Solidarische Landsleute

Von Gudrun Giese
02.02.2010 - Die dänischen Juden konnten in der NS-Zeit auf Rückhalt in der Bevölkerung zählen ­­– der starke Widerstand führte dazu, dass die Nazis tatsächlich Zugeständnisse machen mussten.

Er hat als Jugendlicher im Alter von 14 Jahren schreckliche Grausamkeiten beobachtet, hat gehungert und ist geschlagen worden: Salle Fischermann, ein dänischer Jude, wurde 1943 mit seiner Mutter und drei Geschwistern ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und musste 18 Monate seines Lebens dort verbringen. Doch trotz dieser furchtbaren Erfahrung wirkt Salle Fischermann heute nicht wie ein gebrochener Mensch. Im Gegenteil. Packend und engagiert schilderte der 80-Jährige seine damaligen Erlebnisse anlässlich einer Veranstaltung zum Jahrestag der Wannsee-Konferenz am 20. Januar in der Berliner Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“.

Im Unterschied zu fast allen übrigen europäischen Staaten gab es in Dänemark zur Zeit der deutschen NS-Herrschaft keinen nennenswerten Antisemitismus. „Wir waren für unsere Mitbürger an erster Stelle Dänen. Dass wir auch Juden waren, spielte keine besondere Rolle“, berichtete Salle Fischermann. Und so konnte die große Mehrzahl der rund 7000 dänischen Juden nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen im Jahr 1940 mit Unterstützung ihrer Landsleute flüchten, in vielen Fällen nach Schweden. Die Familie Fischermann, die damals in Kopenhagen lebte, hatte jedoch das Unglück, zu den etwa 470 dänischen Juden zu gehören, die von den deutschen Besatzern nach Theresienstadt gebracht wurden.

Das „Vorzeigelager“ wird für einen Propagandafilm aufgemöbelt

In diesem nahe bei Prag gelegenen Konzentrationslager lernte Salle Fischermann sehr schnell die ganze Bandbreite zwischen Nazi-Propaganda und alltäglicher Grausamkeit kennen. Denn Theresienstadt war zum „Vorzeigelager“ auserkoren; schon bei der Wannsee-Konferenz Anfang 1942 sei das festgelegt worden, erklärte bei der Veranstaltung Gedenkstättenleiter Norbert Kampa. Salle Fischermann erlebte aus nächster Nähe, wie das Lager für einen Propagandafilm aufgemöbelt wurde, denn der Jugendliche assistierte dem jüdischen Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron bei den Dreharbeiten als Kabelträger. „Es war ein riesiges Paradox“, erinnerte sich Fischermann. „Hier wurden lachende Menschen bei ihren scheinbar normalen Beschäftigungen gefilmt. Und im Lageralltag hungerten sie und wurden am Ende nach Auschwitz deportiert.“ Auch Kurt Gerron, der sich von seiner Mitwirkung an dem Propagandastreifen persönliche Vorteile versprochen hatte, kam in Auschwitz zu Tode.

Lebensmittelpakete aus Dänemark ermöglichten das Überleben

Für die in Theresienstadt gefangenen dänischen Juden gab es hingegen von Anfang an die Gewissheit, dass sie nicht in ein Vernichtungslager transportiert würden. Der Widerstand in Dänemark gegen die Besatzer war im Verlauf des Zweiten Weltkriegs immer stärker geworden, so dass die Nazis hier tatsächlich Zugeständnisse machten. „Wir erhielten auch Lebensmittelpakete aus Dänemark, was sicher maßgeblich unser Überleben ermöglicht hat.“ Denn in den ersten Wochen nach ihrer Festsetzung starben allein vierzig der 570 in Theresienstadt gefangenen Dänen an Unterernährung und an den Lagerbedingungen.

Spektakulär und außergewöhnlich verlief auch die Freilassung dieser Gefangenengruppe: Das schwedische Rote Kreuz entsandte vor Kriegsende im April 1945 weiß angestrichene Busse, die die dänischen Juden über das zerstörte Dresden und das brennende Berlin nach Schweden brachten. Diese Aktion war mit Billigung der Nazis und mit Wissen der Alliierten von Schweden und Dänen vorbereitet worden. Die „weißen Busse“ retteten einigen tausend KZ-Gefangenen, etwa auch in Ravensbrück, das Leben.

Salle Fischermanns Erinnerungen sind von Schülerinnen einer Realschule aus Rothenburg ob der Tauber und dem Regisseur Thilo Pohle zu einem Dokumentarfilm verarbeitet worden, in den auch einige erhalten gebliebene Fragmente des Propagandastreifens von 1944 eingefügt sind. Für diese eindrucksvolle Arbeit, die vor allem von den Schilderungen Salle Fischermanns und ihrem Kontrast zu den Propagandaszenen lebt, gab es bei den „Nordischen Filmtagen“ eine Auszeichnung als bester Dokumentarfilm.

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