Zum Holocaust-Gedenktag

Der 27. Januar, der Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945 hat inzwischen seinen festen Platz in Deutschland.

Zumindest zwei Bundespräsidenten haben gewollt oder ungewollt Spuren hinterlassen. Richard von Weizsäcker mit seiner Ansprache vom Mai 1985 im Deutschen Bundestag zum 40. Jahrestag der Befreiung vom NS-Regime am 8. Mai 1945 und Roman Herzog, als er 1996 den 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag bestimmte. Weizsäckers Rede brachte ihm viel Zustimmung, aber eben so viel Kritik ein. Weizsäcker war es, der den Bundesbürgern endlich klar machte, was das war, der 8. Mai 1945: Der Tag der Befreiung für fast einen ganzen Kontinent von der deutschen Tyrannei. Bis dahin stand das Datum für die einen als der Tag der Niederlage, der Kapitulation, des Zusammenbruchs – ein Tag also, an dem es nichts zu feiern gab. Für die anderen die während der NS-Herrschaft verfolgt worden waren, war diese Bezeichnung völlig inakzeptabel. Für die anderen war, ist und bleibt der 8. Mai 1945 der Tag der Freiheit. Von Weizsäcker hat sich durchgesetzt, diese Debatte beendet.

Ähnlich war die Lage Mitte der 90er Jahre, als um über deutsche Schuld und Verantwortung immer heftiger gestritten wurde. Roman Herzog, damals Bundespräsident, wollte dem ein Ende setzen. Er beriet sich deshalb mit den Führungsleuten der Bundestagsfraktionen, was zu machen sei, und schlug vor, an einem bestimmten Tag der NS-Opfer zu gedenken. Wer auf den 27. Januar gekommen ist, kann heute nicht mehr ausgemacht werden. Herzog trat jedenfalls an die Öffentlichkeit mit der Feststellung, dieser Tag werde künftig den NS-Opfern gewidmet sein: Der Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. Dieser Ort des Schreckens hatte sich zu jener Zeit längst als Inbegriffs des NS-Terrors durchgesetzt.

Im Jahr darauf zeichnete sich vielerorts genau das ab, was Herzog unbedingt vermeiden wollte: Gedenkstunden im schwarzen Anzug, Festreden, Kränzen an irgendwelchen Denkmälern und dann zurück in den Alltag. Nach und nach änderte sich das – mal von selbst, mal durch Initiativen vor Ort. Den Anfang machten Schulen. Lehrer und Schüler entwickelten Projekte, die einen Bezug zu ihrem Umfeld hatten: Wie war das damals bei uns? Wurde hier verfolgt? Wie war das mit „unseren“ Juden, Kommunisten, Kirchen, Sozialdemokraten? Sind hier auch behinderte Menschen deportiert und ermordet worden? Wer hat hier am 9. November 1938 die Synagoge angezündet usw. usw.? So geht das heute immer noch weiter. Es werden Jahr für Jahr neue Projekte entdeckt oder entwickelt.

Es ist höchste Zeit, Roman Herzog für diese Initiative zu danken. Der Holocaust-Gedenktag hat in der Bundesrepublik Deutschland inzwischen einen festen Platz in jedem Jahr. Nur die Kalendermacherhaben das noch nicht mitgekriegt. Wir alle könnten das ändern – indem wir ihnen das Versäumnis vorhalten. Nach 14 Jahren Tiefschlaf.

23. 01. 2010 - Heiner Lichtenstein

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