„Aktion Reinhardt“: Massenmord mit System

Von Johanna Schmeller
11.07.2018 -

Die „Aktion Reinhardt“ bezeichnet eines der größten Verbrechen der Geschichte: die organisierte Auslöschung von fast zwei Millionen Menschen im polnischen Grenzgebiet durch die deutsche SS. Nun erinnert eine kleine Schau in der Berliner Topographie des Terrors daran.

Die Ausstellung in der Topographie des Terrors erinnert an eines der grausamsten NS-Verbrechen; © KUvD/ Topographie des Terrors

„Die Opfer wurden auf eine Laderampe getrieben und danach gezwungen, sich in speziellen Baracken auszuziehen. Den Frauen schnitt man die Haare ab. Danach wurden sie in Gruppen durch einen speziellen Gang, den so genannten Schlauch, in die Gaskammern getrieben. Der Vorgang dauerte insgesamt etwa zwei Stunden. Diejenigen, die nicht in der Lage waren, selbst in die Gaskammern zu gehen, erschoss man am Rande der Massengräber, in die jüdische Häftlinge die Leichen der Opfer legen mussten.“

So steht es im Katalog zu einer Schau, die über die Sommermonate in der Topographie des Terrors in Berlin an eins der grausamsten Verbrechen überhaupt erinnert. Mit der so genannten „Aktion Reinhardt“ bekommt das NS-Verbrechen einen Vornamen. Benannt war der Sondereinsatz – also der Massenmord an europäischen Juden im heute polnischen Grenzgebiet durch die deutsche SS – nach SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, der kurz zuvor von der tschechoslowakischen Widerstandsbewegung erschossen worden war. Als Leiter der Wannseekonferenz, bei der 1942 die „Endlösung“ der „Judenfrage“ beschlossen worden war, war Heydrich eine Schlüsselfigur des Holocaust. Mit „Endlösung“ bezeichneten die Nationalsozialisten ihren Plan zur Ermordung von 11 Millionen europäischen Juden.

Testgebiet für die „Germanisierung“

Die eingangs dokumentierten Szenen geben den Alltag im Mordlager Belzec ab Frühjahr 1942 wider. An seinem Muster orientierten sich später auch die Lager Sobibór und Treblinka. Nach Angaben des Kataloges wurden fast zwei Millionen Menschen innerhalb von knapp zwei Jahren umgebracht.

Ausgestellte Pläne zeigen, dass in die ersten Gaskammern in Belzec 700 Personen passten. Später bauten die Nazis dort Hallen mit einem Fassungsvermögen von 4000 Menschen. Getötet wurde mit Motorabgasen. Fast eine halbe Million Menschen fand allein in Belzec den Tod.

Alle drei Lager wurden ab 1941 auf heute polnischem Gebiet erbaut, das damals als Generalgouvernement bezeichnet wurde. Karten veranschaulichen die Ausdehnung des Generalgouvernements, also der in den Jahren 1941/1942 vom Deutschen Reich besetzten Teile im zentralen, südlichen und südöstlichen Polen. Die drei Vernichtungsstätten Belzec, Sobibór und Treblinka liegen nahe Eisenbahnlinien und Bahnhöfen.

Das Generalgouvernement hatte insgesamt für das Dritte Reich eine hohe strategische Bedeutung: Es galt der NS-Regierung und der lokalen Verwaltung als Testgebiet für die „Germanisierung“ und für eine rücksichtslose Wirtschaftspolitik.

Knapp zwei Millionen Morde

Die Schau wird zum zweiten Mal gezeigt. Sie wurde 2013 vom Staatlichen Museum Majdanek zum 70. Jahrestag der systematischen Auslöschung der jüdischen Einwohner des Generalgouvernements konzipiert, ursprünglich als Freiluftausstellung. Im Foyer des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors trägt sie nun den Untertitel „Sie kamen ins Ghetto. Sie gingen ins Unbekannte.“ Die Ausstellung erinnert eindrucksvoll und bedrückend daran, dass der Mord an den Juden an vielen Orten in Europa stattfand.

„Aktion Reinhardt“. Sie kamen aus dem Ghetto und gingen ins Unbekannte. Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin; bis 26. August 2018.

Der Text ist auf vorwärts.de erschienen

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