Die Stasi und die Neonazis

Von Tassilo Oestmann
03.12.2015 -

Mit einer sehr seltsamen Kooperation befasste sich eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin: Die Spitzeltätigkeit einiger westdeutscher Neonazis für das MfS in den 1970er und 1980er Jahren. Darunter sogar einige Szenegrößen.

Dutzende von Neonazis waren Zuträger für die Stasi; Photo: Thorben Wengert / pixelio.de

Unter dem Titel „Was wusste die Stasi über westdeutsche Neonazis“ referierte der Journalist und Szenekenner Andreas Förster („Berliner Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“) am Dienstag zu einem Thema, das auf den ersten Blick verwundern mag. Der Auslandsgeheimdienst Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS unterhielt über mehrere Jahre  Quellen  in der westdeutschen Neonazi-Szene.

Ziel der Stasi war es demnach, die rechtsextremen Gruppierungen zu identifizieren und zu lokalisieren, sie zu infiltrieren und zu erfahren, welche Personen dazu zählten und welche Pläne beziehungsweise Operationen sie verfolgten. Zwar sollten diese Informationen auch propagandistisch ausgeschlachtet werden, aber im Mittelpunkt der Arbeit des Geheimdienstes standen zwei andere Fragen: Werden von diesen Gruppierungen Anschläge gegen die innerdeutsche Grenze verübt? Verfügen die einzelnen Mitglieder über (verwandtschaftliche) Verbindungen in die DDR und kann es dadurch zu Rückwirkungen beziehungsweise zu Anschlägen in der DDR kommen?

Diese Sorge mag aus Stasi-Sicht nicht unbegründet scheinen, denn einige Mitglieder der rechtsextremen Gruppierungen waren „Republikflüchtlinge“. Also ehemalige Bürger der DDR, die in den Westen geflüchtet waren und sich dort der rechtsextremen Szene anschlossen. Nach wie vor unterhielten sie aber Kontakte zu Verwandten und Freunden in den Osten. Die Stasi befürchtete offenbar, dass diese Verwandten und Freunde selber rechtsextreme Gruppierungen gründen und Anschläge verüben könnten. Das wollte man unterbinden und beobachtete daher  die Erstarkung der rechtsextremen Szene in der BRD. Auch ein möglicher Einfluss auf die DDR-Szene sollte damit vermieden werden.

75 Stasi-Informanten in der westdeutschen Szene

Laut einem internen Vermerk der Stasi ging man Ende der 1980er Jahre von rund 30 000 Rechtsextremisten in der BRD aus. Ein Teil von ihnen war organisiert, in verschiedenen Gruppierungen, und diese galt es zu infiltrieren. Andreas Förster ermittelte 42 Inoffizielle Mitarbeiter mit weiteren Zuträgern. Insgesamt gab es demnach in der westdeutschen Neonazi-Szene 75 Informanten der Stasi. Unter den IMs waren auch Szenegrößen und Terroristen wie Odfried Hepp, der sich der Stasi selbst andiente, sowie Udo Albrecht, der der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ angehörte und angeblich auch für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet haben soll. 

Die in der HVA angesiedelte Abteilung 22.1 für die Beobachtung der rechtsextremen und terroristischen Szene in der BRD hatte mehrere Gruppierungen im Visier. Dazu zählten unter anderem die „Wiking-Jugend“, die Jungen Nationaldemokraten, die Jugendorganisation der NPD, die Gruppe um Michael Kühnen, die Grauen Wölfe, die NSDAP-Aufbauorganisation (NSDAP/AO) sowie die „Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG)“.

Eine Steuerung der rechtsextremen Gruppierungen durch die Stasi beziehungsweise die IMs gab es laut Andreas Förster nicht. Derlei Hinweise habe er während seines intensiven Aktenstudiums nicht finden können, betonte der Journalist. Vielmehr erklärte er, dass der Stasi zwar an Informationen über die rechtsextreme Szene gelegen war, sie aber diese nicht operativ beziehungsweise logistisch unterstützt habe – wie es beispielsweise bei der Roten Armee Fraktion der Fall  gewesen sei. Denn wäre eine solche Unterstützung öffentlich geworden, hätte die Stasi respektive die DDR sich selbst diskreditiert. Deshalb habe eine solche Einflussnahme nicht stattgefunden und lag wohl auch nicht im Interesse der Stasi. 

Einige Spitzel waren für beide Dienste tätig

Wie brisant es aber um die Einflussnahme von Geheimdiensten auf die rechtsextreme Szene steht, wird nicht nur in der aktuellen Debatte um das Agieren und die Selbstenttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) deutlich. Auch in den 1970er und 1980er Jahren war die westdeutsche Neonazi-Szene mit V-Männern des Bundesamts für Verfassungsschutz und mit IMs der Stasi gespickt. Einige dieser Spitzel waren sogar für beide Dienste tätig. Sie arbeiteten für das Bundesamt für Verfassungsschutz und für die Staatssicherheit der DDR gleichzeitig. Diese Doppelspione sorgten dafür, dass die Geheimdienste einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise des jeweils anderen erhalten konnten.

Einer dieser Doppelagenten diente der Stasi als Zuträger aus der WSG und leitete von dort aus Interna weiter, darunter auch ein Statement zum Oktoberfestattentat in München von 1980. Bei dem schwersten Attentat der deutschen Nachkriegsgeschichte kamen 13 Menschen ums Leben, der Täter Gundolf Köhler soll angeblich alleine gehandelt haben. Obwohl er in Verbindungen zur „WSG Hoffmann“ stand, wurde diese Spur damals nicht weiter verfolgt. Der Fall wird seit Dezember 2014 von der Bundesstaatsanwaltschaft neu untersucht. Aber, so betonte Andreas Förster, eine mögliche Verstrickung der WSG in das Attentat könne heute nicht mehr nachverfolgt werden. Denn eventuell relevante Unterlagen wären vernichtet worden und die bis jetzt ausgewerteten Akten ließen keinerlei Schlüsse auf diese These zu. Doch erst 60 bis 70 Prozent der Stasi-Unterlagen seien gesichtet worden und daher sei noch so manche Überraschung, wenn nicht in diesem, so in einem anderen Kontext zu erwarten.