Die Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“

Von Nils Michaelis
01.08.2017 -

Mit Lebenslust gegen Hitler: Der Dokumentarfilm „Die guten Feinde“ porträtiert Widerstandskämpfer, die noch lange nach Kriegsende als Stalins Spione angefeindet wurden.

„Die guten Feinde“, Filmtrailer (Screenshot)

Nachdenklich steht die kleine blonde Frau von knapp 80 Jahren in der Berliner Gedenkstätte Plötzensee. Es ist die Tochter von Erika Gräfin von Brockdorff. 1943 starb von Brockdorff als Mitglied der so genannten „Roten Kapelle“ unter dem Fallbeil. In der nächsten Szene liest die Tochter den Abschiedsbrief vor, den sie erst 63 Jahre später erhalten hat. In diesem besonders berührenden Moment bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, sein persönliches Lebensglück dem Kampf gegen ein unmenschliches Regime zu opfern. Und welche Wunden die Hinterbliebenen bis zum eigenen Lebensende mit sich tragen.

Im Falle der „Roten Kapelle“ kommt noch hinzu, dass deren Mitglieder in der jungen Bundesrepublik als fünfte Kolonne Moskaus, kurzum als „Vaterlandsverräter“, verunglimpft wurden. Die Propaganda der NS-Justiz, die das Konstrukt der „Roten Kapelle“ erfunden hatte, erwies sich auch nach Kriegsende als äußerst langlebig. Was angesichts der Tatsache, dass kaum einer von Hitlers Blutrichtern je erstmals belangt wurde, kaum verwundert.

Die Zeit des Widerstands wird wieder lebendig

Zwar haben einzelne Mitglieder des weit verzweigten Netzwerks aus Widerstandskämpfern versucht, mit der Auslandsorganisation der KPD Kontakt aufzunehmen, es gab Funkverbindungen zu sowjetischen Stellen. Doch in der Gesamtschau handelte es sich um Menschen und Gruppen mit verschiedensten Motiven, die nur lose miteinander verbunden waren. Gemein war ihnen die Untergrundarbeit gegen das NS-Regime. Die bestand unter anderem darin, dessen Gräueltaten aufzudecken und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Erst vor wenigen Jahren wurden die Urteile aus der Nazizeit revidiert.

Im Mittelpunkt des Films stehen zwei Widerstandskämpfer, die dem Henker entkamen. Es sind Günther und Joy Weisenborn, die Eltern des Regisseurs dieses Films, Christian Weisenborn. Der 1947 geborene Filmemacher zeichnet ein intimes Bild von ihnen. In Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungsberichten vor laufender Kamera wird die Zeit des Widerstands wieder lebendig. Also jene Zeit, als  sich Vater und Mutter an konspirativen Aktionen beteiligten und dafür in den Kellern der Gestapo und später im Gefängnis schmorten. Nur seinem hinteren Platz im Alphabet hat es Günther Weisenborn zu verdanken, dass er kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee nicht erschossen wird.

Verfahren gegen Richter Roeder verschleppt und eingestellt

Lebendig wird aber auch das Vorkriegsleben des gebürtigen Rheinländers, der sich als junger Mann zunächst als Bühnenautor in Berlin versuchte (der Titel des Films verweist auf eines seiner Theaterstücke), sich voll ins Leben der Bohème stürzte und für eine Weile in den USA lebte. Nach 1945 setzt sich Weisenborn gemeinsam mit Adolf Grimme dafür ein, Manfred Roeder, der viele Prozesse gegen die „Rote Kapelle“ geführt hatte, vor Gericht zu bringen. Das Verfahren wird verschleppt und in den 60er-Jahren eingestellt. So wird am Ende klar, warum Günther Weisenborn während der Hochphase der Studentenbewegung, als die Eltergeneration unter Generalverdacht stand, zu einem Vorbild wurde. Wer hätte das damals schon von seinem Vater oder seiner Mutter sagen wollen oder können?

Die filmische Erzählung verlässt sich weithin auf die beschriebene familiäre Perspektive, während die Regimeseite ausgespart wird. Durch den Fokus auf die Weisenborns und andere herausragende Persönlichkeiten der Widerstandsgruppen, darunter auch Harro und Libertas Schulze-Boysen, entsteht ein beeindruckendes Panorama von Menschen, die sich auch unter der Diktatur ihre geistige Freiheit bewahrten und in vielerlei Hinsicht ein Leben jenseits der Normen führten, wozu Freizügigkeit, Lebensgier und Kosmopolitismus zählten, bis hin zur einer nicht nur für damalige Zeiten lockeren Sexualität.

Extreme Lebensumstände

An einigen Stellen hätte man sich eine dynamischere Dramaturgie oder zumindest einen Perspektivwechsel gewünscht, der Aufschluss darüber gibt, was Günther Weisenborn und die anderen in den Augen des Regimes so gefährlich gemacht hat. Andererseits benötigen die eindringlich aus dem Off vorgetragenen Selbstzeugnisse eben auch den nötigen Raum, um einen aussagekräftigen Eindruck von den Menschen und deren bisweilen extremen Lebensumständen zu geben. Und damit von einem anderen Deutschland, das noch viele Jahre nach Hitler verunglimpft wurde.

Info: „Die guten Feinde“ (Deutschland 2017), ein Film von Christian Weisenborn, 90 Minuten. Jetzt im Kino.

Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwärts.de

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