Lachen mit Clown Ferdinand
copyright: Andrea Röpke
Während an einem der beiden weißen Tipi-Zelte in seinem wenige Kilometer entfernten Heimatdorf Jamel neben anderen Zeichen auch die verbotene Odal-Rune, Zeichen von Hitler- und Wiking-Jugend prangt, feiert Sven Krüger mit zahlreichen Kindern aus seinem Kameradenkreis im eigenen „Thing-Haus“ im Gewerbegebiet von Grevesmühlen ein öffentliches Kinderfest der NPD. Das festungsähnliche Gelände mit Wachturm und von einem hohen Zaun umgeben, wird an anderen Tagen von als äußerst bissig geltenden kaukasischen Schäferhunden bewacht. An diesem Sonntag begrüßen bunte Fahnen die Besucher, die Spitzen einer großen Hüpfburg sind erkennbar.
Der polizeibekannte Abrissunternehmer Krüger, Mitglied des Kreistags von Nordwestmecklenburg, und der NPD-Kreisverbandschef Andreas Theißen empfangen am Eingang die anreisenden Familien. An einem Fahrzeug weht eine Fahne in den Farben des Deutschen Reiches. Die rote Lebensrune am Eingang und zahlreiche Plakate der NPD weisen den Weg. Viele junge Eltern mit ihren Kindern kommen aus dem Landkreis. Die NPD hatte zuvor Einladungen an alle Haushalte verteilt. Zum Angebot zählen Sackhüpfen, Schiebkarrerennen oder Nägel schlagen.
Rote Lebensrune weist den Weg
Dann fährt Sven Krüger persönlich große Gruppen von Familien mit Trecker und Anhänger über das Gelände des Betonwerkes. Provokativ hebt er die Gabel des Frontladers und fährt drohend auf den hohen Zaun zu, hinter dem zwei Zivilbeamte, ein Stadtvertreter und Journalisten das Treiben beobachten. Krüger dreht sich um und ruft Kindern und Eltern auf dem Anhänger etwas zu. Ein Junge streckt die Zunge raus. Alle lachen. Kindererziehung à la Krüger?
Der einzelne Stadtratsvertreter, Mitglied der Bürgerinitiative „Grevesmühlen ist bunt“, wundert sich, dass sich ansonsten niemand für das braune Treiben im Gewerbegebiet von Grevesmühlen interessiert. Auch die örtliche Polizei sieht nach Auskunft eines Ansprechpartners im Grevesmühlener Revier keinen Anlass, Präsenz vor Ort zu zeigen. Von Überprüfungen bezüglich des Jugendschutzes wisse er nichts, so der Beamte. Die Mobile Aufklärung Extremismus (MAEX) sei da zuständig, so der Beamte leichthin.
Familien werden mit kostenlosen Angeboten angelockt
Obwohl einer der Neonazi-Veranstalter vor Jahren als Rädelsführer eines Überfalls auf ein Zeltlager von Jugendlichen in Plau am See galt und einige andere selbst ernannte Erzieher zum Kern der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) gehörten, gibt es augenscheinlich keine öffentlichen Bemühungen, vor den Gefahren von extrem rechten Kinderfesten zu warnen.
Auch in Ueckermünde konnten Neonazis mit kostenlosen Angeboten über hundert Gäste zum Kinderfest in die Innenstadt locken. Während die Ehefrau des NPD-Landtagsabgeordneten Tino Müller kleinen Mädchen die Gesichter bemalte, versuchte Müllers Parteikollege Raimund Borrmann, verkleidet als Clown Ferdinand, die Kleinen aufzuheitern. Andere Kameraden führten nach eigenen Angaben politische Gespräche mit den Eltern.
Die Hemmschwelle zum Besuch solcher Feste ist niedrig. Protest gab es in der Stadt am Haff aber durch das Verteilen von Flugblättern mit der Aufschrift „NPD-Kinderfest – Nein Danke“ des Tacheles Uecker-Randow e.V. Zudem bot ein Stadtvertreter der SPD während des Neonazi-Events kostenlose Filmvorführungen im Kino von Ueckermünde an.
Neonazi wollte finanzschwache Kindertagesstätte übernehmen
Die drohende Gefahr durch eine schleichende Anbiederung von Neonazis an Kinder hatte auch das Sozialministerium in Schwerin erkannt und für den 26. Juli eine Pressekonferenz zum Thema anberaumt. „Mich treibt die Sorge um, Rechtsextreme könnten Träger von Kindergärten werden“, sagte die Ministerin und stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Manuela Schwesig vorab der „Ostsee-Zeitung“. Mehrere Vorfälle, unter anderem der Versuch eines NPD-Mitglieds in Bartow im Landkreis Demmin, die Verantwortung für eine finanzschwache Kindertagesstätte zu übernehmen, hatten Anlass zum Handeln gegeben. Der Neonazi und siebenfache Vater wollte die vor dem Aus stehende Einrichtung ehrenamtlich übernehmen. Der rechte Coup konnte vom Bürgermeister des Ortes verhindert werden. Anja Müller aus Ueckermünde/Ferdinandshof hatte versucht, sich im Kindergarten ihres Sohnes aktiv anzubiedern. (bnr.de berichtete)
Sozialministerin Manuela Schwesig und Annerose Wergin von „Lola für Lulu“ klärten darüber auf, wie Neonazis versuchen, den Nachwuchs frühzeitig auf Kurs eines „völkischen Gemeinschaftslebens“ zu bringen. Mit dem neuen Erlass soll verhindert werden, dass die Verantwortung für private Kindergärten in die Hände von Neonazis fällt, heißt es. So seien bislang allein die Kommunen für die Vergabe von Betriebserlaubnissen für Kindergärten verantwortlich. In Zukunft sollen Betreiber privater Kindergärten nachweisen müssen, dass sie auf dem Boden der Verfassung stehen.
News von bnr.de alle 14 Tage als Mail
Benutzeranmeldung
Hintergrund
