Adorno und der Blick auf die Gegenwart

Von Armin Pfahl-Traughber
09.08.2019 -

Ein bisher unveröffentlichter Vortrag des Sozialphilosophen liest sich teilweise wie ein Kommentar zu den Wahlerfolgen der AfD.

Was hätte Adorno zur AfD gesagt? (Screenshot, Verlagsseite)

Was hätte Adorno zur AfD gesagt? Eine inhaltliche Antwort liefert jetzt ein bislang noch ungedruckter Vortrag. Am 6. April 1967 referierte der Mitbegründer der Kritischen Theorie an der Wiener Universität. Der dortige Verband Sozialistischer Studenten hatte den Sozialphilosophen eingeladen. Er sprach dabei relativ frei, was für ihn etwas ungewöhnlich war. Adorno selbst hatte dazu handschriftliche Notizen auf sieben Seiten angefertigt. Ein festes Manuskript gab es nicht, er improvisierte demnach zu diesen Stichworten. Auf der Grundlage einer damaligen Tonaufnahme erschien jetzt diese Veröffentlichung. Sie ist mit „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ überschrieben. Damit wurde nicht eine konkrete Fragestellung formuliert, Adorno sprach eben ganz unterschiedliche Aspekte an. Das lässt keine klare Struktur erwarten und so war es denn auch bei diesem Vortrag. Er kann jetzt nachgelesen werden in einem schmalen Band, dem noch ein erläuterndes Nachwort des Historikers Volker Weiß hinzugefügt wurde.

Aus Angst vor der Krise NPD gewählt

Den Anlass für Adornos Ausführungen boten die Wahlerfolge der NPD, die nach 1966 bis 1968 in die jeweiligen Landtage einziehen konnte. Wie sich dies erklärt, war Adornos Thema. Gleich zu Beginn machte er deutlich, dass keine Theorie des „Rechtsradikalismus“, so seine Formulierung, mit dem Anspruch auf Vollständigkeit geliefert werden sollte. Adorno knüpfte an seine Auffassung an, wonach „die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus nach wie vor fortbestehen“ (S. 9). Dabei verwies er auf eine sozioökonomische Erklärung, wonach die „herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals“ zur „permanenten Deklassierung von Schichten“ (S. 10) führe. Und diese wählten für Adorno insbesondere die NPD. Er warnte aber auch vor analytischen Kurzschlüssen, wozu seine sozialistischen Zuhörer wohlmöglich neigen würden. „Man muss in all diesen Dingen sehr vorsichtig sein, dass man nicht zu schematisch denkt …“ (S. 16). Indessen habe eine Angst vor der Krise sich auf die Wahlentscheidung zugunsten der NPD ausgewirkt, ein „Antizipierens des Schreckens“ (S. 19).

Die „durchschlagende Kraft der Vernunft“ als Gegenstrategie

Als Besonderheit solcher politischer Formationen wurde deren Theorielosigkeit benannt. Adorno meinte demgegenüber, dass entscheidend die Kombination von propagandistischen Mitteln und irrationalen Zwecken sei. Dementsprechend richtete sich dann seine Aufmerksamkeit auf die öffentliche Präsenz, wobei auf die formale Mäßigung in den politischen Positionen als diskursive Technik reflektiert wird. „Das offen Antidemokratische fällt weg“, und dann wird Adorno sehr aktuell: „Man beruft sich immer auf die wahre Demokratie und schilt die anderen antidemokratisch“ (S. 37). Überhaupt schrieb er der Agitationstechnik der damaligen NPD einen hohen Stellenwert zu. Da erwähnt Adorno den „Formalismus“ und „Konkretismus“, wobei letzteres angebliche besondere Ereignisse meint, die es aber dann gar nicht in der Realität gegeben hat. Wer denkt da nicht an die „Fake News“ aus sozialen Medien und Internet. Adorno beschwor am Ende als bedeutsame Gegenstrategie die „durchschlagende Kraft der Vernunft“ (S. 55).

Viele Gemeinsamkeiten mit der gegenwärtigen Situation

Dieser Appell des Philosophen wirkt angesichts von Emotionalisierung und Polarisierung für die gegenwärtige Welt überaus idealistisch. Gleichwohl ist es mehr als nur verständlich, wenn man darauf setzt. Die gleich einsetzende Skepsis spricht nicht für die Umsetzung eines öffentlichen Vernunftgebrauchs. Gegenwärtig werden solche Denkungsarten immer mehr in Frage gestellt. Umso beachtenswerter ist Adornos Erinnerung daran, welche aber gegenwärtig für eine gewisse Hilflosigkeit steht. Was macht die Betrachtungen des Sozialphilosophen aber heute noch interessant? Blickt man auf die grundsätzlichen Ausführungen und lässt den zeitgenössischen Kontext weg, so können viele Gemeinsamkeiten mit der gegenwärtigen Situation ausgemacht werden. Allein die erwähnte Berufung auf die Demokratie mit der Erwähnung einer Umdeutung macht dies deutlich. Gleichwohl durfte man damals und darf man heute nicht Adornos Anspruch an bloße Reflexionen überschätzen. Gleichwohl lesen sich nicht wenige Aussagen wie ein Kommentar zu den AfD-Wahlerfolgen.

Theodor W. Adorno, Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag. Mit einem Nachwort von Volker Weiß, Berlin 2019 (Suhrkamp-Verlag), 86 Seiten, 10,-- Euro.