Virtueller Tummelplatz

Im Thiazi-Forum trifft sich das komplette Spektrum der extremen Rechten zum Meinungs- und Informationsaustausch oder zur „politischen Diskussion“.

Zusammen mit seinen Vorläufern hat das neonazistische Thiazi-Forum eine über zehnjährige Kontinuität als szene-übergreifende und strafbare Kommunikationsplattform wie virtuelle antidemokratische Parallelgesellschaft. Hier werden braune Veranstaltungen, Konzerte und Websites beworben oder Szene-Ereignisse mitgeteilt und – teilweise konträr – diskutiert und kommentiert. Mehr als eine Million Foren-Beiträge spiegeln Indoktrination, Hetze und Mobilisierung zu Neonazi-Events ebenso wieder wie soziale Probleme, Essensgewohnheiten oder Fragen zu Hundehaltung und Kindererziehung. Das Thiazi-Forum ist als Tummelplatz des kompletten Spektrums der extremen Rechten sowie potenzielle Einstiegsmöglichkeit zum Neonazismus für rechtsaffine Jugendliche das relevanteste deutschsprachige Neonazi-Forum. Gerade die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen ist – laut Alexa-Statistiken – unter den Besuchern des Forums überrepräsentiert.

Entstanden aus dem Forum der Neonazi-Site „White Power MP3“ (WPMP3), fusionierte der Vorläufer des Forums 2004 mit dem internationalen Skadi-Forum als dessen deutschsprachiger Bereich und spaltete sich drei Jahre später als Thiazi-Forum wieder ab. Im gleichen Jahr wurde das Forum von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) wegen Verherrlichung des Nationalsozialismus als jugendgefährdend indiziert. Trotz der Aufnahme ins so genannte „BPjM-Modul“, einer Blacklist unzulässiger Websites, die auch deutsche Suchmaschinen integriert haben, kommen über 70 Prozent der Forenbesucher aus dem deutschsprachigen Raum. Laut foreninterner Umfrage sind fast zwei Fünftel der angemeldeten Nutzer per Suchmaschinen zum Forum gekommen, ein weiteres knappes Drittel durch die Empfehlung von „Kameraden“.

Mehr als die Hälfte aller Forenbeiträge konzertieren sich auf den „Musikbereich“, die Bereiche „Nachrichten“ und „politische Diskussion“ und den so genannten „Stammtisch“. Allein der Musikbereich verzeichnet über 131 000 Beiträge, darunter Links zu Onlinepräsenzen rechtsextremer Musiker oder Ankündigungen wie einem Neonazi-Konzert mit den Bands „Stahlgewitter“, Radikahl“ und anderen Ende August „in West-Europe“ und dem „Rock tegen Kapitalisme“ im Oktober in den Niederlanden, bei dem der Kölner Axel Reitz und die deutschen Neonazi-Bands „Carpe Diem“ und „Libertin“ auftreten sollen. Der Musikbereich des Forums bietet darüber hinaus eine umfangreiche wie umfassende Liste rechtsextremen Liedguts.

Mehr als 200 000 Beiträge gibt es in den Bereichen „Nachrichten“ und „politische Diskussion“ zu politischen Themen und Ereignissen. Hier wird kommentiert, aber auch gezielt agitiert und angesprochen – Pressemeldungen und Aufrufe (in) der Szene werden hier ebenso verbreitet wie Veranstaltungen, Aufmärsche und Konzerte beworben. Hier sind Diskussionen über „Ausländerkriminalität“ ebenso zu finden wie der von Ursula Haverbeck in der Szene weitergeleitete Spenden-„Hilferuf von Horst Mahler“ oder „Freie Nationalisten Nürnberg: Schulung mit Patrick Schröder vom Widerstand Weiden!“.

Holocaust-Leugnung in der „Plauderecke“

Mit weit über 300 000 Beiträgen ist der so genannte „Stammtisch“ die forengrößte „Plauderecke für alles, was euch am Herzen liegt“. In diesem Socialising-Bereich stellen sich Mitglieder vor, existiert ein Familienbereich und wird das, was sonst offenbar nicht passt, gepostet. Das Spektrum der Diskussionen ist breit und reicht von „Fragen zur Hundehaltung“ bis zu „Liste prominenter Juden“ oder „Was tun gegen Zigeuner?“ – hier wird beispielsweise ausgeführt: „Solange die BRD existiert, wirst du den Zigeunerdreck ertragen müssen. Dieses widerliche Pack steht, wie der Jude, Schwule und anderes, unter Minderheitenschutz. Und Minderheiten regieren die Masse in der BRD. Aber irgendwann wird man mit ihnen wieder richtig verfahren.“

Eine knappe halbe Million Zugriffe hat das Thema: „Holocaust: Betrug des 20. Jahrhunderts?“, das mit einer Umfrage und einer Zusammenstellung von 49 Thesen und Aussagen des Buchs: „Der Holocaust-Schwindel“ des fanatischen Revisionisten Jürgen Graf eingeleitet wird, ergänzt durch Links zu einschlägigen Holocaust-leugnenden Websites. Bei der Abstimmung, ob der Holocaust stattgefunden habe, votierten bisher weit über die Hälfte für die Antwortmöglichkeiten „natürlich nicht“, während knapp 40 Prozent dafür votierten, dass der Holocaust in irgendeiner Form stattgefunden hat. Immerhin jeder Achte stimmte der Aussage zu: „Natürlich. Und zwar ziemlich genau so, wie von der etablierten Geschichtsschreibung dargestellt.“, aber auch jeder Zehnte erklärte klar: „Juden wurden im Gegenteil vom Dritten Reich vor Ausschreitungen und dem Tod beschützt. (…) Das Verhalten das Dritten Reiches bezüglich der Juden war im Großen und Ganzen vorbildlich.“

Zu den zehn meistgelesenen Beiträgen zählen mit 167 000 Zugriffen auch jene zur „Neuen Nationalistischen Plakatkunst“, die der zu den Vielschreibern zählende süddeutsche Unternehmensberater Wolfgang G. als „Werkschau“ nutzt. Unter dem Pseudonym „Wolfgang Reinhard“ erstellte er seit 2002 über 700 rasssistische, antisemitische oder NS-verherrlichende Propagandaplakate. Darüber hinaus setzt er seine „Werke“ gezielt ein für „Weltnetz und Seminare. Per Link zu Thiazi führen wir die Leute hin“ – über Kommentare in Gästebüchern, bei Altermedia oder Beiträge in Neonaziforen wie Stormfront, Skadi oder dem Nationalen Forum Deutschland der NPD, bei dem „Wolfgang Reinhard“ ebenfalls aktiv ist.

Privataufnahmen von „Raginhild“

Das Gros der Forenbeiträge ist frei zugänglich – dennoch verzeichnet Thiazi mehr als 20 600 angemeldete Mitglieder „aus allen Teilen der Welt“, von denen viele Profilbilder mit strafbarer Symbolik oder rassistische und antisemitische Hetze als Signatur nutzen. Forenintern gelten 2800 davon mit 15 und mehr Beiträgen als „aktive Nutzer“. Forenbetreuer „Dom“ führt diese „Hitliste“ mit über 8700 Beiträgen, gefolgt von Forenunterstützer „Wolke“ mit 7200 Beiträgen.

Eine weitere Thiazi-Vielschreiberin ist mit mehr als 3200 Beiträgen „Raginhild“ – hinter dem Pseudonym steht die einschlägig bekannte Thüringer Neonazi-Aktivistin Isabell Pohl, die zuvor als „Celticfrica“ agierte. Pohl, deren Texte auch auf NPD-Sites publiziert sind, stellt bei Thiazi diverse Privataufnahmen von sich – unter anderem im Dress der von ihr gegründeten Neonazi-Frauentruppe „Aktive Frauen-Fraktion“ (AFF) – und von ihren Kindern zur Schau. Nicht nur bei Thiazi agiert nach Ansicht von Kennern der Szene unter dem Pseudonym „Patrik.sxe“ der Thüringer Neonazi-Kader und Aktivist von Volksfront Medien Patrick Wiedorn, bei dem unter anderem im Zusammenhang mit einer bundesweiten Razzia wegen des Verdachtes auf Fortführung der verbotenen Organisation „Blood&Honour“ im März 2006 eine Razzia stattfand.

Unter „Klarnamen“ agiert der Münchner Neonazi Norman Bordin. Er nutzt das Forum zum Bewerben und Diskutieren von Veranstaltungen und Aufmärschen, wie die diesjährige Rudolf Heß-Gedenkveranstaltung in Budapest. Auch Christian Worch ist bei Thiazi zu finden, wenngleich weitaus sporadischer als andernorts.

„Widukin“ sucht Mitstreiter für seine „Bruderschaft“

Auch weniger bekannte Szene-Aktivisten agieren hier unter bürgerlichem Namen. So sucht der notorische braune Webaktivist Bernd G. aus dem hessischen Wölfersheim Mitstreiter für seine „Bruderschaft“, ein auf der Community-Plattform Ning betriebenes Netzwerk von 150 Neonazis. Der auch als „Widukin“ agierende 48-Jährige war in der stillgelegten NPD-Community Kennwerk von Franz Frank aktiv und agiert in diversen neonazistischen Ning-Communites – auf dieser Plattform verzeichnet er fast 800 Kontakte.

Thiazi finanziert sich zu einem großen Teil über Spenden der Mitglieder. Spender haben den Status des „Förderers“ des Forums und bekommen Zugang zu einem internen Forenbereich, über den MP3-Dateien getauscht werden. Zu den – zahlreichen – finanziellen Unterstützern zählt „FN-Jena“, der sich mit einem Profilbild des „Braunen Hauses“ Jena vorstellt oder „Geheimkult“, der beim so genannten „Nationalen Demonstrationsbeobachter“ aktiv ist und zahlreiche Beiträge zu Videobeiträgen rechtsextremer Aufmärsche und Veranstaltungen beisteuert. Eine weitere Finanzierungsquelle sind Werbeeinblendungen neonazistischer Online-Versandhändler. Derzeit finanzieren so der rechtsextreme Versand PC Records und das Szene-Modelabel Ansgar Aryan das Forum mit monatlichen Beiträgen und so die neonazistische Hetze bei Thiazi.

06. 08. 2009 - Rudolf Kleinschmidt

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Dreck weg!