Das vergiftete Klima

Von Gabriele Nandlinger
13.12.2011 -

Der aktuelle Jahresreport „Deutsche Zustände“ untersucht gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Minderheiten und Randgruppen im Hinblick auf politische Einstellungen und soziale Lage. In Berlin haben die Bielefelder Wissenschaftler jetzt die 10. Folge ihrer Langzeitstudie vorgestellt.

Prof. Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung

Das Forscherteam um Wilhelm Heitmeyer zieht ein Fazit: Die Spaltung der Gesellschaft hat sich im Laufe von zehn Jahren verstärkt. Zahlreiche  Menschen haben Vorbehalte gegenüber sozial Schwachen und Minderheiten. In Berlin präsentierten die Bielefelder jetzt die zehnte Folge ihrer Langzeituntersuchung „Deutsche Zustände“.

Mit zehnjähriger Laufzeit haben die Konfliktforscher regelmäßig das Ausmaß der Gruppenbezogenen Menschlichkeit (GMF) untersucht. Gemeinsamer Kern dieses Syndroms ist die Ideologie der Ungleichheit. In diesem letzten Jahr der Erhebung wurden zwölf Elemente des GMF-Syndroms berücksichtigt: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung von Behinderten, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern, Abwertung von Langzeitarbeitslosen, Sexismus, Homophobie und Etabliertenvorrechte.

„Deutschland in gefährlichem Maß überfremdet“

Die antisemitischen Einstellungen haben sich demnach verringert. Zu Beginn der Erhebung 2002 waren 21,6 Prozent der Befragten der Meinung, dass „Juden in Deutschland zuviel Einfluss“ hätten, 2011 stimmen noch 13 Prozent dieser Aussage zu. Auch die Islamfeindlichkeit ist nach einem signifikanten Anstieg von 2009 auf 2010 wieder deutlich zurückgegangen. In diesem Jahr fühlt sich noch knapp jeder Dritte (30,2 Prozent) „durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“. 2010 hatten das 38,9 Prozent der Befragten erklärt, wobei auch 20 Prozent die Meinung vertraten, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden solle.

Einen deutlichen Anstieg beobachten die Forscher bei dem Ausmaß von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.  Fast die Hälfte der Befragten findet, dass Deutschland „in einem gefährlichen Maß überfremdet“ sei. Jeder Achte vertritt die Ansicht, dass die Weißen „zu Recht führend in der Welt“ seien. Auch die Zustimmung zu der Ansicht: „Wenn  Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken“, ist um fünf Prozent angestiegen.

Wachsende Protest- und Gewaltbereitschaft

Als Alarmzeichen muss es gelten, dass bis zu 20 Prozent der befragten Personen die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele bejaht. Deutlich höher liegt die Zustimmung noch im politisch rechten Spektrum. Heitmeyer zufolge ist die Zahl der Gewaltbefürworter dort im Laufe eines Jahres um 16 Prozent angewachsen. Rund 30 Prozent der rechtspopulistisch gesinnten Personen billigen demnach den Einsatz von Gewalt. Rein zahlenmäßig ist das  rechtspopulistische Potenzial mit aktuell 9,2 Prozent zwar deutlich rückläufig (2003: 13,6 Prozent), bildet wegen seiner wachsenden Protest- und Gewaltbereitschaft aber ein zunehmend größeres gesellschaftliches Problem, halten die Wissenschaftler fest.

Schenkt man den Befunden des Bielefelder Forscherteams Glauben, dann ist es um den sozialen Frieden hierzulande schlecht bestellt. Rund drei Viertel der Menschen sind der Meinung, dass „die Gesellschaft eigentlich immer mehr auseinanderfällt“ und für knapp die Hälfte der Deutschen (46 Prozent) ist der Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet und durch Vielfalt bedroht.

Kaum überraschend ist die Erkenntnis, dass Menschen, die sich vor der Finanz- und Schuldenkrise sowie um ihren sozialen und materiellen Status ängstigen, generell in höherem Maße den Elementen des GMF-Syndroms zustimmen, als diejenigen, die nicht von solchen Sorgen geplagt sind.

Inszenierter Klassenkampf von oben

Deutlich größer noch ist allerdings die Diskrepanz bei den ökonomistisch eingestellten Personen. Hier erreichen rassistische und sexistische Einstellungen den vierfachen Wert, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und die Abwertung von Behinderten sind drei Mal so stark verbreitet, die abwertende Haltung gegenüber Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, Sinti und Roma und Asylbewerbern liegt beinahe doppelt so hoch wie bei den anderen Befragten, haben die Wissenschaftler festgestellt. Mehr als 50 Prozent der ökonomistisch orientierten Personen fordern zudem für sich „Etabliertenvorrechte“ ein.

Das Heitmeyer-Team sieht hier bei den Besserverdienendenden eine Mentalität vorherrschen, die von gesellschaftlicher Solidarität wenig wissen wolle und der sozialen Spaltung Vorschub leiste. Diese von ihnen so bezeichnete „rohe Bürgerlichkeit“ würde „sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz“ orientieren „und somit die Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische und physische Integrität antastbar“ machen, halten die Forscher in einem abschließenden Fazit fest. Klassenkampf von oben werde so inszeniert.

Nach einer Laufzeit von zehn Jahren ist das Forschungsprojekt über die „Deutschen Zustände“ jetzt vorläufig beendet. Bundestagsvize Wolfgang Thierse zufolge zeigt die Studie in diesem Jahr eine geradezu fatale Aktualität. Zu den deutschen Zuständen gehöre eben auch das braune Netz, so Thierse. Er hofft, dass das Projekt fortgeführt werden kann. Mitunterstützt wurde es unter anderem von der VolkswagenStiftung, die sich jetzt aus der finanziellen Förderung zurückziehen muss. Für Gunter Hofmann („Die Zeit“) ist die Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschlichkeit eine „sozialwissenschaftliche Erfolgsgeschichte sondergleichen“.

 

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