Subkultur unter sich

Das „Fest der Völker“ im thüringischen Pößneck entpuppt sich als europäisches Neonazi-Skinhead-Treffen − bei den Zopf- und Scheitelträgern aus dem national-völkischen Milieu hat es wenig Anklang gefunden.

Tattoos, Glatzen und Hardcore-Parolen – das war der erste Eindruck vom neonazistischen „Fest der Völker“ im thüringischen Pößneck. Hinter hohen Absperrgittern tummelten sich am Samstag nur rund 500 zahlende Gäste auf dem Hinterhof des „Schützenhofes“ von Jürgen Rieger. Der vom „Freien Netz“ um Thomas Gerlach sowie von den Jenaer Altkadern Andre Kapke und Ralf Wohlleben organisierte Konzert-Event blieb damit weit hinter den Besucherzahlen der letzten Jahre und auch den Veranstaltungen in Gera und Arnstadt zurück. Auch konnte die Neonazi-Veranstaltung in der Straße des Friedens keinerlei Außenwirkung geltend machen. Zwei Blockaden junger thüringischer Nazigegner und Gewerkschafter machten den Zutritt umständlich. Einige einheimische Familien flanierten an der Absperrzone vorbei, trauten sich jedoch nicht auf das hermetisch abgeriegelte Gelände. Das Erscheinungsbild des „Fests der Völker“ entsprach weniger dem Ideal des NS-Vorbildes von Leni Riefenstahl, „Olympia – Fest der Völker“, als einem europäischen Neonazi-Skinhead-Treffen.

Obwohl die alte Industriestadt im Südosten des Bundeslandes sich offiziell bunt herausgeputzt hatte und eine „Meile der Demokratie“ in der Innenstadt ausrichtete, beteiligten sich nur wenig Einheimische am Protest gegen das Treiben im Schützenhaus. Zu sehr scheinen sich schon viele mit dem Neonazi-Treffpunkt oberhalb des Stadtzentrums abgefunden zu haben. Riegers Immobilie konnte sich in Pößneck etablieren. Dort wohnen alltags wie an den Wochenenden junge Neonazis, sie werkeln an dem riesigen Gebäude herum oder feiern.

Medien werden hinter die Absperrung verbannt

Bewacht von einem vielköpfigen Ordnerdienst des „Freien Netzes“, mit Anhängern aus Sachsen-Anhalt und Sachsen, fanden sich ab Mittag die Gäste ein. Sie reisten vor allem aus den neuen Bundesländern, wenige aus Rheinland-Pfalz, Berlin oder Hessen, aus Österreich, Tschechien, Ungarn, Schweden, Spanien, der Schweiz, Bulgarien, Estland und Zypern an.

Fachjournalisten durften nicht auf das Gelände, zwei TV-Teams des MDR konnten nur für fünf Minuten zwischen den Verkaufsständen, Bierbude und Wurststand filmen. Ansonsten wurden die Medien hinter die Absperrung verbannt, Aufnahmen waren schwierig, da sich Ordner in den Weg stellten oder Transparente die wenigen Einblicke noch verdeckten. Anti-Antifa Kapke, der auf Neonazi-Demonstrationen seit Jahren Gegendemonstranten ablichtet, versuchte, Druck auf die Polizei auszuüben, drohte mit Unruhe bei seinen Gästen, wenn unbequeme Journalisten zu nahe kämen. Eine Zeitlang wirkte die Einsatzleitung der Polizei verunsichert. Journalisten, nicht Neonazis hatten sich zurückzuziehen. Anderen wurde untersagt zu filmen oder zu fotografieren. Es dauerte über eine Stunde und bedurfte einigen Protestes, bis wieder unter widrigen Umständen von außen dokumentiert werden konnte.

Laut Neonazi-Angaben sprach als erster internationaler Redner Milan Szeth aus Ungarn, danach Pascal Trost aus der Schweiz, der mit einigen Anhängern unter anderem mit der Kennzeichnung „Division Helvetia“ angereist war. Einen Klapptisch trug Matthias Fischer vom „Freien Netz Süd“ aus Bayern, er machte mit seinen Leuten Werbung für einen erneuten Aufmarsch im fränkischen Gräfenberg.

Ein riesiges Transparent mit der Aufschrift „Europe awake“ schmückte die Bühne. An den Wänden der Außengebäude hingen Parolen wie „Ein Gruß in alle Haftanstalten, wir werden immer zu Euch halten“, „Südtirol ist nicht Italien“ oder „Jugend braucht Perspektiven – Für die Schaffung nationaler Jugendzentren“. Letzteres Transparent stammt von Aktivisten aus dem Raum Berlin, die sich „Vereinte Nationalisten Nordost“ nennen. Die NPD war mit einem kleinen Tisch am Rande der Veranstaltung vertreten, Funktionäre der Partei, die jüngst in Thüringen bei den Landtagswahlen mit 4,3 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, waren nicht zu sehen. Auch Jürgen Rieger hatte anderes zu tun. So organisierte er am Freitagabend einen kleinen Neonazi-Aufzug mit 90 Teilnehmern gegen das alternative Schanzenfest in Hamburg, stieß allerdings in der Hansestadt auf breiten Protest. Noch ganz aufgebracht wegen der massiven Gegenreaktionen, ließ er bei seinem Besuch der NPD-Demonstration am folgenden Samstag in Hannover seiner Wut immer wieder freien Lauf, wie Medienvertreter berichteten. Cholerisch schrie der Immobilienmillionär in Richtung Gegendemonstration und plusterte sich vor den Kameras auf.

„Nationalisten kaufen bei Nationalisten“

Es war wohl kein Zufall, dass das „Fest der Völker“ in Pößneck weder von ihm noch von der NS-Szene bundesweit besonders aufgenommen wurde. Den größten Teil der Besucher schienen die ausländischen Gäste zu stellen. Auf dem Innenhof schienen Männer mit auffälligen Tattoos und Glatzen, sowie Old-School-Skingirls in der Überzahl. Immer wieder war irgendwo „Arische Bruderschaft“, „Jungs für’s Grobe“ oder „Supporter“ zu lesen. Kenner der Szene ordnen einen Teil der Besucher in die Nähe des in der Bundesrepublik Deutschland verbotenen internationalen neonazistischen „Blood&Honour“-Netzwerkes ein. Andere ähnelten den ehemaligen Berliner Nazi-Rockern „Vandalen“ oder trugen Lederwesten mit der Kennung „Wolfs Hook Brotherhood“. Einer machte Werbung für einen „Sniper-Shop“ in Tschechien. „Fuck Israel“ war zu lesen. Manche brüsteten sich als Teilnehmer des „Salem“-Marsches in Schweden 2007 oder mit einem „Berserker-Treffen“ vom vergangenen Jahr.

„Nationalisten kaufen bei Nationalisten“ − diese ökonomische Strategie aus den Reihen von NPD und Freien Kräften scheint Anklang zu finden. Denn fast alle waren sie in Pößneck nur in Szene-Marken wie Pit Bull, Doberman, Masterrace oder Erik & Sons gekleidet. „Keine Gnade“, „Terror Terror Terror“, „Spezialist für Körperverletzung“ oder ein am Galgen zappelnder Mensch mit der Überschrift „Dancing in the Air“ war auf der Bekleidung zu lesen. Eine große Gruppe von Teilnehmern trug bayerische Lederhosen und einheitliche Hemden mit der Aufschrift „Südtirol bleibt deutsch“, sie fielen damit ins Auge. Immer wieder war auch „Ian Stuart“ oder „Skrewdriver“ zu lesen. Unter den kleinen Gruppen Autonomer Nationalisten trugen einige bunte Ringelpullover, andere fotografierten vom Gelände aus die nahe antifaschistische Kundgebung.

„Spezialist für Körperverletzung“

Eine junge Mutter im Renee-Look hatte auf ihrem Shirt „N.A.Z.I“ stehen („Natürlich; Anständig; Zuverlässig; Intelligent“). Während sie Medienvertretern außerhalb des Veranstaltungsortes aggressiv den Stinkefinger zeigte, trug sie ihre kleine, scheinbar verängstigte Tochter auf dem Arm – auch das etwa dreijährige Mädchen im Szene-Shirt, mit „28“- Aufdruck für „Blood&Honour“.

Rechtsrock-Bands wie „Verszerzödes“ aus Ungarn oder „Rotte Charlotte“ aus Mönchengladbach wechselten sich mit weiteren Rednern wie Varenus Luckmann aus Schweden oder dem radikalen Bojan Rassate aus Bulgarien, Enrique Valls aus Spanien, dem Prager Patrik Vondrak oder der Britin Nina Brown von der „British National Party“ ab. Brown berichtete über kommunale Erfolge ihrer Partei und den Einzug ins Europa-Parlament. Sie ließ sich von einem „Freies Netz“-Aktivisten übersetzen. Luckmann kam als Vertreter der schwedischen „Autonomen Nationalisten“, Landsmann Dan Eriksson stand für die „Nationaldemokraterna Ungdorm“, einer Parteijugendorganisation. Er soll Angaben der Szene zufolge alltägliche Repressionen gegen Nationalisten angeprangert und gefordert haben, „sich gegen diese endlich auch aktiv zur Wehr zu setzen“. Der Bulgare Rassate, Chef der „Bulgarski Nationalen Sajuz“ (BNS) gilt als fanatischer Antiziganist. In Südosteuropa, vor allem in Ungarn, ist es in letzten Monaten zu grausamen Überfällen und rassistisch motivierten Mordserien an Roma-Familien gekommen. Auch „Kolovrat“, das Label einer Moskauer Hardcore-Naziband, war zu lesen. Allein 2007 waren in Russland 67 Menschen von extrem Rechten getötet und 550 andere verletzt worden.

Auf dem Festgelände tummelte sich auch ein ehemaliger „Einheitsführer“ einer in der Bundesrepublik verbotenen Neonazi-Organisation. Ragnar Dam, ehemaliger Student aus Greifswald und Funktionär bei der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ war mit Freundin aus Hessen angereist. Insgesamt aber schien das international anmutende „Fest der Völker“ gerade bei den Zopf- und Scheitelträgern aus dem national-völkischen Milieu auf keinen großen Anklang zu stoßen. Unter einheimischem Brauchtum und Kultur verstehen sie wohl etwas anderes.

14. 09. 2009 - Andrea Röpke

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