Die soziale Frage von rechts

Von Armin Pfahl-Traughber
14.11.2018 -

Was macht rechtspopulistische Parteien gerade für die Arbeiterschaft attraktiv? Ein sozialwissenschaftlicher Sammelband mit dem Untertitel „Ungleichheit – Verteilungskämpfe – populistische Revolte“ befasst sich mit dieser Frage.

Anfälligkeit von Arbeitern für den Rechtspopulismus; (Screenshot, Verlagsseite)

Der Blick auf die Ergebnisse der Wahlforschung macht deutlich: Parteien wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD) werden überdurchschnittlich stark von Arbeitern und Arbeitslosen, aber auch bemerkenswerterweise von Gewerkschaftsmitgliedern gewählt. Derartige Besonderheiten lassen sich bei ähnlichen Parteien in Europa konstatieren, gilt dies doch auch für die Freiheitliche Partei Österreichs oder die Schwedendemokraten in dem skandinavischen Land. Doch was bedeutet dies für die Gesellschaft und Gewerkschaften? Gibt es eine „Arbeiterbewegung von rechts?“ So lautet auch der Titel eines Sammelbandes, der von Karina Becker und Klaus Dörre vom Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“  der Universität Jena sowie Peter Reif-Spirek von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen herausgegeben wurde. Er trägt den Untertitel „Ungleichheit – Verteilungskämpfe – populistische Revolte“. Die 21 Aufsätze von Sozialwissenschaftlern bewegen sich inhaltlich im Verhältnis der drei Themen zueinander.

„Autoritäter Nationalradikalismus“

Darin geht es zunächst um die Frage, was für die Arbeiterschaft attraktiv am Populismus ist. Die Soziologin Arlie Russell Hochschild hatte in den USA die Trump-Wähler besucht und ein viel beachtetes Buch dazu geschrieben. Einem Interview mit ihr folgt ein Kommentar dazu. Bereits dabei wird eine argumentative Leitlinie vieler Beiträge deutlich, stellt man doch auf die Aufspaltung der Gesellschaft angesichts der Transformation des Kapitalismus ab. Mitherausgeber Dörre meint in seinem Beitrag darüber hinaus, die angesprochenen „rechten“ Kräfte gewinnen an Einfluss, weil es ihnen „zunehmend gelingt, die soziale Frage mit ethnopluralistisch-nationalistischen Deutungsmustern zu besetzen“ (S. 51). Daher spielt in vielen Aufsätzen auch die Frage eine Rolle, warum die Linke diese Wählerklientel nicht mehr ansprechen würde. Für das gemeinte politische Phänomen schlägt der Begründer der Forschungen zu „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ Wilhelm Heitmeyer dann übrigens die Kategorie „Autoritärer Nationalradikalismus“ (S. 110) vor.

„Der Angst vor dem Abstieg Ausdruck gegeben“

In den folgenden Beiträgen geht es um empirische Befunde, etwa zu dem Zusammenhang von einerseits AfD und Rechtspopulismus und den Lebenslagen eines jungen Prekariats andererseits, zu arbeitsweltlichen Entwicklungen in den Betrieben als Nährboden für den Rechtspopulismus, zu den Gesellschaftsbildern rechtspopulistischer Gewerkschaftsaktiver oder den Umgang der Gewerkschaften mit dem Rechtspopulismus. Beachtenswert ist der Befund, dass „nicht die soziale Frage neu verhandelt, sondern der Angst vor dem Abstieg Ausdruck gegeben“ (S. 153) wird. Eher wenige, aber interessante Beiträge blicken auf die Situation in anderen Ländern wie Österreich, Polen und Portugal. Im Fall von Portugal wird auch mal die andere Perspektive eingenommen: Warum gibt es dort keinen erfolgreichen Rechtspopulismus? Und ganz zum Schluss finden sich Beiträge, worin es um die Frage der Identitäts- und/oder Klassenpolitik als Gegenstrategie geht. Kritisch werden hier beliebte Irrwege im Umgang mit Rechtspopulismus kommentiert.

Anfälligkeit für den Rechtspopulismus

Auch wenn sich die Aufsätze im Sammelband einen identischen Themenkomplex beziehen, passen sie häufig dann doch nicht so richtig zusammen. Da kommt es mitunter zu unterschiedlichen Begriffsverwendungen, aber auch zu Wiederholungen von Inhalten. Manche Beiträge verstehen sich als wissenschaftliche Untersuchungen, andere Texte erörtern die richtigen Strategien der Linken gegen Rechtspopulismus. Insofern hat man es – und das ist bei Sammelbänden nicht selten– mit einem ziemlichen Durcheinander zu tun.

Gleichwohl findet man darin aber auch eine Fülle von wichtigen Analysen, die sich eben mit der Anfälligkeit von Arbeitern und Gewerkschaftlern für den Rechtspopulismus beschäftigen. Dabei werden differenzierte Detailanalysen vorgenommen, aber auch pauschalisierende Generalaussagen getroffen. Insofern muss man sich hier immer auch die Rosinen herauspicken. In der Gesamtschau verdient der Band aber auf jeden Fall inhaltliche Beachtung, geht er doch auf die soziale Basis und die dortigen Einstellungen zugunsten des Rechtspopulismus ein.

Karina Becker/Klaus Dörre/Peter Reif-Spirek (Hrsg.), Arbeiterbewegung von rechts? Ungleichheit – Verteilungskämpfe – populistische Revolte, Frankfurt/M. 2018 (Campus-Verlag), 359 Seiten, 24,95 Euro.