„Die schweigende Mehrheit in Chemnitz muss endlich aufstehen!"

Von Kai Doering
31.08.2018 -

Als am Montag Tausende Rechte und Neonazis durch Chemnitz zogen, stand Marvin Müller bei den Gegendemonstranten. Im Interview mit vorwärts.de schildert der Juso seine Erlebnisse der vergangenen Woche – und ruft die Chemnitzer dazu auf, gegen die Hetzer aufzustehen.

Gegen die rechten Hetzer protestieren; Photo (Chemnitzer Innenstadt): Oli Müller / pixelio

Seit dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen beim Chemnitzer Stadtfest kommt die Stadt nicht zur Ruhe. Wie haben Sie Chemnitz in den vergangenen Tagen erlebt?

Vergangenes Wochenende kam es zu dem tragischen Mord an einem jungen Chemnitzer, den wir natürlich verurteilen. Schnell kam es in den sozialen Medien zu der Instrumentalisierung dieses Vorfalls durch rechte Gruppierungen. So rief einerseits die AfD zu einer Demonstration unweit des Tatortes auf, die rechte Hooligan-Gruppierung „Kaotic Chemnitz“ zum gemeinsamen „Trauern" am Karl-Marx-Monument. Durch Beiträge bei Facebook und Co. war schnell klar, dass dies sehr gefährlich werden könnte. Schlussendlich zogen an diesem Tag über 1000 Hooligans begleitet von circa 50 Polizistinnen und Polizisten durch die Chemnitzer Innenstadt, griffen Menschen an die angeblich ausländisch aussahen und verantstalteten eine Hetzjagd. Gaulands Drohung „Wir werden sie jagen“ wurde an diesem Tag Realität.

Am Montag gab es dann eine Demonstration angemeldet von der rechten Partei „Pro Chemnitz“. Dies wurde von uns Jusos und anderen natürlich nicht hingenommen, sodass es entschlossenen Protest gegen diesen Mob gab. Die ersten Ausschreitungen der Teilnehmer bei der Kundgebung von „Pro Chemnitz“ begannen mit Überschreiten des Versammlungsraumes. Später kam es zu zu Rufen wie „Ausländer raus“ oder „Deutschland den Deutschen“. Es wurden Böller auf unsere Kundgebung geworfen und Hitlergrüße gezeigt. All das blieb vor Ort ungeahndet. Trotz diesen Ausschreitungen durften die Rechten ihre Demoroute laufen. Die Polizei hat die Lage am Montag absolut nicht ernst genommen. Unsere Sicherheit, die Ausübung der Pressefreiheit durch Journalistinnen und Journalisten sowie eine sichere Abreise von der Demo konnten nicht garantiert werden.

Es wird behauptet, bei der Demonstration habe es nur „ein paar Dutzend“ Neonazis gegeben, die anderen seien normale Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger gewesen. Was waren da für Leute auf der Straße?

Die Demonstration war eine Mischung aus verschiedensten Leuten. Von einschlägigen Nazis und Hooligans aus der ganzen Republik über „Identitäre“, Leuten von der neonazistischen Partei „Der III. Weg“, bekannte AfDler bis hin zu Wutbürgern. Menschen, die sich zu Neonazis stellen und meinen, dort würde ihre Meinung gut repräsentiert, unterstützen letztlich Ausschreitungen wie Sonntagnachmittag oder Montagabend. 

Ist es in Chemnitz gefährlich, sich offen als Juso oder SPD-Mitglied zu bekennen?

Ich fühle das nicht so. Gefährlich ist es derzeit vor allem für Geflüchtete oder andere Menschen, die nicht ins rassistische Weltbild dieses Mobs passen. Die schweigende Mehrheit der Chemnitzer Bevölkerung muss endlich gegen diese Zustände aufstehen! 

Für Samstag ruft ein Bündnis zur Demo „Es reicht! Herz statt Hetze“ auf, zu der aus dem ganzen Bundesgebiet Menschen nach Chemnitz kommen wollen. Was bedeutet das für die Stadt?

Ein breites Bündnis aus Vereinen, Stadtgesellschaft, Parteien und Gruppen wird zeigen, dass sie die Instrumentalisierung des Mordes an einem jungen Mann nicht unwidersprochen lässt. Wir werden rechten Hetzjagden und Lynchjustiz Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt und eine klare humanistische Position entgegensetzen. Herz statt Hetze!

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen

Gemeinsam nach Chemnitz: Für alle, die am Samstag in Chemnitz gegen Rechts demonstrieren wollen, werden in dieser Gruppe auf Facebook Fahrgemeinschaften angeboten: Konzert/Festival Begleitung https://bit.ly/2Pqfxr9