Wolfgang Niedecken von BAP über sein Engagement gegen Rechts

Von Interview: Susanne Dohrn
04.05.2009 - Arsch huh und Zäng usseinander!

Am 9. Mai wollen die Rechten in Köln einen Anti-Islam-Kongress veranstalten. Den Biedermännern der rechtspopulistischen „Bürgerbewegung pro Köln“ entschieden gegenüber zu treten fordert der Kölner SPD-Chef Jochen Ott. Wolfgang Niedecken von BAP stimmt zu: „Die Die Rechten machen die Einwanderer zu Sündenböcken für soziale Probleme.“

Was ärgert Sie an „Pro Köln“?

Wolfgang Niedecken: Der Kölner ist sehr heimatverliebt. Die Rechten haben es mit einer Partei in den Stadtrat geschafft, die diese Köln-Verliebtheit ausnutzt, indem sie sich „Pro Köln“ nennt.

Was macht denn „Pro Köln“ so gefährlich?

Das Ausnützen von Uninformiertheit. Wir leben in einer Zeit, in der man aus den Medien alles erfahren kann, wenn man sie zu nutzen weiß. Andererseits ist der Boulevard-Anteil so hoch geworden, dann man viele Leute über eine lange Zeit an der Nase herumführen kann. Die verkürzen, verknappen, verzerren und bereiten den Weg für Welt-Erklärer aus den extremen Parteien.

Die machen vor allem Stimmung gegen Zuwanderer.

Die nutzen Vorurteile aus. Der Moscheebau in Köln war ein gefundenes Fressen. Statt über verfehlte Integrationspolitik zu reden und etwas dagegen zu unternehmen, machen sie die Einwanderer zu Sündenböcken für soziale Probleme. Darüber habe ich mich schwarz geärgert. Wo immer ich die Gelegenheit hatte, habe ich das in Interviews angeprangert, aber ich bin lange Zeit nicht gehört worden. Das gibt’s halt, das muss man aushalten, hieß es. Das hat sich 2008 plötzlich geändert.

Da wollten die Rechten einen Anti-Islamisierungs-Kongress veranstalten, wie auch in diesem Jahr.

Da war der Punkt erreicht, an dem die Kölner gesagt haben: Jetzt reicht’s. Der Widerstand begann. Das fing mit ganz fantasievollen Aktionen an: Die Bierdeckel auf denen stand „Kein Kölsch für Nazis“. Das ist die kölsche Höchststrafe. Aus allen Ecken hörte man großartige Ideen. 11 000 Bauchtänzerinnen und Bauchtänzer gegen rechts, die eine Blockade rund um den Hauptkundgebungsort der Rechten, den Heumarkt vorhatten. Es kam immer mehr dazu. Schließlich wurde noch das Konzert organisiert, wieder von den Arsch huh-Bands, so dass an dem Tag kein Rechter durchkam. Der Anti-Islamisierungskongress wurde mit zivilen, kreativen Maßnahmen verhindert.

Sie engagieren sich schon lange gegen Rechts. Legendär sind die „Arsch Huh“-Konzerte. Wie kam es dazu?

Das war am 9. November 1992, dem Jahr, in dem in Deutschland die Asylantenheime brannten. Da ist die Kölsch singende Szene auf die Idee gekommen, auf dem Chlodwigplatz in der Innenstadt ein Konzert zu veranstalten. Wir haben das mit einer Single finanziert, für die ich den Text geschrieben habe und der Kölsche Grieche Nick Nikitakis die Musik: „Arsch huh und Zäng usseinander“ (Arsch hoch und Zähne auseinander). Es war ein Riesenerfolg. Mehr als 100 000 Menschen sind gekommen, die damit zum Ausdruck gebracht haben, dass sie sich der braunen Flut entgegenstellen. Das führte zu weiteren Konzerten in Frankfurt und Leipzig.

Und jetzt sind sie zuständig für gegen Rechts?

Wenn es gegen Rechts geht, heißt es, „das machen die Leute von Arsch huh“. Aber wir allein können dem Thema nicht beikommen. Das ist ja auch ein Phänomen der Jugend. Da müssen die Musiker aus ihrer Generation kommen. Je weiter man nach Osten kommt, umso mehr Jugendliche sehe ich, die wenig Chancen bekommen und deshalb leicht verführbar sind. Wir aber sind die Band der Elterngeneration.

Trifft es die Rechten, wenn sich jemand Prominentes wie Sie gegen sie stellt?

Das finden die überhaupt nicht gut. Was da an Post und Mails kommt, ist nicht sehr angenehm. Schon wenn ich ihnen den kitschigen Parteinamen abspreche, sind die sauer.

Haben Sie Angst?

Sagen wir es so: Es fällt schwerer, sich normal zu verhalten. Das ist nicht schön.

In Köln leben 120 000 Zuwanderer. Prägt das die Stadt?

Köln hatte immer diesen Spirit des Melting Pot. Die Stadt haben die Römer vor 2000 Jahre gegründet. In Wirklichkeit sind unsere Vorfahren doch alle irgendwann hier her gekommen, und somit allesamt Zuwanderer. Dieses Bewusstsein hat man uns in die Wiege gelegt. Das empfinden die meisten Kölner auch so. Ich wohnte ab meinem 19. Lebensjahr für zwei Jahrzehnte, in einem Haus, in dem ich der einzige Deutsche war. Da wohnten Türken, Italiener. Das ist für viele in meiner Generation etwas ganz Normales.

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