Angriff von Rechtsaußen

Von Gudrun Giese
23.06.2011 -

 Eine Diskussionsveranstaltung in der Friedrich-Ebert-Stiftung thematisiert rechtsextreme Umtriebe in Fußball- sowie Sportvereinen – und was dagegen getan werden kann.

Photo: Gerd Altmann / pixelio.de

Auf den ersten Blick ist Stephan Haase ein ganz normaler Fußball-Schiedsrichter im Amateurbereich, der Spiele der Kreisliga C pfeift. Wer genauer hinsieht, muss erfahren, dass der Referee aus dem Sauerland einst Mitglied der – längst verbotenen – Nationalistischen Front war, sechs Jahre lang der NPD in Nordrhein-Westfalen vorsaß und heute noch für die rechtsextreme Partei im Stadtrat von Lüdenscheid sitzt.

Genauer hingeschaut hat der Journalist Ronny Blaschke, der bei der Recherche für sein Buch „Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen“ auch auf das rechtsextreme Weltbild von Schiedsrichter Haase stieß und dieses Beispiel Ende Juni anlässlich der Präsentation seines Buches in der Friedrich-Ebert-Stiftung vortrug. Besonders absurd sei, so Blaschke, dass der NPD-Aktivist sich vielfach fremdenfeindlich und rassistisch geäußert hätte, gleichwohl regelmäßig Fußballspiele leite, in denen Spieler verschiedener ethnischer Herkunft aufeinanderträfen. „Außerdem ist bekannt, dass Haase sich auch bei ,Freizeitturnieren‘ von Neonazi-Mannschaften als Schiedsrichter betätigt“, so der Buchautor. Bislang reichte all‘ das offenkundig nicht, um den Mann mit der braunen Einstellung dauerhaft vom grünen Rasen zu entfernen.

Alltägliches Problem in den unteren Spielklassen

Um die verschiedenen Bemühungen, Phänomenen wie Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, aber auch Homophobie und Frauendiskriminierung keinen Raum im Sport zu geben ging es auch im Fachgespräch, das sich in der Ebert-Stiftung der Buchpräsentation anschloss. Problematisch sei, dass viele Verantwortliche im Sport nur den organisierten Rechtsextremismus beachteten und dessen Einfluss auf Sportler wie Fans als nicht bedeutend ansähen. „Übersehen wird dabei alles, was unterhalb der Schwelle von Neonazigruppen oder der NPD stattfindet“, stellte Michaela Glaser vom Deutschen Jugendinstitut fest. Rassismus, Frauen- und Fremdenfeindlichkeit seien jedoch bestenfalls aus den oberen Ligen des Fußballs verschwunden, in den unteren Spielklassen und vor allem auch im Jugendbereich ein alltägliches Problem.

Dass in den Sportvereinen lange Zeit über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus hinweggesehen worden sei, bestätigte auch Gerd Liesegang, Vizepräsident des Berliner Fußballverbands. Doch in seinem Verband zumindest sei in den zurückliegenden Jahren umgesteuert worden: „Wir stellen uns dem Problem, beziehen inzwischen regelmäßig externe Fachleute ein und schulen die Ehrenamtlichen in den Vereinen im Umgang mit jeder Art von Angriffen von rechts.“

Neonazis wollten Lok Leipzig unterwandern

Allerdings sei auch die Arbeit mit rechten Jugendlichen selbst im Umfeld des Sports wichtig, erklärte Gerd Wagner von der Koordinierungsstelle Fanprojekte der Deutschen Sportjugend. „Die Sozialpädagogen, die für die Fanprojekte zuständig sind, haben auch die Aufgabe, sich dort um die Rechten zu kümmern.“ Immerhin seien viele dieser Projekte die einzigen, die überhaupt noch Zugang zu den rechten Fans hätten.

Wie vorsichtig jedoch Vereine im Umgang mit manchen Fanprojekten sein müssen, erfuhren Vorstand, Betreuer und Fans des Traditionsclubs Lokomotive Leipzig, wie Ronny Blaschke für sein Buch recherchierte. Nachdem der Verein 2003 neu gegründet werden musste, versuchte eine Gruppe Neonazis Lok Leipzig zu unterwandern, was erfolgreich abgewehrt werden konnte. Doch mit dem Ultra-Fanclub „Blue Caps“ gelang schließlich doch eine Art Kooperation zwischen Fans und Nazis. Auch wenn sich der Verein immer wieder klar von dieser speziellen Anhängerschaft distanzierte, hängten sich Neonazis und auch die NPD an den Verein. Ronny Blaschke: „Es hat auch immer wieder gewalttätige Übergriffe auf Fans gegeben. Und die NPD fuhr während des letzten Landtagswahlkampfs 2009 während eines Fußballspiels mit einem großen Bus vor das Stadion und verteilte Propagandamaterial.“

Engmaschiges Netz an Projekten gegen Rechts gefordert

Auf der oberen Ebene des Sports herrscht längst Einvernehmen, dass Übergriffe und Einflussnahme von rechts nicht geduldet werden sollen. So gibt es seit einiger Zeit ein Handlungskonzept, das unter anderem vom Deutschen Fußballbund (DFB) wie vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vertreten wird. Allerdings hat es außer einer bunten Broschüre mit Sportlerstatements noch nicht allzu viel Konkretes hervorgebracht. „Gerade einmal eine halbe Stelle gibt es im DOSB für den Themenbereich; damit lässt sich nicht viel erreichen“, stellte Gerd Wagner fest.

Und damit war auch klar, dass die Finanzierung der Arbeit gegen rechte Übergriffe und Umtriebe im Sport ebenfalls zentral ist. Tom Schreiber, Mitglied der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, setzt vor allem auf eine enge Partnerschaft zwischen Politik und Sport. „Wir unterstützen Projekte, die über lange Zeit Kompetenz in der Arbeit mit Ehrenamtlichen entwickelt haben.“ Außerdem verfüge Berlin über eine Landeskonzeption gegen Rechtsextremismus und nehme das Thema sehr ernst. Doch müsste es darüber hinaus größere Anstrengungen geben, etwa die schon länger geforderte Bundesstiftung gegen Rechtsextremismus auf den Weg zu bringen, damit bundesweit ein engmaschiges Netz an Projekten gegen Rechts entstehen könne, die sich eben nicht um Einzelphänomene, sondern um Rechtsextremismus in allen gesellschaftlichen Bereichen – auch im Sport – kümmerten.

Ronny Blaschke, Angriff von Rechtsaußen, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011, 224 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-89533-771-0

 

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