Bürokratie und Massenmord

Von Armin Pfahl-Traughber
30.12.2016 -

Der Historiker Peter Longerich legt mit „Wannseekonferenz. Der Weg zur ‚Endlösung’“ eine Darstellung und Deutung der bürokratischen Vorbereitung des Massenmordes an den Juden im Zweiten Weltkrieg vor.

(Screenshot, Verlagsseite)

Die Bezeichnung „Wannseekonferenz“ steht für ein historisches Ereignis, das für die Umsetzung der Völkermordpraxis im Zweiten Weltkrieg wichtig war: Am 20. Januar 1942 trafen sich in einem Haus am Wannsee hochrangige Repräsentanten des NS-Staates. Der damalige Chef des „Reichssicherheitshauptamtes“ Reinhard Heydrich hatte zu einer Besprechung eingeladen, worin die „Endlösung der Judenfrage“ – so die bürokratische Formulierung für den Holocaust – das Thema war. Es sollte um Beschlüsse darüber gehen, wie die Durchführung eines Menschenvernichtungsprogramms umgesetzt werden sollte. Am Ende der Besprechung stand ein Protokoll, das zu den bedeutendsten Dokumenten in diesem Kontexten wurde. Doch welche konkrete Bedeutung hatte diese „Wannseekonferenz“? Die lange kursierende Auffassung, wonach dort den Holocaust beschlossen worden sei, kann schon von der Chronologie her nicht stimmen. Denn der Beginn der Massenmorde, so die Ergebnisse der Forschung, erfolgte bereits viele Monate zuvor.

Der Historiker Peter Longerich, Gründungsdirektor des Holocaust Research Centre an der Universität London und Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, legt mit „Wannseekonferenz. Der Weg zur ‚Endlösung’“ seine Darstellung und Deutung der Ereignisse vor. Der Autor entzieht sich einfachen Erklärungen und macht auf die Komplexität des Prozesses aufmerksam, wobei er auch Detailaspekte der Konferenz akribisch untersucht und so eine schlüssige Interpretation präsentiert.

„Schrittweise aus einer noch vagen Absicht ein konkretes Mordprogramm entwickelt“

Die Konferenz soll darin im Kontext ihre historische Verortung erfahren. Longerich präsentiert dabei eine komplexe Erklärung: „Demnach ist der Holocaust nicht aufgrund einer einzelnen zentralen Entscheidung in Gang gesetzt worden, sondern er ist – im Rahmen eine langfristig orientierten, aber immer wieder Veränderungen unterworfenen antijüdischen Politik der Nationalsozialisten – das Ergebnis eines Entscheidungsprozesses, in dem Hitler, die zentrale Führungsinstanz des ‚Dritten Reichs’, im engen Zusammenspiel mit anderen Teilen des Machtapparates, schrittweise aus einer noch vagen Absicht zur Vernichtung der Juden ein konkretes Mordprogramm entwickelte und in Gang brachte. In diesem Entscheidungsprozess ... kommt dem Treffen ... eine hohe Bedeutung zu“ (S. 13f.).

Um dies zu erläutern, behandelt der Autor zunächst die Ereignisse von 1933 bis 1941 als Vorgeschichte. Danach geht es um die Konferenz als arbeitsteiliges Projekt von Bürokratie und SS. Longerich stellt auch die Anwesenden vor, lasse sich daraus doch aus deren Auswahl etwas über die Intention folgern. Er analysiert detailliert den Protokolltext, der als Faksimile abgedruckt ist. Danach steht die „Endlösung“ in der Realität, also die Praxis des Völkermordes, im Zentrum. Betont wird bei all dem, dass es sich hier um Kompetenzfragen in der NS-Führung handelte: Demnach habe sich Heydrich mit Hitler über die Vorgehensweise verständigt. Die „Wannseekonferenz diente ihm dazu, seine ‚Federführung’ gegenüber den anderen Instanzen endgültig durchzusetzen, um im Anschluss daran einen Deportationsplan auszuarbeiten ... Inzwischen war Himmler jedoch daran gegangen, Heydrichs Absicht zu unterlaufen, und – was entscheidend ist – er handelte dabei in laufender, direkter Abstimmung mit Hitler“ (S. 161).

Betonung der Komplexität des Prozesses

Der Autor berichtet in nüchterner und sachlicher Sprache über diese Vorkommnisse, wobei die bürokratische Komponente der Massenmordumsetzung im Vordergrund steht. Dass hier zwei „Denkschulen“ – falls diese Bezeichnung überhaupt genutzt werden kann – aufeinander trafen, entsprach der besonderen Herrschaftsstruktur im NS-System. Darauf macht Longerich immer wieder aufmerksam und positioniert sich damit zu Forschungskontroversen in der Vergangenheit. Hierbei betont er immer wieder die Komplexität des Prozesses. Den all zu einfachen Erklärungen von „Intentionalisten“ und „Strukturalisten“ entzieht sich Longerich.

Bei der Betrachtung der Konferenz finden auch viele Details besonderes Interesse. Dazu gehört selbst die Frage, wer aus welchen Gründen nicht eingeladen wurde. Dass Detektivarbeit auch von Historikern geleistet werden kann, macht Longerich damit deutlich. Er hat eine differenzierte und schlüssige Deutung vorgelegt. Dadurch wird sicherlich die Forschung weiter angeregt, man darf auf Kontroversen dazu gespannt sein.

Peter Longerich, Wannseekonferenz. Der Weg zur „Endlösung“, München 2016 (Pantheon-Verlag), 221 Seiten, 14,99 Euro.

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