemitische Partei“, doch er bleibt auch in Frankfurt dabei: „Das kollektivistische Versprechen und der Antiliberalismus der SPD im 19. Jahrhundert haben deutlich zum Antisemitismus beigetragen.“ Die SPD eine antiliberale Partei? Das kann Franz Müntefering nicht auf sich sitzen lassen. „Wir Sozialdemokraten müssen der Freiheit ein großes Gewicht geben und tun das auch“, stellt er klar.

Für ihn war etwas anderes dafür ausschlaggebend, dass sich die Nationalsozialisten und mit ihnen der Antisemitismus ausbreiten konnten: „Wenn die Demokraten in den Parteien stärker gewesen wären, hätte vieles verhindert werden können“, ist Müntefering sicher. „Es gab zu wenig Menschen, die sich gewehrt haben.“

Das sieht auch der Historiker Aly so, der die Verbreitung des Antisemitismus im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert vor allem mit Spannungen zwischen Mehrheitsbevölkerung und jüdischer Minderheit erklärt, die das Ergebnis „unterschiedlicher Aufstiegsgeschwindigkeiten“ gewesen seien: „Die Juden haben die geringeren Möglichkeiten, die sie hatten, besser wahrgenommen“, erklärt Aly. Deshalb hätten sie bessere Schulabschlüsse gemacht, woraus Neid und oftmals sogar Hass in der Bevölkerung entstanden sei.

Neid im 21. Jahrhundert

„Was ist Neid und wo fängt er an?“, will Franz Müntefering wissen und schlägt die Brücke ins 21. Jahrhundert. „In Deutschland gibt es sittenwidrige Löhne. Auch das kann zu Neid führen.“ „Die Protektion bestimmter Bevölkerungsgruppen schädigt das Selbstbewusstsein der Menschen und verstärkt Hass“, stimmt ihm Götz Aly zu. Wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen aufgrund ihres Elternhauses bessere Lebenschancen bekämen, fördere auch dies die Spaltung einer Gesellschaft.

„Neid bekämpft man allerdings nicht allein dadurch, das man sagt: ‚Das ist ungerecht.’“, stellt der Historiker klar. Entscheidend sei politisches Handeln, etwa indem die Politik tatsächlich für bessere Bildungschancen sorge, statt nur darüber zu reden. In der Gegenwart sind Aly und Müntefering also wieder versöhnt. Und der Ex-SPD-Chef freut sich trotz der Gegensätze auf weiteren Lesestoff des Historikers: „Dies wird ja sicher nicht ihr letztes Buch gewesen sein.“

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

 

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