Wegbereiter
Sechs Bewerber hat der Kreiswahlausschuss der Hansestadt Lübeck für die Bundestagswahl am 27. September dieses Jahres zugelassen. Zu ihnen zählt auch der norddeutsche Neonazi Thomas Wulff. Der mehrfach verurteilte Wulff gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Neonazis der Bundesrepublik.
Wulff war Eigenangaben zufolge 1978 zu „politisch organisierten Kameradenkreisen“ aus dem Spektrum der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten“ (ANS/NA) und der NSDAP/AO gestoßen. Den Schritt in die politisch organisierte Bewegung machte Wulff nach einem persönlichen Kennenlernen des damaligen Neonazi-Führers Michael Kühnen 1982. Kühnen, so Wulff, „überzeugte mich davon, dass es wichtig war, wieder eine Organisation zu schaffen, die ganz deutlich für die Ideale und Ziele unserer Weltanschauung eintrat.“ In den 80er Jahren gehörte Wulff als Bundesvorstandsmitglied der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) an. Im Mai 1986 hielt er sich besuchsweise in der DDR auf, der „Führungskader der FAP“, so ein Eintrag in einer Akte des Ministeriums für Staatssicherheit“, war „in uniformähnlicher Bekleidung“ aufgetreten. Jedoch ergaben die eingeleiteten Kontrollmaßnahmen, so hieß es in der Akte, „keine Anhalte auf feindliche Aktivitäten“.
1989 rief Wulff mit seinem damaligen engen Vertrauten Christian Worch in Hamburg die „Nationale Liste“ (NL) ins Leben. Die „Partei des neuen Nationalismus“ hatte den Kampf gegen die „Überfremdung unseres Vaterlandes“ und die „irrigen Versuche der ‘Ausländerintegration’“ auf ihre Fahnen geschrieben. Die „Nationale Liste“wurde 1995 verboten. Als Reaktion auf die durch zahlreiche Vereinsverbote seit 1992 „heimatlos“ gewordenen Neonazi-Kräfte setzte Wulff gemeinsam mit Worch ein Konzept um, das die Vernetzung der Neonazi-Szene in einem Geflecht scheinbar strukturloser „Kameradschaften“ vorsah. Dem Konzept gab Wulff den Namen „Freie Nationalisten“ – mit dem Symbol der schwarzen Fahne. In der Neonazi-Zeitschrift „Zentralorgan“ wurde dazu ausgeführt: „Ein freier Nationalist ist ein Kamerad oder eine Kameradin, welche/r sich zu allererst dem Volke und der Nation verpflichtet fühlt. Für mich bedeutet dies, dass ich immer wieder versuche, trotz aller Spaltungsversuche und Abgrenzungsbeschlüsse innerhalb der nationalen Opposition, das gemeinschaftliche Handeln in den Vordergrund zu stellen.“ Mit einem gemeinsamen Aufruf mit der NPD zu einer Kundgebung Ende des Jahres 2003 wurde Wulff zum Wegbereiter neuer Beziehungen zwischen Freien Nationalisten und der NPD.
Im September 2004 trat Wulff gemeinsam mit den Neonazis Thorsten Heise und Ralph Tegethoff der NPD bei. In ihrer Begründung erklärten die Neonazis, seitens der NPD sei der Wille zu spüren gewesen, „sich als Partei deutlich in das Gesamtgefüge einer Bewegung des Widerstandes einzufügen“. Bereits im Folgemonat Oktober wurde Wulff in den Bundesvorstand der NPD gewählt und avancierte zum persönlichen Referenten des NPD-Parteivorsitzenden. Im Mai 2008 schied Wulff vorübergehend aus dem NPD-Bundesvorstand aus, dem er seit April 2009 wieder angehört.
Bundesweite Schlagzeilen lieferte Wulff bei der Beisetzung des Altnazis Friedhelm Busse am 26. Juli in Passau 2008. Im Beisein des NPD-Vorsitzenden Udo Voigt legte Wulff auf dem bereits abgesenkten Sarg Busses eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz aus. Bei dem damaligen Bündnispartner der NPD wurde das offenkundig nicht gern gesehen. Gerhard Frey, der langjährige frühere DVU-Bundesvorsitzende, kritisierte Wulffs Aktion in der „National-Zeitung“ folgendermaßen: „Dass jede Form oder auch Andeutung von Neonazismus der antideutschen Meinungsindustrie willkommen ist, wird kaum jemand bezweifeln, der die Polemik fast aller Massenmedien verfolgt. Umso unverständlicher ist es, wenn es immer wieder Deutsche gibt, die durch Andeutung von Neonazismus oder dessen Symbolen genau das darstellen, worauf das antideutsche Lager der ‘westlichen Wertegemeinschaft’ so sehnlich wartet und wofür Tausende Agenten eingesetzt werden.“ Frey abschließend: „Jeder Patriot sollte sich ... wehren, was in Richtung Nazismus und Neonazismus führen könnte. Abertausende V-Leute der Geheimdienste betreiben dieses schmutzige Geschäft. Aber kein aufrechter Deutscher darf sich daran beteiligen.“
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