Digitales Holocaust-Gedenken: „Die Pandemie darf uns nicht zum Verstummen bringen“

26.01.2021 -

Am 27. Januar wird alljährlich der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. In diesem Jahr kann das Gedenken größtenteils nur digital stattfinden. Dabei ist es in der Corona-Pandemie besonders wichtig.

Das Gedenken wachhalten: Blumenniederlegungen für die Opfer des Nationalsozialismus sind in diesem Jahr nur individuell möglich. Foto: Kai Doering

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldat*innen der Roten Armee die Insassen des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Seit 1996 wird der 27. Januar deshalb in Deutschland als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen. Das wird auch zum 25-jährigen Jubiläum so sein – wenn auch wegen der Corona-Beschränkungen in anderem Rahmen.

Videobotschaft statt Gedenkfeier

„Die Pandemie darf uns nicht zum Verstummen bringen“, sagt der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel. In den Jahren zuvor hat er im Gedenken an die Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen im Nationalsozialismus stets mit vielen anderen einen Kranz in der Berliner Tiergartenstraße Nummer 4 niederlegt. Die Nationalsozialisten planten von hier aus die Zwangssterilisierung und Tötung von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen.

Einen Kranz wird Dusel auch in diesem Jahr niederlegen, allerdings allein in stillem Gedenken. Statt einer Gedenkfeier wird er am Morgen des 27. Januar eine Videobotschaft in den sozialen Medien sowie auf seiner Internetseite senden. „Bleibt zuhause, gedenkt im Stillen!“, lautet in diesem Jahr die Botschaft. Am Abend wird Jürgen Dusel zudem in einem Livestream-Talk mit Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und dem Pianisten Igor Levit sprechen.

Arbeit an der Demokratie

„Es war für mich nie eine Option, nicht zu gedenken“, sagt Jürgen Dusel. Die Corona-Pandemie zwinge nun eben zu anderen Formaten. Erinnerungsarbeit ist für Dusel auch „Arbeit an der Demokratie“. Wie nötig die ist, zeige auch das Verhalten einiger seit Ausbruch des Corona-Virus. „In der Pandemie werden der Ton und die Sprache härter und es werden Fakten verdreht und geleugnet“, sagt Dusel. „Das muss uns eine Warnung sein.“

Zum 27. Januar warnen jüdische Organisationen erneut vor einer Zunahme des Antisemitismus in der Corona-Pandemie. Dieser reiche von der Verharmlosung des Holocaust bis hin zu körperlichen Angriffen auf Menschen jüdischen Glaubens. „Während die Zahl der Augenzeugen weiter schwindet und die Welt mit der Covid-19-Pandemie konfrontiert ist, erleben wir eine Zunahme von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, rassistischer Ideologie und Holocaust-Leugnung“, klagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder.

Fotos in den sozialen Medien

„Wir müssen die schrecklichen Lehren der Vergangenheit achten und die Erzählungen der Überlebenden weitertragen, um das Andenken der sechs Millionen Juden zu wahren, die von den Nazis umgebracht wurden“, fordert Lauder. Es gehe dabei auch darum zu verhindern, „dass die heutige Eskalation der Gewalt nicht zu einer Wiederholung der Grausamkeiten führt“. Der Jüdische Weltkongress hat deshalb die Internet-Kampagne #WeRemember gestartet und ruft dazu auf, Fotos von sich auf den sozialen Medien zu veröffentlichen, auf denen ein Schild mit der Aufschrift „#WeRemember“ gezeigt wird. Auch zahlreiche SPD-Politiker*innen haben sich bereits daran beteiligt.

Auch der Zentralrat der Sinti und Roma gedenkt der 500.000 während der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma Europas virtuell. Neben dem Vorsitzenden des Zentralrats Romani Rose werden die Holocaust-Überlebende Carmen Marschall und die Schriftstellerin Ursula Krechel digitale Ansprachen halten. Die Veranstaltung wird am Mittwoch ab 13 Uhr auf den Facebook-Seiten des Zentralrats sowie auf der Gedenkseite zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma übertragen.

Zuerst erschienen beim vorwärts